Ein Resümee, das mehr oder weniger passiert ist. Zufällig zum Jubiläum.

Seit etwa zwei Jahren lese ich regelmäßig feministische Blogs – mit einem Schwerpunkt auf feministische Mutterschaft. Seit einem Jahr schreibe ich selbst auch mit. Wir sind viele, freue ich mich dann immer wieder, während ich zustimmend nicke. Es gibt sie tatsächlich mittlerweile zahlreich, die Stimmen, die nicht müde werden, den Muttermythos als konstruiert zu entlarven, auf strukturelle Diskriminierungsmechanismen hinzuweisen und gegen konservative Bestrebungen in Politik und Gesellschaft mobil zu machen.

„Five years ago when I first started a blog about feminist motherhood I looked all around for feminist discussions about motherhood and found very little, so, I often tried to write about everything. But these days I can barely keep up with all the stuff about motherhood in the media and I have increasingly noticed that feminist perspectives on the topic are becoming mainstream“, schreibt die prominente australische Bloggerin Andie Fox (Bluemilk).

(c) aufZehenspitzen

(Bild: aufZehenspitzen)

Und dann sitze ich in der Spielgruppe (deren Attribut „Eltern-Kind-Gruppe“ hübsch klingt, aber in der die Mit-Eltern dann doch nur Frauen sind) und eine Mutter erzählt von den mühsamen Nächten, die kein Ende nehmen wollen. Zweimal weckt sie das Kind und verlangt nach einem Flascherl Milch. Und das seit 15 Monaten. Und der Mann? „Na, der muss sich ausschlafen, er arbeitet doch so viel.“

Und dann treffe ich eine Freundin in der alten Heimatstadt. „Die Karenz ist wie Urlaub“, schwärmt sie erst. Aber geärgert habe es sie doch, dass der Freund fünf Monate gebraucht hat, bis er die erste Windel gewechselt hat.

Und dann gehe ich ins Kindertheater und denke „immerhin auch drei Väter“, bevor ich feststelle, dass diese „nur“ Teil eines Elternpärchens sind.

Und dann erzählt mir der Freund von einem Bekannten, der auch in Karenz geht. Zwei Monate. Einen Monat davon fährt die ganze Familie gemeinsam weg.

Und dann lastet der Brocken „Erziehung und Gender“ gerade so schwer auf mir, dass ich noch nicht genau weiß, wie ich ihn mir von der Seele schreiben soll.

Und dann erzählt mir eine Bekannte von ihrem Kinderwunsch und von der damit verbundenen Angst vorm Rückfall in tradierte Rollenmuster, die schon jetzt plagt.

Und dann sagt ein Freund, dass er natürlich auch unbedingt in Karenz gehen will. Und dann: Zumindest kurz. Und dann: Aber sie will das nicht so recht. Und dann: Es passt von der Arbeit her einfach schlecht.

Und dann sagt ein Ex-Kollege: „Aha, jetzt arbeitest du bald wieder Vollzeit, aber wenn die Karenzzeit von deinem Freund endet, wechselt du bestimmt zu Teilzeit oder?“

Und dann erinnere ich mich, dass diese Zusammenhänge von der einen oder anderen Seite betrachtet werden können, aber von einer (Auf-)Lösung des Dilemmas ist das trotzdem noch (meilen)weit entfernt.

Ich will nicht falsch verstanden werden. In jedem einzelnen Fall gibt es bestimmt gute Gründe (oder/und falsche Zwänge) für die Mehr-Erziehungs-Pflege-Arbeit der Frauen – und diese liegen oft nicht einmal in den Händen der Frauen und Männer selbst. Ich nehme mich keinesfalls aus, in die eine oder andere Ungleichheitsfalle zu tappen oder sie möglicherweise sogar selbst errichtet zu haben. Auch ich hadere mit Körper– und Mütter-Idealen. Doch ich versuche all das beständig zu reflektieren und bilde mir (m)eine Meinung. Und ich bin dabei nicht allein (siehe Blogroll, siehe Freund, siehe Freundinnen).

Aber – und darauf will ich eigentlich hinaus – was ist mit all den Müttern, die in Zwängen und Normen, in Konservatismen und Traditionen, in Rollenmustern und Lebenskonzepten erstarrt und gefangen sind?

Das Klassische in Frage stellen (und im Idealfall auch ändern) kann ein entsprechender gesellschaftspolitischer Diskurs. Die Mütter (und Väter), die als Vorbilder zeigen, welche Alternativen es gibt und dass beide Elternteile davon profitieren, sind aber mindestens genauso wichtig. Denn sie sind es, die die Steine ins Rollen bringen.

(c) aufZehenspitzen

(Bild: aufZehenspitzen)

7 thoughts on “Ein Resümee, das mehr oder weniger passiert ist. Zufällig zum Jubiläum.

  1. Ich teile deine Wahrnehmung….auch ich lese viele ähnliche Blogs, beschäftige mich intensiv damit und doch, wenn jemand auf mein Leben schaut würde er auch noch viele alte Rollenbilder wahrnehmen, in denen ich lebe. Und im Außenherum? Die gleichen Erfahrungen mit anderen Eltern. Mütter in Elternzeit, Mütter nachts wach, Mütter in Krabbelgruppen, and so on, and so on. Eine Lösung weiß auch ich nicht🙂

  2. Herzlichen Glückwunsch zum 1jährigen Blogjubiläum, schön, dass es dich hier gibt!! Wenn ich aus der Internetbubble rausschaue, geht’s mir oft auch so. Ein Glück kenne ich in unserem Städtchen inzwischen auch einige „Vorbilder“, bei denen sich beide ganz selbstverständlich im Alltag um die kleinen Kröten kümmern. Das ist noch eine Minderheit, aber eine positive Tendenz!

  3. Vielen herzlichen Dank für deinen Blog! Ich lese von der Schweiz aus mit, und stolpere selber alltäglich über diese kleinen, fiesen, fixen Rollenbilder. Es tut mir gut zu sehen, dass sich auch andere Gedanken zu diesen Themen machen und einfach mal HINTERFRAGEN. Danke.

  4. Ich freue mich auch immer wieder darüber, dass es mittlerweile echt einige Blogs gibt die sich mit feministischer Mutterschaft auseinandersetzen! Für mich ist das eine unglaubliche Bereicherung – z.B. wenn das Leben außerhalb der Blase mal wieder die Einhaltung der mir angeblich zugeschriebenen Rolle einfordert. Dann weiß ich, wo ich Rückendeckung fürs „anders“ machen, für „den eigenen Weg gehen“, finde. Hier auf deinem Blog finde ich das auch immer wieder und was soll ich sagen, ich bin begeistert und freue mich immer auf/über deine Texte und die tollen Fotos! Danke dafür!

  5. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sex, “Normalität” und Rötelimpfungen – die Blogschau

  6. Liebe Aufzehenspitzen ! Allerherzlichstes Gratulieren zum 1.Geburtstag deines Blogs…und ein riesiges immerberührteszumnachdenkenangeregtesmitnickendesjajajasofühl’ichdasauchfarbenes DANKE ! Ich bin froh, dass es dich und dieses blog gibt !!! Auf min. 99 weitere blogjahre ;)…mitfeiernde Grüße, aMv

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