Reden wir über Steubenville. Reden wir über Österreich. Reden wir über Rape Culture.

Reden wir über den Fall Steubenville. Reden wir darüber, wer was und wie darüber berichtet hat. Und vor allem wann (NY Times: 17. Dezember 2012). Die westliche Welt war jedenfalls damit beschäftigt nach Indien zu blicken („Rape Culture, das haben die dort, aber doch nicht wir hier“).

Was ist Rape Culture? In der Theorie:

„Eine Rapeculture ist ein Glaubenssystem, das männliche, sexuelle Aggression fördert und Gewalt gegen Frauen unterstützt. In einer solchen Gesellschaft wird Gewalt als ’sexy‘ angesehen, und Sexualität als gewalttätig. In einer Vergewaltigungskultur erleben Frauen eine Dauerschleife von angedrohter Gewalt, die von sexuellen Anspielungen bis hin zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigung selbst reicht. Eine Vergewaltigungskultur duldet physischen und emotionalen Terrorismus gegen Frauen als die Norm.“ (feminismus101.de)

Was ist Rape Culture (bzw. wie wird ihre Existenz verleugnet)? In der Praxis:

• Die Beschwerde der Wärterinnen: „Sexuelle Belästigung durch FPÖ-Politiker, Missbrauch von Insassinnen, Bestechung durch Topverteidiger, Schmuggel von Drogen durch Beamte: Justizbeamtinnen in Wiens größtem Gefängnis erheben schwerste Vorwürfe – aber die Justiz lässt sie im Stich.“ (Falter)

• Der Umgang bzw. das Nicht-Ernstnehmen von Alltagssexismus, wie es nach #aufschrei passiert ist – obwohl wissenschaftlich längst erforscht ist, dass (je nach Art der Erhebung/Land) 58,2 Prozent aller Frauen (2004, D) bzw. 30 Prozent aller Frauen schon einmal sexuell belästigt wurden (2012, Ö).

• Die Verwendung von Wörtern in der Berichterstattung über Vergewaltigungen, die suggerieren, dass die Täter „keine von uns“ sind bzw. dass es bei Vergewaltigung um Sex geht: Aktuellstes Beispiel ist die Berichterstattung über die Vergewaltigungen in der U-Bahn-Linie 6 in Wien, in denen auf den Täter vielfach als Sex-MonsterSex-Bestie oder Sex-Täter referiert wurde.

• Die beliebte Marketing-Werbe-Strategie Sexismus. Beispiel heute: Mömax Österreich [Nachtrag: der Beitrag wurde mittlerweile – nach Intervention vom Werberat – von der Facebookseite entfernt]

Bild 1

Bild 5

(Screenshots: aufZehenspitzen)

Warum lehren wir Mädchen und Frauen immer noch das:

  • Achte darauf, dass dir niemand etwas in dein Getränk gibt.
  • Ziehe dich nicht aufreizend an.
  • Wähle einen sicheren Heimweg. Wenn der nicht gewährleistet ist, fahr mit dem Taxi.
  • Mache einen Selbstverteidigungskurs.
  • Betrinke dich nicht.
  • Meide dunkle Gassen.
  • Flirte nicht zu intensiv mit fremden Männern.
  • Telefoniere (oder tu so als ob), wenn du einen unsicheren Weg gehst.
  • (…)

Und nicht Buben und Männern das:

  • Vergewaltige nicht!

(Bild via makingadifferencecanada.ca)

Reden wir über den Fall Steubenville. Hören wir nicht auf darüber zu reden.

8 thoughts on “Reden wir über Steubenville. Reden wir über Österreich. Reden wir über Rape Culture.

