And the Oscar goes to … sexism!

Ben Afflecks „Argo“ ist Unterhaltung, ja. Gute sogar. Theoretisch. Spannung und Überraschung. Action und Verrücktheit. „Argo“ ist aber auch kulturignorant und bricht spätestens ab der Hälfte mit seiner anfänglichen beinahe differenziert-beschreibenden Darstellung der geschichtlichen Fakten. Klischees, schlimmer noch Stereotype und Vorurteile laufen miteinander um die Wette. Amerika-Patriotismus fürs Film-Lehrbuch. Und im Abspann wird das Schauspiel brav legitimiert und der Authentizitätsbeweis mit Original- und Original gemachten Fotos angetreten. Schaut her, so war es wirklich!

Ach ja, und „Argo“ ist natürlich auch sexistisch. Die Story, oder, wenn man so will, die (vermeintlich) historische Begebenheit wäre dem erfolgreichen Bestehen des Bechdel-Tests nicht im Wege gestanden: Mindestens einmal sprechen zwei Frauen miteinander und in dem Gespräch geht es nicht um Männer. Es gab zwei weibliche Fast-Geiseln, die Ehefrau des Botschafter sowie deren Haushälterin – die im Film vorkommenden Frauen hielten sich zudem fast über die gesamte Dauer des Filmes in ein und demselben Haus auf. Aber Gespräche? Fehlanzeige. So simpel wäre es gewesen, das Anstandssoll zu erfüllen. Oder zählt der kurze Wortwechsel zwischen Botschaftergattin und Haushälterin beim Tischdecken schon als Gespräch? Aber wenn die geflüchteten US-amerikanischen Botschaftsmitarbeiter_innen die Gefahren einer Flucht diskutieren, halten sich die beiden betroffenen Frauen vielfach dezent im Hintergrund. Ein gemeinsamer Dialog findet nicht statt. Ihre Bedenken äußern sie nur ihren Männern gegenüber. Dazu verlassen sie den Raum. Weder Kamera noch Handlung folgen ihnen.

Und … der Held bekommt natürlich eine liebende Ehefrau zur Seite gestellt, die macht, was liebende Ehefrauen in Hollywood so machen: Sie darf den Mann am Ende des Abenteuers berührend in die Arme nehmen.

(Bild via www.fact.co.uk)

Kleinlich?

  • 33 Prozent der sprechenden Charaktere in Filmen sind Frauen.
  • 40 Prozent der jungen weiblichen Darstellerinnen und 7 Prozent der jungen männlichen Darsteller tragen sexuell aufreizende Kleidung
  • 30 Prozent der jungen Darstellerinnen und 10 Prozent der jungen männlichen Darsteller sind im Laufe des Films teilweise nackt zu sehen.
  • 8 Prozent der Filmdirektor_innen sind Frauen.
  • 13,6 Prozent der Autor_innen sind Frauen.
  • 19 Prozent der Produzent_innen sind Frauen.
  • 7 Prozent der in Filmen dargestellten Personen aus Politik und Regierung sind weiblich.
  • 17 Prozent der in Filmen dargestellten Personen aus der Wirtschaft sind weiblich.
  • 14 Prozent der im Film dargestellten Führungskräfte sind weiblich.
  • 28 Prozent der dargestellten Frauen in den umsatzstärksten US-amerikanischen Familienfilmen (2006-2011) waren sexy gekleidet, 27 Prozent zeigten Haut zwischen Körpermitte und Oberschenkel, 34 Prozent hatten dünne Körper.
  • In 85 Jahren wurden vier Frauen in der Oscar-Kategorie „Best Director“ nominiert.

Quellen: Martha Lauzen „It’s a Man’s (Celluloid) World“, Stacey Smith et al „Gender Roles & Occupations“, Melissa Silverstein „Woman and Hollywood“

Diese Art von Kleinlichkeit sollten sich mehr Menschen leisten. Besonders die, die Filme öffentlichkeitswirksam auszeichnen.

