Vom Faden-Verlieren

Wenn ich am Morgen die Wohnung verlasse und mir ein Nackerpatzl folgt, das die Arme noch einmal um die Schultern schlingt und traurig dreinschaut.

Wenn ich mich einordne in die Menschenschlange umgeben von Autos, U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen. Im Ohr Schönes.

Wenn ich umgeben bin von Dingen, die mich ausmachen, aber die ich so wenig ausmache.

Wenn mein Kopf voll mit Terminen und Telefonaten ist, die erledigt werden wollen. Mit Worten und Sätzen, die geschrieben werden müssen.

Wenn ich keine großen Luftsprünge in Gedanken, aber kleine Fußabdrücke, die sichtbar sind, hinterlasse.

Wenn ich auf die Taste mit dem Tassen-Symbol drücke und das Lachen der Kollegin den kleinen Raum auf sympathische Weise zur Gänze ausfüllt.

Wenn ich über den großen Tisch hinweg Themen des neuen-alten Alltags diskutiere. Selektion, Gewichtung, Stoßrichtung. Wer sagte was und warum.

Wenn ich noch rasch zum Supermarkt gegenüber eile und Milch und eine Flasche Wein in die Handtasche stecke.

Wenn ich die Vorfreude kaum aushalte. Auf das kleine Mädchen, das an jedem Abend nach all den großen Menschen so unendlich klein wirkt, wenn es um die Ecke geflitzt kommt.

Dann habe ich oft das Gefühl, den roten Faden verloren zu haben, der mich durch die letzten zwei Jahre begleitet hat. Er ist als Ahnung noch da und lenkt mich. Ich wundere mich dennoch, wo er in seiner überwältigenden Gesamtheit geblieben ist. Große Themen sind aus Zeitgründen klein geworden. Doch ich weiß: Nur weil ich nicht auf sie schaue, sie sind trotzdem groß. Es ist wichtig, über sie zu sprechen und zu schreiben. Wie wenige das tun, wird mir jetzt erst so richtig – richtig – bewusst.

Und der rote Faden, mein roter Faden, der duckt sich fast trotzig im toten Winkel.

Damit habe ich nicht gerechnet, aber ich werde nach ihm suchen. So lange wie nötig.  Um mit ihm durch die neuen Räume zu finden.

Pestilence_o

(Bild via meghanhowland.com (c) Meghan Howland)

3 thoughts on “Vom Faden-Verlieren

  1. Ich weiß so sehr, was du meinst…ich glaube, solange wir versuchen den roten Faden nicht zu verlieren, die losen Ende, die uns durch die Finger zu gleiten, fast verloren scheinen bisweilen…solange wir das versuchen, finden wir uns auch irgendwann wieder, die Hände voll mit rotem Knäuel…Alles Liebe ! P.S.: Ich vermisse dich+deine tollen Beiträge hier auch ein bißchen, denn diese sind manchmal auch MEIN roter Faden🙂 P.P.S.: Seelensprengbild, wow !

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