  1. Vergewaltigung ist voll okay! | Mutterseelenalleinerziehend

  2. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Freund_innenschaften, Intersektionalität und Steubenville – Die Blogschau

  3. Zu sexistischer Werbung: Es ist nie(?) der Sex als solcher, nicht die Selbst- oder Fremd-Darstellung durch den ‚Sender‘, sondern die Reaktion und die kommunikative Bezugnahme, die eine Sache sozial (mehrheitlich, dominant, oberflächlich?->aber oft sehr wirksam/bedeutsam für die Betroffenen) „normiert“ und (um)interpretiert/sozial auslegt. Abstrakte Gruppen, konkrete Individuen (mit persönlichen Vorlieben etc.) und den Sex vom -ismus befreien tut gerade dann not, wenn der Sex oberflächlich von sittlichen Bändigungen (rechtlicher und sozialnormierter Unterdrückung/Verdrängung) gelöst wurde. Es bedarf meiner Einschätzung nach einer zweiten (oder echten) Sexwelle, die inhaltlich wirklich (in Theorie und Praxis) emanzipatorisch daran arbeitet.

  4. Ein Vergewaltiger wird von den Massen voll Abscheu als Sex-Monster bezeichnet. Das ist dann ein Indiz für rape culture, also eine Gesellschaft die „männliche, sexuelle Aggression fördert und Gewalt gegen Frauen unterstützt“. OK.

    • „Ein Vergewaltiger wird von den Massen voll Abscheu als Sex-Monster bezeichnet.“

      Ein Problem liegt für mich in der kommunikatorischen Verbindung von Sex (als zweiseitigem bzw. dem Sinne nach gegenseitigen Akt) und einer Vergewaltigung, bei der einem Menschen einseitig durch Gewalt Gewalt (Macht etc.) angetan wird. Das sind zwei grundlegend unterschiedliche Vorgänge.
      Auch eine Negativ-Heroisierung mit schlagzeilenorientierten Begriffen wie Sex-Monster und Sex-Bestie wird dem Vorgang nicht gerecht, weil es oft die betroffenen Menschen gar nicht meint und sich auch nicht näher damit befasst. Hier werden Affekte angesprochen und ein „Wir sind natürlich besser“/“Das ist nicht unser Problem“-Gefühl geschaffen und keine Aufklärung oder respektvolle Verhältnis- oder Individual-Beschreibung versucht. Eine solche Behandlung dieses Themas ist im besten Fall neutral und oft verzerrt sie eine ernsthafte Behandlung in der allgemeinen Gesellschaft und im alltäglichen, tatsächlichen, internalisierten Handeln.

      • Hm, das ist dann aber eine mMn fragwürdige Privatdefinition, wenn Sex für dich Einvernehmen voraussetzt. Eine Vergewaltigung ist nämlich nicht nur Gewalt, sondern unterscheidet sich von einer bloßen Körperverletzung durch den geschlechtlichen Kontakt. Wie unterscheidest du eine Vergewaltigung von „bloßen“ Faustschlägen, wenn Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun hat?

        Zum Rest: Mir ist klar, dass mit Begriffen wie Monster (sexuelle) Gewalt als etwas dargestellt wird, das der „bürgerlichen Mitte“ völlig fremd ist. Problematisch natürlich.

        Nichtsdestoweniger dürfte die übergroße Mehrheit der Menschen hier auf Nachfrage sagen, dass sie erzwungenen Sex verwerflich finden. Der Begriff rape-culture erscheint mir deshalb (trotz aller Hässlichkeiten, die es sicher gibt) als Propagandabegriff, der die hiesige Gesellschaft dämonisiert und wenig zu ihrer sachlichen Beschreibung beiträgt.

