Gehäufte Geburtsgedanken

Mittwoch

„Ich erlebe immer wieder, dass es für manche Mütter zu schmerzhaft ist, an den Ort ihres ‚Versagens‘ zurückzukehren, einerseits weil sie sich ’schuldig‘ fühlen, ihrem Kind nicht ein ’normales‘ Zur-Welt-Kommen ermöglicht zu haben, andererseits weil ihre eigene persönliche Verletzung und Enttäuschung noch zu groß sind“, steht in dem Text eines Arztes über heilende Gespräche mit Säuglingen und Kindern, den die Spielgruppenleiterin vor kurzem ausgeteilt hat. Zuvor war der Fall einer Klientin geschildert worden, die sich auf eine „harmonische Entbindung“ gefreut hatte. Dann war es bei der Geburt zu Komplikationen gekommen und ein Notkaiserschnitt musste gemacht werden. Nach der Narkose wollte die junge Mutter ihre Tochter nicht sofort in den Arm nehmen und stillen. Schon in der nächsten Spielgruppenstunde zieht eine Mutter die Pädagogin zur Seite – der Artikel hat Gedanken an das eigene Geburtserlebnis hervorgerufen und verstört.

Montag

„So natürlich wie möglich“, wiederholt die Bekannte, als sie von ihrer liebsten Geburtssituation spricht. Und: „Wenn ich es zusammenbringe.“ Sie hat von Studien gehört, die belegen sollen, dass Kaiserschnitt-Kinder im Erwachsenenleben zu Depressionen und sonstigen psychischen Beeinträchtigungen neigen.

Sonntag

„Die Idee, ihn [Anm.: den Fötus] für vogelfrei zu erklären, weil er sich erst in einem halben Jahr bewusst wahrnehmen wird, ist für mich ebenso wie die Idee, dass es sich bei ihm nur um einen Körperteil seiner Mutter handelt, ein Bruch mit der Hochachtung vor dem Menschsein an sich“, schreibt ein Kolumnist in der „Presse am Sonntag“. Und in der Woche davor: „Dabei sollte die Diskussion um Abtreibung in erster Linie nicht um Glaubenssätze gehen, sondern darum, ob ein Ungeborenes ein Mensch ist, und, falls ja, ob man friedliche Menschen töten darf.“

(Bild via blogs.warwick.ac.uk (c) Frida Kahlo „Mi Nacimiento“)

… solche geballten Aussagen innerhalb weniger Tage lassen mich fast resignieren – wie um alles in der Welt kommen wir da wieder heil raus, frage ich mich jeweils leise. Und dabei gäbe es viel Lautes darauf zu antworten. Gefühlte Stoßrichtung: Lasst euch nicht von den alten Männern (polemisch? ja, bitte!) einschüchtern, die Frauen seit Jahrhunderten erklären, wie sie gebären sollen! Und natürlich verweise ich auf das (Empfange! Gebäre! Sei glücklich!) und das (Die Geburt als Trauma). Hat jemand einen E-Mail-Verteiler aller Frauen? Hat jemand ein Flugzeug mit Transparent-Schwänzchen? Kann mir jemand ein Riesenmegaphon basteln?

Aber dann stelle ich doch wieder nur die Frage der No-Na-Fragen: Was genau ist eigentlich der Grund dafür, dass ab dem Moment der Schwangerschaft der Mensch „Frau“ mit all seinen Bedürfnissen und Problemen ausgeblendet wird? Die Geburt ist eine Leistung, die eine Frau nach einem bestimmten Regelwerk (vaginal, ohne Schmerzmittel) zu vollbringen hat. Punkt. Alles andere hat ärgste Auswirkungen auf das Kind. Misogyn nenne ich all das. Der Kaiserschnitt ist ein Versagen (in Anführungsstrichen zwar, aber … hey, so ist das nun ‚mal) und die Fristenlösung wird in so genannten Qualitätszeitungen Tötung genannt (in einer Kolumne zwar, aber … hey, das ist freie Meinungsäußerung). Und das Ergebnis? Frauen, die Vorstellungen von einer Geburt entwickeln, die viele nicht erfüllen können – Gründe dafür liegen auch in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (dazu: Birth is a feminist issue). Die Konstruktion von der „natürlichen Geburt“ hat sich tief in unseren Köpfen verankert. Ebenso wie die Annahme, dass die Frau sich schon bemühen muss und nicht wehleidig oder egoistisch sein darf, um sie zu „schaffen“. Immerhin geht es um ein armes, hilfloses Menschenkind.

Ich habe ein Denksportaufgabe für all die Verbreiter(_innen) dieses Gedankengutes: Ratet doch, wer sich viele, viele Jahre lang um das arme, hilflose Menschenkind kümmern wird. Und auch, wie das wohl gelingt, wenn diese Person mit Schuldgefühlen beladen oder gar traumatisiert ist von einem Erlebnis, das ursächlich mit eben diesem armen, hilflosen Menschenkind zusammenhängt. Na …?

Gebären ist ein zutiefst emotionales Thema und Zynismus keine gute Begleiterin, ich weiß das. Ein Schutzmantel tut manchmal not. Immerhin reden wir hier von uns, unseren Körpern und unseren Babys, die in uns und von uns gelebt haben. Wir reden auch von Angst und von Unsicherheit. Aber letztendlich reden wir von Liebe. Lassen wir uns nicht von anderen vorschreiben, in welches Kleid wir diese zu hüllen haben – sonst besteht die Gefahr, das sie in ihrer Verkleidung verloren geht.

aZ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Bild: aZ)

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