Erlesene Mutterschaft IX

„Meine Augen wanderten zwischen Kind und Mutter hin und her, während das Mädchen von kaum hörbarem Flüstern über erstickte Eingeständnisse zu heiserem, keuchendem Schluchzen wechselte. Das Gesicht der Mutter war ein recht getreues Abbild der Mimik des Kindes. Wenn Alice leise sprach, beugte sich Ellen angespannt vor, und ihre Lippen registrierten jede Kränkung mit winzigen Bewegungen. Wenn Alice weinte, verengten sich Ellens Augen, eine Falte erschien zwischen ihren Brauen, und ihr Mund verkrampfte sich zu einem dünnen, geraden Strich, aber sie weinte nicht. Mütterliches Zuhören ist von besonderer Art. Die Mutter muss zuhören, und sie muss mitfühlen, aber sie darf sich nicht vollständig mit dem Kind identifizieren. Das erfordert eine erzwungene Zurücknahme, eine Distanz, die nur erreicht wird, indem sie sich gegen die gerade erzählte Geschichte stählt.“

Siri Hustvedt – Der Sommer ohne Männer

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