Frauen. Mit und ohne Kind(er).

Kürzlich bin ich auf Gateway Women gestoßen, einem Netzwerk für kinderlose Frauen. Ziel der britischen Initiative ist Unterstützung, Inspiration und Empowerment für Nicht-Mütter zu bieten.

Jody Day, Gründerin von Gateway Women, schreibt in I may not be a mother – but I’m still a person über ihre Erfahrungen als (ungewollt) kinderlose Mitvierzigerin in einem kinderreichen Umfeld. Der Text hat mich an manchen Stellen betroffen, an anderen nachdenklich, an wieder anderen verärgert gemacht. Und mich an meine eigenen Gedanken über Freundschaft und Mutterschaft (Die Sache mit den (kinderlosen) Freundinnen) erinnert – mit dem Unterschied, dass ich selbst bis vor kurzem die kinderlose Freundin war und meine jetzigen kinderlosen Freundinnen wiederum noch lange lange Zeit haben, selbst einmal biologische Mutter zu werden – wenn sie denn wollen. Jetzt sind wir alle um die 30. Aber wie geht es weiter? Was passiert mit Freundschaften in 15 Jahren? Das von Day geschilderte Szenario ist abschreckend:

„Motherhood has become an all-consuming role during the past couple of decades – dominating women’s thoughts and conversations – possibly because the pressure on mothers to get it right is greater than ever. (…) The division between mothers and me was brought home at a party recently, organised by the mother of one of my goddaughters. Many of the guests were friends I hadn’t seen for a long time. But when I tried to chat, telling them what I was up to, they couldn’t concentrate on what I was saying. I saw panic in their eyes, as if they didn’t know how to have a conversation that wasn’t about their offspring. OK, their children were there, too, so they were looking out for them at the same time and maybe their inability to concentrate results from years of having to do lots of things at once. However, I couldn’t help but feel I was bothering them by talking about something other than their children. I was happy to listen to tales of potty training, broken nights and teenage hormones. I appreciate what pressures they are under and what a difficult job mothering has become. But when these mums began comparing notes about their youngsters, I felt completely excluded.“

(Bild via tagesspiegel.de – Wenn Menschen lieber kinderlos bleiben (c) Mauritius Images)

Wenn ich an meine eigene … ähm … „Mutter-Werdung“ denke, dann weiß ich jetzt, dass meine Befürchtungen sich nicht bewahrheitet haben. Ich bin dieselbe geblieben und auch wieder nicht, denn ich habe dazugewonnen. Sicherlich, mein Kind hat mich verändert. Bestimmte Einstellungen radikalisiert, andere geschwächt. Werte und Prioritäten ein Stück weit verrückt. Aber alles innerhalb meines eigenen Rahmens. In dem Artikel beschreibt Day genau das, wovor ich Angst hatte: Dass der allseits beschworene Mutterinstinkt mich überkommt und ich meine Interessen aufgebe (oder verliere, je nachdem) und ich es mir in der Mama-Rolle bequem mache. Nicht, weil ich das grundsätzlich verachtenswert fände, aber weil ich bedauert hätte, meine bisherige 29 Jahre gewachsene Identität verabschieden zu müssen. Und auch wegen der Freundschaften, die dann eben nicht mehr in der lieb gewonnenen Form möglich gewesen wären.

Jedenfalls schreibt Day weiter:

„When a man has a child he remains who he always was and becomes a father to boot, but once a woman has a baby she is a mother first (Anm.: im Original ohne Link), and perhaps something else, a teacher or a lawyer, in addition. Websites such as Mumsnet and Netmums feed this obsession and sense of common identity. I don’t blame mothers for their single-issue approach to life; I would probably have been the same. However, the result is that women are separating into two tribes: the mothers and the childfree, and we are struggling to find common ground.“

Das ist auch der Teil, der mich geärgert hat. Nicht weil ich selbst Muttersein anders lebe, sondern weil mir wieder einmal klar geworden ist, dass das von Day gezeichnete Bild nach wie vor vielmehr der Regel entspricht als mein Privatumfeld.

