Elternschaft im Radar. Einmal mehr. Diesmal: die bösen Helikopter-Eltern.

Helikopter-Eltern machen ihre Kinder depressiv, so tönten die Zusammenfassungen einer vor wenigen Tagen publik gemachten Studie (Holly Schiffrin/University of Mary Washington): Diese „found students with over-controlling parents were more likely to be depressed and less satisfied with their lives while the number of hyper-parents was increasing with economic fears fuelling concerns over youngsters‘ chances of success.“ Die Rede ist von erwachsenen Kindern und ihren Eltern.

So genau wurde die Meldung im (deutschsprachigen) Raum dann aber nicht gelesen bzw. wiedergegeben. Die Brücke zum allseits beliebten Helikopter-ElternBashing war rasch und vielfach geschlagen: „Die Studie konnte einen klaren Zusammenhang zwischen unangemessener elterlicher Kontrolle und negativen Gefühlen der Kinder zeigen. Studienleiterin Holly Schiffrin: ‚Eltern sollten sich darüber im Klaren sein, dass übertriebenes Engagement die Entwicklung hemmen kann. Sie sollten für ihre Kinder nicht zum Klotz am Bein werden.‘ Besonders ‚krank machend‘ seien Eltern, die sich allzu intensiv in die Belange der Kinder einmischen, diese ständig kontrollieren und ihnen ungefragt bei allem zur Seite stehen. Eltern mit diesem Erziehungsstil werden in der Populärwissenschaft heute gerne ‚Helikopter-Eltern‘ genannt.“ (derstandard.at – Zu viel Fürsorge macht Kinder depressiv)

(Bild via nytimes.com | When parents hover and kids don’t grow up (c) André da Loba)

Das Fatale daran ist, dass im deutschsprachigen Raum mit „Helikopter-Elterntum“ zumeist auf das Mikromanagement referiert wird, das rund um die Förderung und Schulbildung von Kindern betrieben wird. An Eltern, die ihre studierenden Kinder täglich anrufen, mit E-Mails und SMS beschicken, Bewerbungsgespräche vereinbaren und Arzttermine organisieren, denken hierzulande vermutlich nur wenige. In der Reuters-Meldung zu der Studie wurde zudem hervorgehoben, dass die Grenze zwischen Helikopter-Eltern und fürsorglichen Eltern eine feine sei, am anderen Ende des Spektrums jedoch die vernachlässigende Elternschaft stehe – die weitaus gefährlichere „Variante“, wenn man so will.

Nun soll dies keinesfalls ein Plädoyer für Helikopter-Eltern sein. Allerdings werden in der Diskussion ums richtige Erziehen wieder einmal zu viele Zutaten in einen Topf geschmissen, von denen nicht alle deklariert werden. Die Suppe, die den Eltern dann präsentiert wird, dürfen diese daraufhin mit schlechtem Gewissen und einer gehörigen Portion Verunsicherung genießen.

Erfrischend lesen sich im Gegensatz dazu Artikel wie jener: Over-mothered? No, over mothering, der praktisch zum Bruch mit Elternregeln geradezu auffordert und gleich mit meinem persönlichen Schwangerschaftslaster beginnt, dem Frischkäse (resp. Listerienalarm): „All right, I admit it. During both my pregnancies I ate soft cheese. I didn’t just filch a teeny bit from the corner of a cheese platter in guilty secrecy. I ate it flagrantly and often, luxuriating in the squishy, oozy deliciousness of brie, camembert and those dodgy French ones with the funny-coloured rinds.“ Das mag lächerlich klingen, aber jener Tag, an dem ich mich als Schwangere am Frühstücksbuffet beim Käse bediente und ich (wenig dezent) darauf hingewiesen wurde, dass es sich dabei um Rohmilchkäse handelte, hat mir klar gemacht, wohin die Reise geht: ab ins Land der Schuldgefühle. Denn wie wir spätestens seit der wunderbar einseitigen Spiegel-Titelgeschichte (ich kann nicht oft genug zu dieser Kritik daran verlinken) wissen: Das Leiden der Kinder beginnt bereits im Mutterleib. Jawohl.

Hausgeburt oder Krankenhaus? Vaginalgeburt oder Kaiserschnitt? Stillen oder Flasche? Co-Sleeping oder eigenes Bettchen? Möglichkeiten seine Kinder zu verpfuschen gibt es viele. Und irgendwann kommt dann der Punkt, ab dem man der oben genannten feinen Grenze rasch gefährlich nahe kommt. Und schwups – ehe man es sich versieht: Helikopter-Eltern, haha (denn eine gewisse Häme und Abwertung lassen die, die diese kritisieren, doch immer mitschwingen)!

Kurz gesagt: Erst kritisiert die Öffentlichkeit bestimmte (private!) Verhaltensweisen von Schwangeren als zu wenig auf den Fötus bedacht. Daraufhin bietet auch die Wahl der Geburtsform vielfach Gelegenheit zur Kritik. In Folge werden weitere höchstpersönliche Entscheidungen besonders des ersten Jahres Elternschaft wahlweise als zu wenig fürsorglich (weil zu egoistisch, weil zu uninformiert, weil zu regellos, weil zu regel-überladen…) verdammt. Aber dann, dann wird aus all dem „Zu-wenig“ plötzlich ein riesiges „Zu-viel“. Das Resümee bleibt dasselbe: Die Eltern (und da wiederum oft: die Mütter) sind Schuld.

