Böse Wörter

Kinderbücher, die feministischen Ansprüchen genügen, sind in vielen Buchhandlungen noch eine Seltenheit. Stereotype, traditionelle Rollenverteilungen und inszenierte Geschlechtermarkierungen finden sich auf verschiedenen Ebenen. Auch auf jener der Sprache.

Ja, die Sprache. Gerne wird ihre Bedeutung von denen, die nicht von ihr diskriminiert werden, unterschätzt.

Über Rassismus in Kinderbüchern wurde – anlässlich der aktuellen Debatte um Veränderungen in bestimmten Klassikern zugunsten einer Rassismus freien Sprache – bereits hierhierhier und hier viel Kluges gesagt (weitere Links auf derbraunemob.info). Es ist mir unbegreiflich, wie an anderer Stelle mit den fadenscheinigsten Argumenten etwa für die Belassung des N-Wortes in Pipi Langstrumpf argumentiert wird. Die Bücher sind in ihrem ursprünglichen Zustand bekannt, Änderungen an Originaltexten werden von Verlagsseite meist (bzw. wenn nicht, dann sei dies als Forderung zu verstehen) dokumentiert und nachvollziehbar gemacht (was natürlich für jegliche Forschung zu Sprache in ihrem historischen Kontext oder den Autor_innen ausgesprochen wichtig ist). Aber in einem aktuell aufgelegten Kinderbuch will ich vorurteils-, diskriminierungs- und Rassismus freie Sprache.

Warum? Darum:

Bei der Analyse von ‚hate crimes‘ – Verbrechen gegen ethnische oder sexuelle Minderheiten – hat sich gezeigt, wie eng solche Gewalt mit den in der Sprache aufgespeicherten Ressentiments – in rassistischen oder sexistischen Diskriminierungen – zusammenhängt.

(aus der Einleitung von „Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Missachtung“ Herrmann/Krämer/Kuch)

Was Menschen wie wahrnehmen und wie sie denken, ist bestimmt von den individuellen sprachlichen Möglichkeiten. Die Wirklichkeit kann nur über Sprache verstanden werden, insofern bewegt sich das Denken auch innerhalb dieser Grenzen. Das (miteinander) Sprechen über etwas (oder zum Beispiel das Vorlesen eines Kinderbuches) ist die Basis eines gemeinsamen Handelns. Also: Sprache formt das Denken und (ist) Handeln. (u. a. Sapir-Whorf-Hypothese, Sprechakttheorie)

Die Auswirkungen der Verwendung von rassistischem Wortschatz auf Kinder sind also besonders drastisch. Sie stehen noch mitten im Spracherwerb und somit auch in der individuellen Konstruktion ihrer Wirklichkeit. Rassistische Begriffe verletzen und wirken normierend. Sie werden von vielen als psychische Gewalt empfunden – auch, wenn sie selbst nicht direkt angesprochen werden. Weiße Menschen werden im Gegenzug durch rassistische Sprache beständig als Weiße reproduziert – anders als Schwarzen Menschen sind ihnen aber die Auswirkungen von Sprache meist nicht bewusst.

Thisis schreibt, sie habe keine Angst vor bösen Worten. Ich auch nicht. Aber die bösen Worte kommen nie alleine. Davor habe ich Angst.

(Bild via bombsite.com (c) Luis Camnitzer | Foto: Peter Schälchli)

4 thoughts on “Böse Wörter

  1. Guten Morgen🙂 Kinder haben keine Ahnung und nehmen alles auf. Sie sind ehrlich und plappern drauf los. Gerade darum muss man aufpassen und erklären, was wirklich schwierig wird, wenn es im TV oder Büchern falsch vorgemacht wird. Gott sei dank musste ich noch nie mit ansehen, wie dadurch etwas peinliches oder rassistisch wirkendes passiert ist! Hoffentlich bleibt es auch so🙂

  2. Think again! « aufZehenspitzen

  3. Wer an Rassismus nichts zu kritisieren hat, der kritisiert also Sprache…?

    „Ja, die Sprache. Gerne wird ihre Bedeutung von denen, die nicht von ihr diskriminiert werden, unterschätzt.“

    Nicht Sprache diskriminiert, sondern die, die sie sprechen. Und schon hat man einen ganz anderen politischen Feind!

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