Du wärst eine tolle Mutter!

Mutter-Sein – manchmal kommt es mir selbst absurd vor, wie viel ich dazu zu sagen habe. Und wie oft. Und in welchem Ausmaß.

Aber dann werde ich wieder und wieder daran erinnert, warum das so ist. Eine Mutter zu sein, das erklärt dir die Gesellschaft* unermüdlich, ist die Bestimmung eines jeden Mädchens. Kinderlose Frauen aus meinem Heimatort hatten schon immer den Stempel des Mangelhaften. Ihnen „fehlte“ der Nachwuchs, um als vollständige Frau gesehen zu werden. Dass die Mutter-Werdung zwangsläufig zur Vollendung des Lebens (aus extrinsischer Motivation ebenso wie aus intrinsischer versteht sich) gehört, wird – abgesehen vom rollenspezifischen kindlichen Spiel und Spaß – erstmalig in der Schule fühlbare Wirklichkeit: in Form der (mehr oder weniger) verpflichtenden Massenrötelnimpfung.

(Bild via taz.de (c) designritter/photocase.com)

Wie ein roter Faden zieht sich die Vorbereitung zu dem vermeintlichen Gipfel des Frauseins durch das Leben. Fragten wir uns als Jugendliche noch gegenseitig, ob wir später einmal Kinder haben möchten oder nicht (ich erinnere mich nur an eine einzige Freundin, die dies verneinte – sie verwies dabei auf das Leben ihrer kinderlosen, beruflich erfolgreichen Tante, der sie nacheiferte), begnügen sich jegliche Verwandte und Bekannte ab einem gewissen Alter mit der schlichteren Frage nach dem Wann. Und wie oft werden kinder/pflege/beziehungs-bezogene Tätigkeiten mit einem „Du wirst einmal eine super Mama!“ quittiert. Mädchen bzw. Frau darf sich über das vermeintliche Kompliment dann freuen – und, das will ich gar nicht absprechen, tut es_sie in vielen Fällen konsequenterweise auch. So formt sich vermutlich in jeder nach und nach ein Bild davon, wie  eine so genannte „super Mutter“ zu sein hat. Besteht eine heterosexuelle Beziehung länger als ein Jahr, bezieht das Paar auch noch eine gemeinsame Wohnung und/oder heiratet, dann wird im Fall von Kinderlosigkeit nicht selten darüber spekuliert, ob denn „irgendetwas“ nicht passe/funktioniere („An wem liegt es denn?“).

„Ich kann mir dich eigentlich gar nicht als Mutter vorstellen“ – das ist auch so ein Satz, den ich hin und wieder gehört habe. Als drehte sich alles im Leben einer Frau darum, erst die Idealkandidatin für ein Baby zu werden (wenn sie nicht ohnehin dazu geboren wurde) und dann die Erfüllung in der Umsetzung dieser Kompetenzen zu finden.

Nein, es ist kein Wunder, wenn mich das Thema Mutter-Sein in diesem Ausmaß beschäftigt. Als Noch-nicht-Mutter hatte ich nur keine Vorstellung davon, wie präsent all die in Vergangenheit und Gegenwart getätigten nett gemeinten, klug angefügten oder schlicht fordernden Sätze zur Mutterschaft sein würden. Das mag zu einem großen Teil an meinen eigenen Befindlichkeiten liegen, die sich dagegen wehren, anderer konservativ-klassische Bilder erfüllen zu wollen. Die damit einhergehenden Zwänge sind nur so penetrante und beständige Begleiter geworden – das lässt sich mit feministischem Selbstverständnis nicht abschütteln. Einerseits war das Einbläuen zu lange und zu eindringlich, andererseits wird die Notwendigkeit des Aufbegehrens fast täglich bestätigt. Dann nämlich wenn ich Frauen (Müttern) begegne, die sich dem Druck beugen (müssen).

Bild 1

(Bild: Screenshot aZ)

Ein Druck, der eben auch durch das jahrelange, mantra-mäßige Beschwören des Ideals der guten Mutter entsteht. Denn wenn jemand das Zeug hat, eine gute Mutter zu werden, dann besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass sie scheitert. Die zaghafte Frage „Bin ich jetzt eigentlich die gute Mutter, die alle meinten, dass ich sein würde?“ drängt sich früher oder später wohl auf.

Für die vielen kinderlosen Frauen hat die Gesellschaft* eine besonders perfide Abwandlung des weiblichen Ziels Mutterschaft auf Lager: den Konjunktiv. „Du wärst eine gute Mutter.“ Der Satz ist für die gedacht, die biologisch gesehen noch die Chance hätten, sich derart zu verwirklichen. Oder aber: „Du wärst eine gute Mutter gewesen.“ Die Frage nach dem „Warum (wurdest du es) nicht?“ schreibt sich in solchen Fällen schon förmlich selbst in die Luft.

Immer und immer wieder dieser Satz. „Du wärst so eine gute Mutter!“ Unnötig zu erwähnen, welchen Druck (Schwieger-)Eltern auf ihre (Schwieger-)Töchter ausüben können, wenn sich diese dazu entschließen, ihnen das Glück der Großelternschaft zu verwehren. Die Bereitschaft zur emotionalen Erpressung kennt in manchen Fällen keine Grenzen.