So ist das Leben? Filme bilden die Wirklichkeit nur so ab, wie sie ist? Nun, nicht ganz: „Criticisms about representations of gender (or race and other diversity) are often countered in fandom by sociological or scientific analyses attempting to explain why the inequality happens according to the internal logic of the fictional world. As though there is any real reason that anything happens in a story except that someone chose to write it that way.“ (Laura Hudson „Leia is not enough“ | wired.com)

Wenig überraschend fehlen bekanntlich auch in Kinderfilmen starke, differenziert gezeichnete weibliche Charaktere. „When girls go missing in children media, it acclimates a whole new generation to expect and accept sexism. It’s an annihilation of half of the population. So why do parents accept sexism in a fantasy world created for children“, fragt Reelgirl zurecht.

P.S.: Immerhin. Zwei Oscars wandern jährlich zielsicher in weibliche Hände. jene für die beste weibliche Haupt- bzw. Nebendarstellerin. Heuer: Jennifer Lawrence und Anne Hathaway. Dazu zwei Anmerkungen:

„Although Jennifer Lawrence is terrific in The Silver Linings Playbook and is a lock for a Best Actress nomination, Awards Daily’s Sasha Stone argues that her role is more of a supporting one, where she ‚chases relentlessly after Bradley Cooper…[and] spends much of the movie in a tight danskin top bouncing up and down joyfully‘.” (Nico Lang | Sexism in Hollywood)

„This year, Anne Hathaway is favored to win Best Supporting Actress for her role as Fantine, the single-mother-turned-prostitute, in Les Misérables. As most fans now know, she lost 25 pounds for the part and she did so by nearly starving herself, subsisting at some point on nothing more than ‚two thin squares of dried oatmeal paste.‘ That level of commitment should help her win an Academy Award, just like it did when an already wispy Natalie Portman lost twenty pounds for her Oscar-winning turn as the unhinged ballerina in Black Swan. Or like it did when Charlize Theron packed on 30 to play serial killer Aileen Wuornos in Monster. Or like it did when scrawny Hilary Swank hit the gym and packed on sixteen pounds of muscle for Million Dollar Baby and basically changed her gender forBoys Don’t Cry.“ (Yael Kohen | Why extra skinny (or fat) actresses win oscars)

7 thoughts on “And the Oscar goes to … sexism!

  1. Was die Geschlechterklischees und den Punkt „So ist das Leben? Filme bilden die Wirklichkeit nur so ab, wie sie ist?“ angeht: Es ist schon lustig, dass bei Filmen, die sich allenfalls in Ansätzen an „wahren Begebenheiten“ langhangeln & durch Übertreibungen Stereotype transportieren, bei den Geschlechterrollen plötzlich auf die „Wirklichkeit“ referenziert wird. Haha. Argo lehnt sich sicher an eine reale Geschichte an (Operation Canadian Caper) und war vermutlich auch ein Krimi für die Beteiligten, aber für diesen Thriller wurden doch etliche dramaturgische Zusatzstorys und Elemente verwurstelt – und mit hist. Begebenheiten nahm man es auch nicht so genau: http://en.wikipedia.org/wiki/Argo_%282012_film%29.
    Ist ja nix ungewöhnliches, schließlich ist es ein Film, keine Reportage, da muss man nicht alles für bare Münze nehmen. Wieso dann nicht auch ein bisschen mehr Vorstellungskraft bei den Geschlechterdarstellungen … tja, warum nur …?

  2. Danke, dass du auf dieses Problem aufmerksam machst. Filme und Fernsehserien sind ein so wichtiger sekundärer Erfahrungshorizont, an denen mensch Verhalten lernt. Da kann man gar nicht genug drüber nachdenken!
    Was die Kinderfilme angeht kenne ich mich noch nicht so aus. Ich nehme aber an, dass neben den Heldinnen auch positiver männliche Helden fehlen, also solchen, die nicht auf der Egoschiene oder im Kampf ihr Ziel erreichen.

  3. Linkspam

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