Von Elternkarenz, Einkaufen und Eifersucht. Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben mit Kind

Die Tage meiner Elternkarenz sind gezählt, die Wehmut darüber hält sich in Grenzen. Immerhin steht zwischen Vollzeit-Kinderbetreuung und Vollzeit-Erwerbstätigkeit noch fast ein ganzes Semester Studium. Dann heißt es statt stundenlang Bausteine stapeln und in Bilderbüchern blättern, in die knisternde Lesesaal-Stimmung eintauchen und (hoffentlich seitenweise) Wissenschaftliches niederschreiben. Was es aber auch heißt: den Haushalt und das Zusammenleben mit Freund und Kind neu organisieren. Und das ist so wie es klingt: furchtbar. Furchtbar mühsam und furchtbar anstrengend und furchtbar streitanfällig (siehe dazu auch: Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor).

Selbst wenn die Ausgangssituation eine ähnliche ist, ist die gleichberechtigte Aufteilung von Haushaltsagenden fast unmöglich. Und ein elaborierter Haushaltsplan, wie ihn Khaos.Kind hier vorstellt, entspricht meinem Zusammenleben in einer Liebesbeziehung (und ehrlicherweise auch meiner Konsequenz) nicht. Wer schon einmal in einer WG gelebt hat, weiß: An (nicht eingehaltenen) Putzplänen können Freundschaften zerbrechen. Kommt dann noch ein Baby dazu, ist die Ausgangslage für die beiden Eltern meistens ohnehin so unausgeglichen, dass es wenig Sinn macht, die Balance über die Putzarbeit herstellen zu wollen. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich gemacht habe. Kinderbetreuung ist Kinderbetreuung und Haushalt ist Haushalt. In der Praxis vermischt sich das sicherlich immer wieder, nichtsdestotrotz finde ich die grundsätzliche Trennung sollte den beiden zusammenlebenden Eltern bewusst sein.

(Bild via Lady of Vintage)

Das Schwierige, nein, vielmehr das Perfide an der Angelegenheit ist, dass der Elternteil, der die Kinderbetreuung tagsüber übernimmt, meistens auch viel vom Haushalt übernimmt. Und das wiederum ist nicht Teil der Karenzvereinbarung. Ich übernehme in dieser Zeit das Kind, aber keineswegs den Haushalt. Warum sollte ich auch? Immerhin bin ich Mutter und nicht Haushaltshilfe geworden. An diesem Punkt, fürchte ich, beginnt oftmals eine nicht wieder zu neutralisierende Schieflage. Diese wird oft auch fortgeführt, wenn es darüber hinaus darum geht, dass beide Eltern Zeit für sich, Zeit mit dem Kind alleine, Familienzeit und Paarzeit verbringen sollen/wollen. In vielen traditionellen Familienkonstellationen (Vater, Mutter, Kind) ist es der Mann, der einer (ganztags) Erwerbsarbeit nachgeht. Ihm steht entsprechend einer konservativen Auffassung von Arbeit auch Erholung zu. Der Grundirrtum liegt dabei in der Definition von Arbeit, die in den Köpfen vieler nach wie vor die unbezahlte Reproduktionsarbeit nicht miteinschließt. Wenn aber der erwerbstätige Elternteil nach Hause kommt, hat dieser denselben Anspruch auf Erholung wie der kinderbetreuende Elternteil. Die Krux: Das Kind ist dann natürlich auch da und will gefüttert, gewickelt und bespaßt oder zumindest beaufsichtigt werden. Nur, von wem? Das Gleiche gilt für die Nächte: Wie oft habe ich das „Argument“ von Müttern in heterosexuellen Paarbeziehungen gehört, dass sie selber nachts immer aufstehen, wenn das Kind beruhigt werden will, weil der Mann müsse am nächsten Tag fit für die arbeitsweltlichen Anstrengungen sein. Die Haushalts- und Kinderbetreuungsdiskussion dreht sich spätestens an dem Punkt im Kreis. So mühsam und langweilig das Thema ist, es ist offensichtlich, dass es ein grundfeministisches ist (dazu: Forty years of feminism – but women still do most of the housework und Some theories on why men don’t do as many household tasks). So sind es auch beständig Feministinnen, die versuchen Lösungen dafür zu finden (z. B.: BeispieltagesabläufeErfahrungsberichteGedankenspiele).