Jen Kirkman, Autorin von „I can barely take care of myself. Tales from a happy life without kids“, schreibt über das Statement „Du wärst/wirst eine gute Mutter: „This statement is at best condescending and at worst, patently false and potentially dangerous.“

Können wir uns also alle darauf einigen, es eigenartig zu finden, Frauen immer wieder zu bestätigen, dass sie gute Mütter sein werden/wären/gewesen wären?

Oder mit den Worten von Jen Kirkman: „There are a lot of things I might be good at, such as competitive figure skating, window washing from ten stories up, and being an open heart surgeon. I might also make an excellent Kamikaze pilot—except for the fact that I don’t want to learn how to fly and have no interest in taking my own life on behalf of Japan.“

(Bild via www.thecitrusreport.com)

* die Gesellschaft steht hier als anonymes Konstrukt. Ich will damit die Sprecher_innen nicht aus der Verantwortung entlassen, sondern darauf hinweisen, dass es sich um strukturell aufrechterhaltene Normen und Zwänge handelt.

13 thoughts on “Du wärst eine tolle Mutter!

  1. Wieder mal ein toller und schön geschriebener Text! Und an die Massenrötelnimpfung in der Grundschule kann ich mich auch noch erinnern – das fühlte sich damals wie ein Initiationsritus für das spätere Frau-und-Mutter-Sein an.

  2. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Glitzer-Konfetti und virtuelle Torte zur 200. Blogschau!

  3. „Unnötig zu erwähnen, welchen Druck (Schwieger-)Eltern auf ihre (Schwieger-)Töchter ausüben können, wenn sich diese dazu entschließen, ihnen das Glück der Großelternschaft zu verwehren.“

    Ich finde es sogar sehr nötig, mal zu untersuchen, warum diese Menschen überhaupt Druck ausüben können. Warum viele nicht frei (genug) sind, solchem Druck zu widerstehen und ihr eigenes Ding zu machen, bzw. vor welchen Konsequenzen es zu fürchten lohnt, wenn man dem Druck des Umfeldes nicht nachgibt.

  4. danke danke danke für diesen text.
    seit vierzehn jahren beantworte ich die frage nach kindern mit nein. seit vierzehn jahren lautet die standarderwiderung auf mein nein sinngemäß: das kannst du gar nicht wissen.
    mir wird einfach mal die entscheidungsgewalt über mein leben (meinen körper, meine ziele, meine identität…) abgesprochen. denn was kann frau anderes wollen als ihre mutterrolle zu erfüllen?
    früher hielt ich das für altersbedingt, i.e., dass ich mangels volljährigkeit nicht für voll genommen wurde. aber es wird eher schlimmer als besser.
    (und wie du aufzeigst, ist es mit mutter-sein auch nicht „getan“. eher im gegenteil. )

    als kind habe ich auch nie hinterfragt, dass durch impfungen, röntgenschutz u.ä. eher der „vermeintliche[r] Gipfel des Frauseins“ geschützt werden sollte und weniger meine person. kinder gebären können und gesund sein, das war eins.

    also: bitte weiterhin „absurd“ viel dazu sagen.

    • Kann mich dir nur anschließen.
      Ich halte mit meinem nichtexistenten Kinderwunsch eher hinterm Berg (auch weil ich keine Lust habe, mich diesen Sprüchen auszusetzen), aber von anderen gewollt-kinderlosen Menschen habe ich es auch schon sehr oft gehört, dass ihre Aussage und damit die verbundene Entscheidung nicht einfach akzeptiert wurde, sondern stattdessen wurde versucht, ihr Empfinden und ihre Wünsche in Abrede zu stellen. Das ist einfach unglaublich dreist und grenzüberschreitend … als ob jemand anderes, bzw. sogar oft ein/e völlig Fremde/r, mich besser kennt als ich mich selbst.

  5. Ein schöner und wahrer Text!
    Mir geht das Muttergetue und der Mythos rundherum auch total auf die Nerven.
    Was ist denn die ideale Mutter?
    Darf ich nicht einfach ich, Mensch sein und mit meinen Kindern mein und unser Leben leben?
    Grüße🙂

  6. Komisch, mich hat nie jemand nachgefragt, ob ich nicht besser Mutter werden wolle. Ich hab‘ mich dafür nicht interessiert und meiner Herkunftsfamilie schon so mit 14 angesagt, dass ich ihnen nicht nacheifern werden. Und das wars dann mit dem Thema.

  7. Gesprächspartner: „Und warum isst du kein Fleisch?“
    Ich: „Nun, da gibt es verschiedene sozio-ökonomische Gründe, [Erläuterungen].“
    G: „Aber was, wenn du mal Kinder hast? Würdest du dann auch kein Fleisch kaufen?“

    WTF?

  8. Auch von mir ein Danke für den Text! Ebenfalls schon oft gehört / die Diskussion geführt und mich gefragt, ob das auch passiert wäre, wenn ich männlich gelesen würde. Danke auch auf den Hinweis auf Jen Kirkman, deren Buch ich nun vielleicht mal lesen werde.
    @ i.c.: Diese Frage ist wirklich ganz besonders bescheuert. Das ist immer so ein Punkt, an dem ich gar nichts mehr antworte, sondern mich umdrehe und gehe.

  9. Danke für diesen Text!
    Beantworte die Wann?-Frage meist mit „Gar nicht, wenn kein Unfall passiert“.
    Ich hatte schon als Teeny kein Bedürfnis nach eigenen Kindern. Da heißt es dann noch „Du hast ja noch Zeit?“ und „Das ändert sich noch mit den Jahren!“.
    Gar nichts hat sich geändert!!!

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