Ja, Helikopter-Eltern können ihre (erwachsenen) Kinder möglicherweise depressiv machen. Helikopter-Gesellschaftsnormen und -vorschreibungen tun aber dasselbe mit deren Eltern.

14 thoughts on “Elternschaft im Radar. Einmal mehr. Diesmal: die bösen Helikopter-Eltern.

  1. Reblogged this on Mama hat jetzt keine Zeit… und kommentierte:
    Da ich im Moment nicht selbst zum Bloggen komme, möchte ich Euch die Lektüre dieses Artikels von „aufZehenspitzen“ ans Herz legen. Es geht darum, wie man hastdunichtgesehen von der Vernachlässigung seines Kindes zur Helikoptermutter wird, ohne auch nur einen Finger gerührt zu haben. Einfach weil man Mutter ist und wie man weiss, Mütter sowieso immer Schuld sind.

    • Rohmilch-Weichkäse (Münster, Mont d’Or & Co) könnten Listerien bzw. Salmonellen enthalten (die Dinger, die von Zeit zu Zeit ein halbes Altersheim killen). Eine Infektion der Schwangeren kann zum Abort oder Behinderungen beim Fötus führen. Normalerweise bekommt man aber Rohmilchweichkäse im EU-Raum nur noch im Spezialitätenladen wenn überhaupt. Also keine Panik.

    • ich wollte mit dem beispiel verdeutlichen, dass bereits ab der schwangerschaft versucht wird, kontrolle auf mutterschaft auszuüben. ich empfehle dazu diesen beitrag von bluemilk: http://bluemilk.wordpress.com/2012/02/01/the-mediocre-mother/, der eine gute zusammenfassung dazu bietet. als schwangere wird man wirklich ständig gewarnt, irgendetwas nicht zu essen bzw. irgendetwas nicht zu tun – die expert_innen- und nicht-expert_innen-tipps widersprechen sich dabei zudem noch häufig. so bleibt wieder einmal oft nur das schuldgefühl übrig, egal wie man sich als schwangere verhält. viele verbotene dinge stehen zudem außerhalb jeglicher relation.

      • Deshalb fände ich es wichtig, vom „Blaming“ wegzukommen und dazu überzugehen, Mütter darin zu stärken, ihre Bedürfnisse zu erkennen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und dann zu diesen zu stehen.
        Ich lese berufshalber viele Elternblogs, Elternforen und Elternzeitschriften. Dabei fällt mir auf, dass viel über Studien geschimpft wird, über die böse Gesellschaft oder über andere Eltern (siehe all die „Supermutti“-Postings), die Eltern zu etwas drängen wollen etc. was diese scheints gar nicht wollen.
        Beispiel Stillen: Es gibt Hunderte wenn nicht Tausende Studien, die belegen, wie gesund Stillen ist. Aber es gibt Fälle, wo Stillen trotzdem nicht die beste Lösung ist. Da scheint es mir persönlich unsinnig, Seitenweise über den „Stilldruck“ zu schimpfen, damit sich diese Frauen besser fühlen. Viel besser ist es, diese Mütter darin zu bestärken sagen zu können „im Allgemeinen mag das zutreffen, aber für uns war ein anderer Weg richtig“.
        Nicht „die Gesellschaft“ ist zuständig für meine Entscheidungen, sondern ich selber. Und nicht „die Gesellschaft“ muss die Konsequenzen tragen. Emanzipation (im urspr. Wortsinn) ist Eigenverantwortung: Ich entscheide und ich lebe mit den Konsequenzen der Entscheidung.

      • Hmm. Gerade Stillen ist ein Paradebeispiel für die Unverhältnismäßigkeit von Verhaltensvorschriften für Mütter, da die negativen Seiten des Stillens so gut wie immer ausgeblendet und die Vorteile vollkommen übertrieben dargestellt werden. Auch die für Industrienationen außerhalb jeder Realität stehende Empfehlung einer Stilldauer von mindestens zwei Jahren fehlt in keinem Artikel.
        Da geht es weniger darum dass „sich diese Frauen besser fühlen“, sondern darum von einem übertriebenen Ideal wegzukommen.
        Im ursprünglichen Wortsinn ist emancipare übrigens kein reflexives, sondern ein rein transitives Verb.

  2. danke für den artikel, ich lach hier grade tränen, als selber ADHS mit autistischen Zügen und Mutter einer mittlerweile volljährigen Tochter mit ADHS bin ich wohl ne Helikoptermutter…am ehesten ein AH-64 Apache (wenn du mich siehst, ist es zu spät🙂 )

  3. zum Thema Helikopter-Eltern: Ich lese regelmäßig auf http://www.freerangekids.com. Die Autorin, Lenore Skenazy stemmt sich dort der in den USA offenbar weitverbreiteten übersteigerten Angst um die eigenen Kinder entgegen – wenn man da etwas mitliest, wird auch klar, was in Amerika mit helicopter-parents gemeint ist.

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