(Bild via superlurk.tumblr.com)

Ein zusätzliches Problem, wie ich finde, ist auch, dass bei der ganzen Teilungsarbeit nicht ein Elternteil zum wandelnden Organizer verkommen sollte. Dann trägt dieser nämlich wiederum nicht unwesentlich Mehrlast. Es geht ja nicht nur darum, wer den Müll wegbringt oder den Abwasch macht. Es geht auch darum, wer daran denkt, den Kindern/dem Kind neue Schuhe zu kaufen, der_m Babysitter_in ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, den Elternabend wahrzunehmen, den Großeltern zur Silberhochzeit zu gratulieren, die Einkaufsliste zu führen, wann der nächste Kinderarzt_ärztinbesuch sein sollte und und und.

Daneben müssen sich Paare auch über ihre jeweilige Freizeit im Klaren sein. Bedeutet Freizeit für beide dasselbe? Oder bedeutet es, dass der_die eine sich seine_ihre einfach nimmt und der_die andere davor eine Organisationsleistung vollbringen muss, um das Kind/die Kinder zu versorgen? Es liegt auch ein enormer Qualitätsunterschied darin, ob ich ein einstündiges Treffen mit anderen Erwachsenen verbringe oder ob (meine) Kinder dabei sind. Im Gegenteil. Wenn ich mich zum Beispiel mit Freund_innen zum Essen treffe und mein Kind ist dabei, fühle ich mich danach oft regelrecht erschlagen vom Koordinieren zwischen Erwachsenengespräch und Kindunterhaltung und Nahrungsaufnahme. Das ist nicht die Freizeit, die ich meine! Da habe ich mich schon beim halbstündigen Käseweckerlessen am Fensterbrett in der Job-Mittagspause früher besser erholt – selbst wenn ich nebenbei Arbeitsthemen diskutiert habe …

Wer die Hausarbeit klar geregelt hat, führt übrigens mit großer Wahrscheinlichkeit eine glücklichere Partnerschaft als jene, die dies nicht haben. Und wer eine gleichberechtigte Partnerschaft leben will, lässt sich diese Regeln nicht von der klassischen Rollenverteilung diktieren.

(Bild via dianealdred.com)

Eine Patentlösung habe ich selbst nicht. Weit entfernt. Wer was macht und was nicht, steht hier regelmäßig zur Diskussion. Besonders dann, wenn Neid auf die Situation des_der Partners_in mit ins Spiel kommt. Denn während ich den Freund seit Monaten um sein Jobleben beneide, findet er meinen Lebensstil derzeit fast ebenso unwiderstehlich. Obwohl … je näher der Karenzwechsel rückt, umso mehr werden wir uns auch der Vorteile der jeweils eigenen Situation bewusst. Gemütlich Kaffee trinkend die Mittagszeit im Internet verbringen hat schon auch was, denke ich jetzt selber – die Zeiten, in denen ich nicht einmal auf die Toilette gehen konnte, ohne ein Kind dabei im Arm zu schaukeln, in denen ich mich nachmittags bereits vor Hunger gekrümmt habe, weil ich nicht dazu gekommen bin, mir zumindest ein Käsebrot zu machen, und jene, in denen ich jede Nacht stundenlang stillend und halb krank vor Erschöpfung im Bett gesessen bin, verstauben bereits im geistigen Archiv. Ja, die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Aufgaben im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Um diese gerecht aufteilen zu können, müssen sie auch ge- und benannt werden. Alle.

