Gefundene Frauenleben

Irgendjemand schreibt in Wien (nur im Zweiten?) Frauenbiographien an leere Wände. In Schüler_innenschreibschrift und schlichten Sätzen. An nicht immer öffentlichen Orten. Eine Art Mitschrift zu Alte-Leute-Erzählungen. Die Lebenszusammenfassungen lassen mich ratlos und melancholisch zurück.

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(Bild: aufZehenspitzen)

„Sie ist 1946 in Wien geboren. Sie hat zwei Jahre bei der Donau in Baracken gelebt. Es war so kalt, dass der Frost in den Wänden glitzerte. Ihre Mutter hat ihren Armreifen verkauft und damit eine Wohnung gekauft. Ab 1948 wohnte sie in der Springergasse. Später ist sie in die Rueppgasse und noch später in die Pazmanitengasse gezogen. Seit über 31 Jahren führt sie dieses Geschäft. Der Praterstern ist x-mal umgebaut worden. Der Volkertmarkt war früher ein beliebter Platz mit vielen Ständen. Die Straßenbahnen sind um den Praterstern herumgefahren. Nach dem Krieg war die Taborstraße total zerbombt.

Sie war ein Schlüsselkind. Die Eltern gingen arbeiten. Sie haben sehr wenig Geld gehabt. Am Sonntag hat ihre Mutter Maroni am Praterstern verkauft. Damals hat sie drei Kleider gehabt. Schulkleid, Nachmittagkleid und Sonntagskleid. Mit ihren Freunden hat sie zum Spielen aus alten Zeitungspapier Kleidung und Schmuck hergestellt. Jede Zeit hat auch ihre schöne Zeit.

Die Frau wollte Innenarchitektin werden, nur das Geld für die Schule fehlte. Stattdessen ist sie Frisörin geworden, weil sie auch Menschen verschönern kann. Schon 45 Jahre arbeitet sie als Frisörin. Sie liebt ihren Beruf sehr. Die Damen kommen zu ihr und erzählen ihre Sorgen. Die Kundinnen behandelt sie wie ihre Familie. Manche Kundinnen kommen zum Kaffeetrinken und zum Zeitungslesen. Sie redet sehr viel mit ihnen. SIe arbeitet von 6 Uhr früh bis 18 Uhr. Früher hat sie am Samstag bis 20 Uhr und am Freitag bis 21 Uhr gearbeitet. Das Geschäft wird immer schlechter, weil die Kundinnen wegsterben. Es kommt niemand mehr, da ältere Menschen und Ausländer nicht zum Frisör gehen. Ihre einzige Angestellte ist wie eine alte Freundin. Sie sind miteinander alt geworden. In der Pension will die Frisörin ihre Wohnung in Ordnung bringen. Sie möchte nicht zu Hause bleiben, sondern noch viel unternehmen.

Die Frau war 13 Jahre lang mit einem Fußballstar verheiratet. Sie ist seit 22 Jahren zum zweiten mal verheiratet. Der Sohn sagte: „Bevor ich Frisör werde, werde ich lieber Elektriker.“ Er ist Werkmeister im E-Werk Simmering. Der Sohn ist dort sehr erfolgreich. Der Sohn wird 36 Jahre alt und das Enkelkind wird 9.

Ihr Enkelkind ist ihr Mittelpunkt. Alle zwei Wochen am Freitag ist er bei ihr. Sie geht mit ihrem Enkelkind Eislaufen, spazieren und wandern. Die wichtigste Sache ist, dass die Familie gesund bleibt, und dass es ihnen gut geht. „Und dass ich überlebe“, sagte sie. Sie baut gerne Luftschlösser. Sie würde gerne im Lotto gewinnen, ein Haus und ein Auto für ihre Familie kaufen.“

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(Bild: aufZehenspitzen)

„(…) Die Hochzeit war in einem Gasthaus in Wien. Ihr Verlobter ist aus der Türkei gekommen, um sie zu heiraten. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis sie sich kennen gelernt haben. Damals war sie 16 (…) Jahre alt. Mit 19 hat sie ihr erstes Kind bekommen. Ihr Mann wollte immer einen Sohn haben. Jetzt hat die Familie drei Töchter und einen Sohn.

Die Frau tut alles für ihre Familie. Sie hilft ihren Kindern bei den Hausübungen. Sie will, dass ihre Töchter nicht mit Buben reden oder lachen und dass sie einen guten Beruf erlernen, weil sie selber das nicht konnte. Sie arbeitet viel, damit die Kinder die Schule fertig machen können.“

Liebe Wiener Leser_innen! Weiß jemand mehr dazu?

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