Ich denke jedoch, dass dieses Mütter-packeln-mit-Müttern eine vielschichtigere Betrachtung braucht. Jody Day betont mehrmals, keine Schuld suchen zu wollen. Ich finde ihre Traurigkeit und auch ihre Wut berechtigt. Aber es ist doch die patriarchale Gesellschaft, die Frauen zu Müttern programmiert und ihnen diese Verantwortung auferlegt und andere Verantwortungen zu „ihren“ Männern schaufelt. Es ist diese Rollenverteilung, die es zur Standardsituation macht, dass Mütter auf Partys immer mit einem Auge bei den Kindern sind, während die Väter den Kopf frei haben, um sich über andere Dinge zu unterhalten. Hinzu kommt eine Zeit, in der die Eltern (de facto: Mütter) für jede Menge Probleme und Fehlverhalten der Kinder verantwortlich gemacht werden und sich das Umfeld zwar nicht mit Bewertungen, jedoch aber oft mit tatsächlicher Unterstützung zurückhält. Es ist für viele eine große Last, seine Kinder „gut“ zu erziehen und „gut“ erziehen zu müssen. Der Austausch darüber ist nicht banal, sondern verständlicherweise für viele sehr essentiell. Ebenso der Austausch über gemeinsam erlebte körperliche Veränderungen und hormonbedingte Belastungsmomente.

Doch auch mir fällt es schwer, es den Frauen, die nur mehr Mütter sind und nur mehr über Kinder reden, nicht übel zu nehmen. Ich weiß. Es ist überheblich, mein Lebenskonzept anderen aufzwingen zu wollen. Es ist ebenso überheblich einzelnen Frauen abzusprechen, dass sie eine Wahlfreiheit haben und sich eben für die „I am a mother first“-Rolle entschieden haben. Ich nehme es Müttern allerdings sehr wohl übel, wenn sie Nicht-Mütter erst gar nicht an ihrer Situation teilhaben lassen („Die versteht das ohnehin nicht.“ „Bekomm du erst einmal ein Kind, dann ..“). Der gegenseitige Austausch ist so wesentlich für jegliche Art von Beziehungen und Grundbaustein für weitere Anknüpfungspunkte. Es ist schwierig unterschiedliche Lebenskonzepte zu verknüpfen. Ja. Dazu gehört viel Respekt und Toleranz. Ja. Dazu gehört viel Wollen. Ja. Aber: Männer/Frauen und Nicht-Mütter/Mütter … so zerfällt die Gesellschaft nur weiter in ihre Rollen und das zementiert wiederum nur die alten Konstrukte. Innerhalb derer sich dann möglicherweise die Anzahl der Frauen in Führungspositionen ändert, nicht aber die Gesellschaft zum „Wohle“ aller Menschen.

Feminismus, so wie ich ihn verstehe, darf niemals bei einzelnen Situationen ansetzen, sondern er muss Zusammenhänge ergründen (wollen). Es geht mir nicht darum Rund-um-die-Uhr-Mütter als solche zu kritisieren. Es geht mir auch nicht darum, Frauen das Verlangen nach einem solchen Leben abzusprechen. Es geht mir um die Praktiken, die Frauen glauben lassen, dies sei der einzige Weg, eine gute Mutter zu sein. Es geht mir um die patriarchalen Strategien, die uns einimpfen, dass Mutterschaft die natürliche Bestimmung von Frauen ist. Es geht mir um die wenig subtilen Botschaften, die kinderlose Frauen abstempeln als Menschen, denen etwas fehlt, oder die kaltherzig und karrieregeil sind.

Es geht um strukturelle Veränderungen; solche, die Vermutungen, ob diese oder jene Frau ihre Situation selbst gewählt hat oder nicht, hinfällig werden lassen. Davon sind wir derzeit aber meilenweitweit entfernt, so dass die Wahrscheinlichkeit ausgesprochen hoch ist, dass eine Nur-Mutter-Frau dieses Leben nicht unbedingt selbst frei gewählt hat. Immerhin beginnt die – ich nenn‘ es einmal – Indoktrinierung bereits im Kleinkindesalter (z.B. O-Ton einer Kindergarten-Pädagogin neulich: „Und wenn die Kleinen dann von der Krippe in den Kindergarten wechseln, werden sie dort nur zu gerne von den älteren Mädchen bemuttert.“ So? Tun sie das? Oder bekommen sie nur gesagt, es zu tun und tun es dann?). Mit dem Ergebnis dieser Sozialisation und den Druck, der auf weiblichen Lebensentwürfen lastet, müssen dann alle Frauen umgehen (und das macht es natürlich auch Männern schwer, die mehr Vater sein wollen, als die Rollenverteilung ihnen zugesteht).