17 thoughts on “Von Elternkarenz, Einkaufen und Eifersucht. Gedanken zum gleichberechtigten Paarleben mit Kind

  1. Du sprichst mir aus der Seele! Das sind genau die Themen, die mich im letzten Jahr immer wieder beschäftigt haben (und noch beschäftigen), aber nicht so präzise in Worte fassen konnte. Danke!

  2. Was wäre denn mit: Kochen du, Aufräumen ich – oder ähnlichem? Gibt es etwas was jeweils einem von euch beiden mehr liegt? Auf diese Weise organisieren wir seit Jahren unsere Hausarbeit und es läuft gut.
    Und deine Gedanken zum Thema „Freizeit“ mit Kind unterschreibe ich voll und ganz. Ich weiß nicht wer sich das ausgedacht hat, dass es doch total entspannt und easy ist mit Kind Freunde zu treffen (es gibt gerade wieder einen dieser entspannten Artikel dazu in der Nido). Es geht, klar. Aber es ist was völlig anderes als FREIZEIT (Erwachsenenfreizeit) zu haben.

  3. Blogschau & Links, 01_2013 | glücklich scheitern

  4. Hm, meine Erfahrung ist, dass es sinnvoll ist zu schauen, wer was am liebsten macht und welche Bedürfnisse die Eltern jeweils haben. Mit den Jahren hat sich das ganz gut eingespielt, aber: es hat schon recht lange gebraucht. Die (gefühlte?) Schieflage der Babyzeit wünsche ich mir nicht zurück, es geht alles viel einfacher, wenn beide Eltern arbeiten gehen.

  5. Mädchenmannschaft » Blog Archive » #aufschrei ohne Konsequenzen und andere Fragezeichen – die Blogschau

  6. Mutter(un)Glück | Mein Körper ist _

  7. Bekannte: 4jähriges Kind, sie in der Weiterbildung, er im Di-Fr im Job 800km weg. Nur so kann ihre Weiterbildung finanziert und das Haus abgezahlt werden.

    Wie soll das jetzt hier gehen mit dem „gleichberechtigten Paarleben mit Kind“? Eure Situation scheint mir da sehr komfortabel. Um jetzt mal nicht „Luxusprobleme“ zu sagen.

      • +1 für individuelle Lösungen. Und auf „Luxusprobleme“ bitte nicht gleich anspringen. Aus der Perspektive Alleinerziehender etwa sind das die Aufteilungsprobleme von Doppelerziehenden allemal.

        • an alleinerziehende dachte ich beim schreiben des textes auch. sie kämpfen im alltag sicher oft mir größeren problemen als gemeinsam-erziehende. aber das grundübel ist auch hier die geschlechterdiskriminierung: immerhin sind die meisten alleinerziehenden frauen. und in einer patriarchalen gesellschaft, in der das ideal „vater (arbeit), mutter (haushalt/kind), kind“ zu sein hat, leiden dann alle in familienkonstellationen, die diesem ideal nicht entsprechen. in unterschiedlichem ausmaß. es geht mir beim ansprechen von solchen thematiken auch nicht um eine reihung, wer es am härtesten hat. und das thema haushalt und kinderbetreuung für hetero-paare hat immer auch mit dem ausverhandeln von rollen und dem ankämpfen gegen tradierte zuschreibungen (= auch gegen konservative familienideale) zu tun, also doch mit mehr als nur mit „aufteilungsproblemen“.

      • > in einer patriarchalen gesellschaft, in der das ideal “vater (arbeit),
        > mutter (haushalt/kind), kind” zu sein hat, leiden dann alle in
        > familienkonstellationen, die diesem ideal nicht entsprechen.

        Absolut. Danke für die Antwort!

  8. Ich bin Mutter geworden und nicht Putzfrau! | the only thing constant in the world is change

  9. Verlinkt: Gleichberechtigte Care-Arbeitsteilung in Elternbeziehungen | umstandslos.

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