        • Beim Boxen treten im eigentlichen Sinn zwei Menschen freiwillig gegeneinander an. Eine Situation, in der ein Mensch von einem anderen zusammengeschlagen wird, ist kein Boxen. Bei einer Vergewaltigung ist es noch ungleich schlimmer, weil sie die Intimsphäre und körperliche wie psychische Integrität eines Menschen völlig negiert und das Opfer zum reinen Objekt der Macht-/Gewalt-Ausübung des Täters macht/machen soll.
          Mensch kann eine Vergewaltigung und auch andere Formen des Missbrauchs sexuelle Gewalt nennen. Denn es werden dabei u.a. die biologischen Sexualmöglichkeiten des Menschen für eine soziale Macht- und Gewalt-Ausübung instrumentalisiert. Das Opfer wird objektiviert. Es ist kein Sex im gesellschaftlich so kommunizierten Sinne, wie er als letztlich immer als etwas Zweiseitiges verstanden wird. Ein Vergewaltigungsopfer würde in diesem Sinne nicht davon sprechen, Sex gehabt zu haben. Und wenn eine Vergewaltigung so interpretiert wird, dann wird sie missverstanden (oder falsch/sensationalistisch dargestellt). Hier handelt es sich um eine einseitige Gewaltausübung und (aus psychologischer und sozialpsychologischer Sicht) einen totalen Beherrschungsversuch gegenüber einem anderen Menschen.
          Bei der Aufklärung und Bekämpfung einer „rape culture“ geht es jedoch nicht nur um die brutale, vollausgeführte Tat an sich. Es geht darum, die Objektivierung von Menschen zu problematisieren und zu überwinden (bezogen auf die direkte Gewaltausübung als sofort und immer gültig, bei der komplexen Verwicklung von Sex, Wirtschaft und sozialen Tradierungen um einen Aufklärungs- und Veränderungs-Prozess). Dass „Sex“ eben nicht mehr der rein biologische Trieb oder ein Recht des Stärkeren etc. ist, mit dem man z.B. gewaltsam soziale Defizite “kompensieren“ kann oder herrschende Machtpositionen erobern und verteidigen (ob privat oder öffentlich). Und dadurch ist das Thema immanent gesellschaftlich. Es soll damit nicht die Gesellschaft (als Abstraktum) pauschal als aktive Vergewaltigungsgesellschaft dargestellt werden. Sondern ein Problembewusstsein dafür geschaffen werden, dass (soziale, wirtschaftliche, kulturelle) Beherrschungsverhältnisse, Menschen-Objektivierungs-Tendenzen und Unterwerfungs-Fantasien (im politischen, eben nicht im gegenseitig-intimen Sinne) auch in unseren Gesellschaften (auf der ganzen Welt) vorhanden sind. Diese anzugehen und zu verbessern ist auch Möglichkeit und Aufgabe der Gesellschaften, ihrer verschiedenen Gruppen und (so weit möglich) Individuen (in ihrem politischen Handeln und alltäglichen Verhalten).

      • „Es ist kein Sex im gesellschaftlich so kommunizierten Sinne, wie er als letztlich immer als etwas Zweiseitiges verstanden wird. Ein Vergewaltigungsopfer würde in diesem Sinne nicht davon sprechen, Sex gehabt zu haben.“

        Hm, das Opfer könnte aber schon sagen „Er hat mich zum Sex gezwungen“, oder nicht? Insofern stimme ich nicht zu, dass Sex immer von allen als notwendigerweise einvernehmlich verstanden wird, sonst ists keiner (wenn du das so gemeint hast). Das ist imho deine eigene Definition – wenn man der folgen würde, wäre der Begriff ’sexuelle Gewalt‘ ein Oxymoron (oder allenfalls bei einvernehmlichen SM-Praktiken zu gebrauchen).

        Du schreibst, es soll „ein Problembewusstsein dafür geschaffen werden, dass (soziale, wirtschaftliche, kulturelle) Beherrschungsverhältnisse, Menschen-Objektivierungs-Tendenzen und Unterwerfungs-Fantasien (im politischen, eben nicht im gegenseitig-intimen Sinne) auch in unseren Gesellschaften (auf der ganzen Welt) vorhanden sind.“

        Wieso ist rape-culture ein geeigneter Begriff, dies zu beschreiben? Trotz allen Sexismus wird Vergewaltigung ja überwiegend abgelehnt.
        Es erscheint halt eher als linker Kampfbegriff, der wenig zur Analyse taugt. Analogie: Es ist trotz allen Rassismus falsch, die BRD als faschistisch zu beschreiben, wie das manchmal getan wurde/wird.

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