Die verrückte Tante

Familienfeiern erinnern immer auch an die, die nicht (mehr) Teil einer Gemeinschaft (siehe: Dorf essen Seele auf) sind. Die Geschichten dazu tragen die Alten hinter ihren still-wissenden Augen. Die Kinder kennen Gesprächsfetzen, zusammenhanglose Sätze oder vielsagende Blickwechsel zwischen Eltern und anderen erwachsenen Verwandten. Sie wissen um das Unausgesprochene. Irgendwann bekommen die Kinder selber Kinder und erinnern sich an vergessene Geschichten. Wer mag, macht sich einen Reim auf kryptische Dialoge, wer mag, fragt nach.

Meine Tante ist verrückt. Sie tickt nicht richtig und hat einen Huscher. Das waren lange meine gesammelten Wortfetzen zu ihr. Ihr fehlen so ziemlich alle sozialen Kompetenzen, um an Familienfeiern teilzunehmen. Ihr heute erwachsener Sohn ist der falsche Ansprechpartner, er hat zwei Kinder und redet nicht über die Mutter. Wer selber Kinder bekommt, ängstigt sich trotzdem (oder deswegen?) ein wenig. Dann auch ich. Was die hat, ist das vererbbar? Irgendwann fällt das Wort. Stillpsychose. Unbehandelt. Die Tante war also nicht immer „verrückt“. Eine Erleichterung?

Postpartale Psychose heißt das heutzutage (PPP ist die schwerwiegendste psychiatrische Komplikation nach einer Geburt und betrifft eine bis drei von tausend Müttern). Das Fachvokabular ändert nichts daran, wie verschämt über das Krankheitsbild nach wie vor gesprochen wird. Erschreckend ist, wie viele Frauen von postpartalen Stimmungskristen betroffen sind und einfach weggeschwiegen werden: In Mitteleuropa leidet zum Beispiel beinahe jede fünfte Frau an einer Wochenbettdepression (nicht zu verwechseln mit dem oftmals belächelten Baby Blues, an dem acht von zehn Frauen aufgrund des Hormonabfalls nach der Geburt leiden).

Gesa Berg hat einen Film (Traurig nach der Geburt) zum Thema Wochenbettdepression gedreht. Sie nennt biologische Veranlagung als auch psychosoziale Faktoren (wie einen nicht unterstützenden Partner, Gewalt in der Partnerschaft, Arbeitslosigkeit oder eine dramatische Geburt) als Gründe für das Auftreten der Krankheit. Durch die Ignoranz des Umfelds leiden die Väter teilweise extrem mit. Schwerwiegende Beziehungskrisen können die Folgen sein.

Eine Mutter, die nach der Geburt nicht glücklich ist, ist ein großes Tabu. Auch deshalb schweigen viele Frauen zu ihren negativen Gefühlen – weil die Gesellschaft solche ohnehin nur mit Unverständnis quittiert. Dabei sind Wochenbettdepressionen beinahe zu 100 Prozent heilbar. Wenn sie denn als solche erkannt werden, doch viele Fachkräfte sind auf die Problematik nicht hinreichend sensibilisiert, wie auch Gesa Bergs Recherche zeigt.

(Bild via Flickr.com (c) Rebecca Williams)

Anmerkung: Im Netz finden sich seriöse Fragebögen zur Selbsteinschätzung.

3 thoughts on “Die verrückte Tante

  1. der dritte absatz klingt irgendwie so, wie wenn wochenbettdrepression und postpartale psychose dasselbe seien – das ist vermutlich nicht so gemeint (?) wirkt aber so v.a. wegen der geschichte mit der tante – eine postpartale psychose ist ja sehr viel seltener als eine wochenbettdepression (1-3 mütter aus 1000 sagt wikipedia) und vermutlich nochmal ne ganz andere nummer.

    ansonsten: ja, wichtiges thema. ist das aber wirklich immer noch so ein großes tabu? ich habe eine freundin, die von wochenbettdepression betroffen war, sich relativ schnell hilfe geholt hat und damit auch sehr offen umgegegangen ist. während meine mutter in den 70er jahren eine wochenbettdepression hatte und gar nicht wusste, dass es so was gibt (deshalb auch – unbehandelt – musste sie irgendwie alleine klar kommen).

    • danke für den hinweis! das war natürlich nicht so gemeint, sondern blöd zusammengekürzt. liest sich tatsächlich etwas beliebig (ich werd das mal besser umformulieren). so wie ich gesa berg verstanden habe, ist das thema nach wie vor ein großes tabu – nicht mehr so wie einst vielleicht, aber dennoch – wie psychische erkrankungen halt generell. das entspricht z.B. auch der einschätzung der selbsthilfeorganisation „schatten und licht“

  2. Ich empfehle schatten-und-licht.de
    Hatte selber einen sehr ausgedehnten baby blues, hab aber zum Glück die Kurve gekriegt.
    Es ist heute glaube ich kein Tabu mehr, aber für jede einzelne Mutter ist es furchtbar, sich so überfordert, hilflos und lieblos zu fühlen. Das lässt sich einfach nicht in das glückselige Bild einer frischen, glücklichen Mutter mit gewaschenen Haaren und einem Hauch von Mascara fügen. Gut, ist auch ein Klischee. Umso wichtiger sind solche Beiträge, die Beratung erfahrener Hebammen usw

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