Worauf ich eigentlich hinauswill: Frauen und Freundschaften.

Es ist herausfordernd, sich neben einem Neugeborenen auch noch um Freundschaften zu kümmern. So intensiv diese Zeit ist: Sie ist nur eine Phase. Wer dafür abtauchen muss, sollte dies tun können, ohne den Anschluss an den Freundeskreis zu verlieren. Abtauchen ist kein Desinteresse. Und freundliches Nachfragen und Unterstützung anbieten ist nie falsch. Aber auch im umgekehrten Fall, also wenn die Mütter im Freundeskreis in der Mehrzahl sind, braucht es situative Achtsamkeit. Wenn jedes Treffen zur Kinderparty wird, verlieren Freundschaften notgedrungen Qualitäten, die vorher bestanden haben. Und wenn kinderlose Treffen öfter eingefordert werden, kommen automatisch die Väter mehr zum Zug. Zu simpel? Gerade für Alleinerzieherinnen mag es schwierig sein, sich z. B. abends zu treffen. Aber was spricht gegen ein Abendessen in deren eigenem Heim, wenn das Kind bereits im Bett ist? Und, ja, besonders die Zeit der Elternkarenz kann sehr (sehr) einsam sein, wenn es keine_n „partner in crime“ gibt. Freundschaften mit anderen Müttern, deren Kinder ein ähnliches Alter haben, sind Goldes wert. Umso schöner, wenn aus Play-Dates irgendwann mehr wird. Aber. Aber. Aber. So wenig wie Mütter aus bestimmten Gesellschaftskreisen ausgeschlossen werden sollen, so wenig sollen dies kinderlose Frauen werden.

„Too often, women who are child-free by circumstance are left with the sense of not having a proper life. And many women who are childfree by choice find themselves vilified as heartless, selfish types lacking some vital quality that would make them „real“ women. We women without children need to become a more cohesive bunch if we’re to survive in the Mumsnet era. We want to show how much we have to offer and that we have meaning in our lives – it’s just that this meaning is something other than our offspring. I’m going to use the energy that would have gone into raising my family to speak up for childfree women like me. Our tribe is expanding – and it’s time we had a voice.“ (Jody Day)

Frauen. Mit und ohne Kinder. Verständnis füreinander müssen immer beide Seiten aufbringen (können und wollen). Sonst werden die einen immer die einen bleiben und die anderen immer die anderen.

Each friend represents a world in us, a world possibly not born until they arrive, and it is only by this meeting that a new world is born.

(Anaïs Nin)

(Bild via de.wikipedia.org | Clara Zetkin und Rosa Luxemburg)

Aber wenn wir schon an unseren Freundschaften scheitern, wie sollen wir dann große gesellschaftliche Umwälzungen bewältigen können? Das frage ich mich manchmal.

4 thoughts on “Frauen. Mit und ohne Kind(er).

  1. Dein Artikel gefällt mir auch sehr gut. Als Mutter mit Kindern im Wechselmodell kann ich Freundschaften in einem „Freiraum“ pflegen, den andere Mütter oft nicht haben. Aus der Zeit davor – als meine Kinder auch noch sehr klein waren – kenne ich es noch gut, das Gefühl, in einem ganz anderen Universum zu leben als kinderlose Freundinnen. Aber gegenseitiges Verständnis aufzubringen – wie Du auch schreibst – ist dann doch immer möglich gewesen. Wir müssen nicht an unseren Freundschaften scheitern…

  2. Danke für dieses Thema. Ich bin nämlich „ungewollt kinderlos“ und habe das Gefühl, dass alle gleichaltrigen Freundinnen mittlerweile Kinder haben. Was mich verletzt, ist ein Ritual, bei dem ich Unbekannten erstmal erklären muss, dass ich nicht „absichtlich“ kinderlos bin, damit ich unter dem Vorzeichen „die Arme“ ins Gespräch einbezogen werde- ich hätte in meiner Naivität vorher nie gedacht, dass die Frauen- und die Mutterrolle als so zusammengehörig definiert werden, gerade von den Müttern selbst.

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