Liebe Väter,

wir Feministinnen reden ja viel und lang über uns Frauen und Mütter. Wenn wir von euch reden, dann meistens im Imperativ. Denn wir fordern nicht nur eure Mithilfe in Erziehung und Haushalt, nein, wir wollen uns die Aufgaben gleichberechtigt teilen. Böse Zungen behaupten, wir wollen die Macht gar umkehren, andere wiederum gehen soweit und unterstellen uns, dass wir euch uns gleich machen wollen – mit anderen Worten: Wir wollen euch verweiblichen. Einige männliche Mitstreiter haben wir sogar schon auf unserer Seite. Tja … so etwas kann manchen Angst machen, das verstehen wir. Glücklicherweise finden sich immer wieder Männer, die stellvertretend zum Gegenschlag ausholen. Zuletzt also Matthias Stiehler, der vor einer Gesellschaft aus Müttern und Ersatzmüttern (= verweiblichte Väter) warnt – das Ganze ergibt in Buchform* eine alarmierende Analyse unserer Verhältnisse: Das Gesellschaftsszenario, in das wir uns/wir euch/ihr uns hineinmanövriert haben/habt ist, gelinde gesagt, erschütternd.  „Väterlos“ nennt Stiehler seinen schonungslosen Klartext zum Grauen.

Liebe Väter,

ihr müsst wissen, ihr seid nämlich selber Schuld an allem. Das klingt zu allgemein? Nun, es ist durchaus so gemeint. Da ihr eure Väterlichkeit nämlich nicht (oder falsch im Sinne von zu angepasst an uns Müttern) lebt, fehlt es unserer Gesellschaft an „Prinzipienfestigkeit, Begrenzung, Partnerschaftsfähigkeit, Ehrlichkeit und Verantwortung. Dabei wäre es notwendig, Väterlichkeit als komplementäres Gegenstück zu Mütterlichkeit zu entwickeln, um krisenhaften Entwicklungen wie zu geringe Geburtenzahlen, Schuldenkrise und hilfloser Politik entgegenzuwirken.“ Stiehler hat sich bereits mit seinem ersten Buch „Der Männerversteher. Die neuen Leiden des starken Geschlechts“ einen Namen als jemand gemacht, der eine gesellschaftlich getragene männliche Identität für notwendig hält. In „Väterlos“ führt er diesen Gedanken dort fort, wo er dessen Ursprung ausgemacht zu haben glaubt: in der schönen (un)heilen Kernfamilie.

Liebe Väter,

habe ich erwähnt, dass „Schuld an allem“ auch die „immense Staatsverschuldung“ meinte. Und das „ausufernde Gesundheitssystem“ ebenso. Stiehler konstatiert der Politik nämlich einen Mangel an Väterlichkeit, die Hand in Hand mit halbherzigem Handeln geht. Et voilà: Gerade die europäische Finanzkrise zeigt, „wie sehr mangelnde Väterlichkeit die Grundfesten unserer Gesellschaft erschüttern kann und gegenwärtig bereits erschüttert„. Ihr seht, Stiehlers Alarmismus hat durchaus seine Berechtigung. Zeit zu handeln! Ach, was sag‘ ich: allerhöchste Zeit!

Liebe Väter,

mea culpa. Egoismus und Narzissmus haben uns Feministinnen vergessen lassen, auch auf euch Männer zu achten. Wir waren und sind ebenso blind, den Bedürfnissen unseren Kindern gegenüber, denen wir vor lauter „Gleichstellungswahn“ nicht nur die Mutter (die arbeitet ja), sondern auch den Vater (vermütterlicht) genommen haben. Denn, wie Stiehler in einer seiner Thesen befindet, die „politische Diskussion um die Wahrnehmung der Vaterschaft (bspw. Vätermonate) dient derzeit vor allem dazu, die Mütter zu entlasten, und weniger, den Kindern eine eigenständige Väterlichkeit zu bieten„. Damit wurde verabsäumt, jenes Geschlecht zu unterstützen, das einzig und allein folgende Werte vermitteln kann, so will es Stiehlers „Gesetz des Vaters„: „Begrenzung, Realität und Moral„. Dass die Vermittlung dieser Grundpfeiler manchmal unangenehm sein kann, soll nicht verschwiegen werden. Nichtsdestotrotz müsst ihr euch eurer Pflicht stellen. Schreckt nicht davor zurück, dass euch die Mütter eurer Kinder als Folge möglicherweise als „zu hart, als zu wenig mitempfindend, als zu unbarmherzig“ wahrnehmen oder/und kritisieren. Was sein muss, muss sein. Denn fehlt Kindern diese Väterlichkeit, kommt es von „Überbehütung und Haltlosigkeit bis hin zu einer unrealistischen Einschätzung eigener Möglichkeiten und Grenzen„.

Liebe Väter,

verzweifelt nicht, ob der Verantwortung, die auf euch lastet. Ihr versteht, dass wir Frauen angesichts der verrohten und verrohenden Gesellschaft nun wieder ein bisschen leiser treten. Wir besinnen uns auf unsere fürsorgliche Mütterrolle, ohne euch abzusprechen, dass nur ihr unseren Kindern die Werte geben könnt, die sie brauchen, um eine großartige Gesellschaft entstehen zu lassen. Und wenn dann noch Zeit bleibt, massieren wir eure Füße und bereiten euer Essen (in umgekehrter Reihenfolge). Auch wir müssen einsehen, es geht nicht um uns. Es ist alles nur zum Besten unserer lieben Kinder – und unserer ebenso lieben Gesellschaft.

PS: Die Vaterrolle kann übrigens laut Stiehler nur der biologische Vater ausfüllen. Vielleicht können sich die Patchwork-Väter, Adoptivväter und väterlichen Freunde mit den LGBT-Familien zusammenschließen und sich in dieser netten Runde selbstgeißeln für ihre Nonkonformität und ihre Mitschuld am Untergang von … ja, von was eigentlich? …. egal oder, Herr Stiehler?

(Bild: Heile Mania)

* Dies ist eine Buchrezension, ohne das dazugehörige Buch gekauft und gelesen zu haben. Die zum Buch online veröffentlichten Thesen bieten, so meine ich, Stoff genug. Eine Vertiefung der Thematik im Rahmen eines mehrstündigen Leseprozesses fand aus psychohygienischen Gründen nicht statt.

3 thoughts on “Liebe Väter,

  1. Die zweite Perspektive. Wie es auch ist. | aufZehenspitzen

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