#9 Be calm

Ich verteile mit den Schuhen Spielplatzsand vom Vortag im Lesesaal der Bibliothek und freue mich über E-Mails mit Situationsfotos vom Kind. Ja, ich vermisse die gemütlichen vormittäglichen Badewannen-Sessions und das gemeinsame Jausnen. Ich würde gerne die Sonne auf einer Bank im Park genießen, während K. jedem Hund entgegenläuft und mit deren Besitzer_innen scherzt. Außerdem fehlen mir die spontanen Kuscheleinheiten und das unermüdliche Gekicher über Spielzeugponys und Quietschenten. Stattdessen treffe ich mich spontan zum Mittagessen mit einer Freundin, führe berufliche Telefonate ohne Unterbrechungen und staune über die Produktivität eines mehrstündigen Gedankensturzes.

Ich bin hin- und hergerissen.

Eine Ahnung macht sich breit: Das ist mein neues Leben. Dieses Gefühl der inneren Zerrissenheit wird bleiben.

Resümiert habe ich diesen Zustand in den letzten Tagen oft – in den vielen Gesprächen und auf die vielen Nachfragen hin. Etwas Wesentliches habe ich allerdings erst gestern erkannt und meine halb-feministischen halb-persönlichen hypothetischen Vorüberlegungen zu der Nach-Karenzzeit plötzlich in einem sehr schönen Gefühl wiedergefunden: Der Abstand von meiner Tochter tut uns beiden gut. Und das liegt daran, dass ich wieder ausgeglichener bin. Gelassen und ruhig.

(Bild via likeyou.com (c) Fischli/Weiss: How to work better | 1990)

Meine Geduld war in den letzten Karenzwochen praktisch absent. Ich habe sie nun unverhofft wiedergefunden. Wenn sich K. weigert, die Windel zu wechseln, wenn sie das Essen quer im Zimmer verteilt, wenn sie sich trotzend zu Boden wirft … wenn sie einfach ein eineinhalbjähriges Kind ist, dann kann ich plötzlich wieder die gelassene und geduldige Mutter sein, die ich gerne sein möchte. Es ist schön, der Elternteil zu sein, der lachend an der Türe empfangen wird. Es ist schön, am Abend noch eine Stunde am Teppich herumzulümmeln und Bausteine zu stapeln, ohne dabei ständig auf die Uhr zu blicken und zu hoffen, dass endlich Bettgehzeit ist. Und es ist schön, Nähe auskosten zu können und nicht aushalten zu müssen. (Ich möchte nicht verschweigen, dass es nicht besonders schön war, dass K. meine Abwesenheit in den ersten Tagen nicht besonders gestört hat und sie die Daueranwesenheit vom Freund derart euphorisch zelebriert hat, dass ich mich schon fast von ihr abgelehnt gefühlt habe …)

Selbst wenn ich hundertmal weiß, dass diese Gelassenheit kein Dauerzustand sein wird und die Anstrengungen im Alltagsleben nur auf ihre Gelegenheit warten, so tut dieses neue Lebensgefühl unendlich gut.

3 thoughts on “#9 Be calm

  1. Oh, ich weiß. Als ich schon wieder arbeiten ging, einige Freundinnen mit Kind(ern) aber noch nicht wieder, da hörte ich bei ihnen manchmal nachmittags diesen scharfen Tonfall gegenüber ihren Kindern heraus. Von dem ich weiß, dass ich ihn genausogut beherrsche – wenn die lieben Kleinen mit schon den ganzen Tag umgeben haben. Da hilft es, wenn man ein wenig Abstand hat und den halben Tag (oder länger) nicht da ist, dann ist der Geduldsfaden um 17.00 Uhr nicht schon so abgenutzt.

    Andererseits finde ich dieses Tempo-Umschalten manchmal anstrengend. An der Arbeit und ohne Kinder: Alles im Handumdrehen erledigt. Zu Hause mit Kindern Essenmachen/Einkaufengehen/Wäschewaschen? Ein ganz anderes Zeitgefühl.

  2. Das klingt so gut. Allzu oft habe ich ähnliches nun schon im Bekanntenkreis gehört sobald das Kind in die Kita kam. Und ein bisschen ist es langsam bei mir angekommen- wa ist ok dass ich als Zuhausebleiberin mit Nichtkitakind oft einfach Abstand brauche, Stundeb zähle und die Bettgehzeit herbeisehne.
    Es ist leichter sich auf jemanden zu freuen wenn man ihn/sie wiedersieht als wenn man ihn/sie ständig sieht…

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