Ich = junge Mutter

Für dich als junge Mutter. Für eine junge Mutter. Als junge Mutter. Jungmutter. Mutter. Mutter. M U T T E R. Wieder und wieder und wieder flattern diese Worte aus dem Mund des Chefs, als wir meine Zukunft im Unternehmen besprechen. Sie treffen mein Feministinnenherz und bohren sich wie ein Pfeil durch es hindurch.

„Wenn du mich noch einmal als junge Mutter und nicht als Journalistin bezeichnest, stehe ich auf und gehe“ – habe ich natürlich nicht gesagt, sondern geschluckt. Mehrmals. Ist ja super, wenn einem das Unternehmen entgegenkommt. Fordere ich nicht den lieben langen Blog auf und ab, dass Arbeits- und Lebenswelt Veränderungen brauchen – solche, in denen viele verschiedene Lebenskonzepte Platz haben. Auch das der Familie. Super. Ja. Nur, so super hat sich dieses Gespräch nicht angefühlt. Im Gegenteil. Es ist ein ganz schön un-superer Nachgeschmack geblieben.

Ich habe seit eineinhalb Jahren diesen Reflex, der immer wieder der ganzen Welt zeigen muss, dass ich zwar Mutter bin, aber trotzdem noch voll und total und ganz und mit Leib und Leben einsetzbar sein kann für die 50- und mehr-Stunden-Arbeitswelt. Als ob das irgendetwas beweisen würde. Wenn ich nun laut von Teilzeit träume – und das mit dem Kind zusammenhängt, aber auch mit dem Rest meines Lebens, das seit zwei Jahren gefüllt ist mit so viel mehr als Lohnarbeit – , dann sehe ich das nachsichtige Nicken der anderen (btw wer seid ihr überhaupt, die ihr in meinen Gedanken nickt?): „Ja, jetzt sieht sie es. So leicht ist es eben nicht. Als Mutter muss man im Arbeitsleben zurückstecken. [Bekannt-beliebiges Blablabla einsetzen]“

Weil Feminismus nach außen hin sooft mit Karriere-machen in Verbindung gebracht wird, fühle ich mich beim Gedanken an die herbstliche Teilzeitarbeit in jene ominöse Falle tappen, vor der alle warnen (und ich möglicherweise selbst früher einmal gewarnt habe …?). Und fühle mich dabei ganz furchtbar unfeministisch. Und wenn ich dann in Gesprächen über meine beruflichen Pläne anfüge, dass ich über die Teilzeit hinaus selbstständig tätig sein werde/will und dann noch studiere und das und das … dann fühle ich mich wie eine, die vertuschen will, ein Stepford’sches-Hausfrauen-Dasein anzustreben. Im nächsten Gedankengang finde ich es wiederum schrecklich, dass ich überhaupt versuche, mich für Teilzeitüberlegungen zu rechtfertigen.

Allerdings fangen viele dieser Gespräche – und das ist vermutlich die Crux – nicht mit der Frage nach meinen beruflichen Plänen an, sondern mit der Suggestivfrage: „Und wenn eure Karenzzeiten dann beide vorbei sind, was machst du dann? Arbeitest du dann weniger?“

Ich glaube, ich kaufe mir jetzt besser ein T-Shirt, um meine Einstellungen nonverbal zu kommunizieren, als mein Leben für ein Feminismus-Bild zurecht zu reden, dem ich nicht einmal anhänge.

(Bild via Wise Wise Woman)

 

Nachtrag: passendes, aktuelles Interview mit Corinna Milborn dazu (Format)

5 thoughts on “Ich = junge Mutter

  1. Wrestlerinnen, „junge Mütter“ & rassistische Türsteher « Reality Rags

  2. Nein, nein, nein. Du hast vollkommen recht. Es ist nicht richtig, dass sich alle an die 50+ Arbeitswoche anpassen müssen. Genug Zeit für ein Leben neben der Arbeit für beide Elternteile – und auch alle Nichteltern! Es liegt nicht an Dir. Irgendwer muss die Sorgearbeit machen. Die geht nicht einfach weg, nur weil die Frauen/Mütter sie vielleicht irgendwann auch nicht mehr machen wollen. Deshalb muss geteilt werden. Bringt allen etwas!

  3. Vor einiger Zeit saß ein Student vor mir und sagte mir, dass er gern bei uns arbeiten wollen würde nach dem Studium, aber bitte nur 30 Stunden. Er habe ja auch noch ein Leben ohne Job. Punkt. Ohne weitere Rechtfertigung. Fand ich klasse.

    Ich habe mich im ersten Schritt mal entschlossen mich nicht dafür zu entschuldigen und zu schämen dass ich pünktlich aus einem Business Termin raus muss weil ich das Kind abholen muss. Ich sage auch nicht verhuscht dass ich pünktlich Schluss machen muss weil ein weiterer Business Termin auf mich wartet….

  4. 50h+? pfft. drauf geschissen!! will ich so ein leben? nein! wollte ich noch nie! ja, ich will arbeiten, ja, ich will zeit mit meinen kindern verbringen, ja ich bin feministin, ja ich bin (mittlerweile) leidenschaftliche mutter. alles! pfeif auf die kategorien. bei meinem ersten sohn hatte ich diesen rechtfertigungsreflex auch ganz intensiv. diesmal (zweiter sohn) scheiß ich ehrlich drauf.🙂

  5. 50 Stunden sind 10 Stunden am Tag, ´wa? Das würde ich auch ohne Kinder nicht wollen… Ich kenne aber diese merkwürdigen reflexhaften Selbstreflektionen darüber, ob man als Mutter/Feministin/feministische Mutter glaubwürdig, authentisch ist, wenn man xy tut… so ein Mist.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s