Empfange. Gebäre. Sei glücklich.

Die britische Fernsehmoderatorin und Journalistin Kirstie Allsopp hat in ihrer Heimat eine Diskussion über Kaiserschnitt und Schuld losgetreten, indem sie die wohltätige Organisation National Childbirth Trust (NCT) ob deren Umgang in Vor- und Nachbetreuung von Schwangeren und Müttern scharf kritisierte: Der NCT agiere politisiert und dogmatisch, zudem würde in vielen Kursen das Thema Kaiserschnitt ausgespart, Paare würden nach Kaiserschnitt-Geburten teilweise sogar ausgegrenzt.

What is lacking is people saying, ‚different women feel different levels of pain. You do not know until you are engaged in it how it will take you.‘ Some of the most neurotic people have these extraordinary births, and then other people who are calm and stoical in every way are panicked by the pain.

I spoke to friends after my son was born, and with some it was ‚poor you, if you’d had more support it would have been possible [to have a vaginal birth]‘. Others have heard the same things: if you’d held out against the cascade of intervention, if you’d been braver … There’s a similar attitude with breastfeeding.

(Kirstie Allopp via guardian.co.uk)

In Österreich ist mittlerweile fast jede dritte Geburt (je nach Quelle zwischen 28 und 32 Prozent) ein Kaiserschnitt. Ein Mitgrund dafür ist angeblich auch die Angst der Geburtshelfer_innen vor möglichen Klagen. Das verwundert nicht. In Wien (aber vermutlich nicht nur hier) gibt es bereits Gynäkolog_innen, die Geburten nicht (mehr) betreuen. Wie schon die Schwangerschaft wird die Geburt an sich zu einem Risikoereignis (gemacht).

Zahlen, Statistiken, Prozente, Wahrscheinlichkeiten prasseln auf die „betroffenen“ Frauen ungefiltert ein. Immer mehr Schwangerschaftssituationen münden in eine (zu vermeidende) Risikogeburt – beste Aussichten für eine unbeschwerte und entspannte Schwangerschaft oder? Vor allem ergibt das einen schönen Cocktail, wenn man bedenkt, dass werdende Mütter ohnehin laufend – gerne auch wissenschaftlich untermauert – für die spätere Zukunft und Entwicklung ihres Kindes durch „Fehlverhalten“ in den 40 Wochen bis zur Geburt verantwortlich gemacht werden. Es scheint, dass es immer weniger um das Wohlbefinden von Mutter und Kind geht, als um den Ausschluss möglicher Störfaktoren. Das kann fatale Folgen haben, wie ich hier schon einmal zusammengefasst habe. Woher als Schwangere das Selbstbewusstsein nehmen, sich gegen den ärztlichen Rat zu stemmen?

(c) aufZehenspitzen

(Bild: aufZehenspitzen)

Ich erinnere mich an ein Interview, das ich zum Erscheinen von Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht mit einer der Autorinnen gemacht habe. Und ich erinnere mich daran, dass mir zwar der ermutigende Impetus des Buches imponiert hat („Frauen traut euch zu, vaginal zu gebären“), andererseits blieb der schale Nachgeschmack, dass – salopp zusammengefasst – ein Kaiserschnitt nicht nur eine zweitrangige Geburt, sondern auch eine furchtbare Operation sei. Ja, möglicherweise. Manchmal. Möglicherweise manchmal nicht. Jenen Frauen, die mit Sectio gebären (ob mit Wunsch-, Not- oder nahegelegtem Kaiserschnitt ist an dieser Stelle irrelevant), ist damit nicht geholfen.

Die eigentliche Problematik liegt sowohl im Verdammen als auch im Verherrlichen vom Kaiserschnitt bzw. wahlweise von der Vaginalgeburt. Beide Möglichkeiten zu gebären können ein schönes, aber auch traumatisierendes Erlebnis sein. Grabenkämpfe, denen eine Schwangere heute vor der Geburt ausgeliefert ist, heben ersteres auf einen vermeintlich immer schwieriger zu erreichenden Sockel.

3 thoughts on “Empfange. Gebäre. Sei glücklich.

  1. Das ist kein einfaches Thema.
    Grundsätzlich ist eine Sectio die Alternative, wenn eine vaginale Geburt (aus welchen Gründen auch immer) nicht möglich oder zu riskant ist. Wie man diverse Risiken und Möglichkeiten bewertet, das ist zum einen von der werdenden Mutter und aber auch dem behandelnden Arzt abhängig.
    Da kann (und das tut es auch) bei der Entscheidungsfindung verdammt viel in die Hose gehen.

    Was ich an der ganzen Diskussion interessant finde: Der Kaiserschnitt ist die einzig „planbare“ Alternative zur Spontangeburt. Sonstige geburtshilfliche Operationen werden nach meinem Kenntnisstand und Erfahrung nur im Aktufall (Gefahr, sonst gibt es keinen Grund) vorgenommen und sind eben genau nicht geplant. Niemand (zumindest ist mir das noch nie begegnet) käme ja auf die Idee, einer Frau vorzuwerfen, dass sie eine Zange oder eine Saugglocke gebraucht hat, um die Geburt zu beenden.
    Es geht also gar nicht um Kritik am Geburtsmodus, wenn ich das mal vereinfache, sondern um Kritik an der Entscheidung bzw. den Grundlagen, auf denen eine (wie auch immer geartete) Entscheidung fußt. Ich behaupte mal: Alle Frauen entscheiden sich (sofern es eine in ihrer Macht liegende Entscheidung ist) für den geburtsmodus, den sie für sich als den „besten“ betrachten.

    Jetzt kann man natürlich (fachlich und menschlich) so eine Entscheidung kritisieren, aber das geschieht in dieser Diskussion eben meist recht emotional und verletzend, um nicht zu sagen: extrem ideologisch gefärbt.
    Und das wird der Sache nicht gerecht, weil das Ziel jeder Diskussion um Geburtshilfe und Geburtsmodi soll imho sein; dass man die Mütter a) befähigt, reflektierte Entscheidungen zu treffen, und sie b) genau dazu ermutigt.
    Da haben romantische Phantasien und ideologische Grabenkriege keinen Platz.

    Es kann die Entscheidung für einen Kaiserschnitt absolut der goldene Weg sein und ist es auch oft.
    Oder die Entscheidung eine Beckenendlage spontan zu entbinden.

    Das hängt ganz von der Frau, und dem Befund, von den Lebensumständen und den Möglichkeiten, schlicht: der Infrastruktur ab. So kann eine Frau ihren Willen bilden und entsprechend ihren Bedürfnissen sich für oder gegen einen Kaiserschnitt entscheiden, wenn der Befund da einen Entscheidungsspielraum lässt. Was ja meistens der Fall ist.

    Und selbst dann ist eine Geburt ein unglaublich dynamisches Geschehen, das zu jedem Zeitpunkt plötzlich beherztes Eingreifen und medizinische Intervention notwendig machen kann. Es ist kein Zufall, dass eines der Kriterien zur Beurteilung der Qualität einer geburtshilflichen Einrichtung die Zeitspanne von der Indikationsstellung bis zum Schnitt ist.

    Wir haben hierzulande den Luxus, dass ich als Frau entscheiden kann, dass ich einen Kaiserschnitt möchte.
    Dass diese Entscheidung so oft (nach meinem Dafürhalten zu oft) getroffen wird liegt nicht an den dummen, faulen oder ängstlichen Frauen: Es liegt an mangelnder und falscher Aufklärung, an Klinikroutinen und natürlich auch dem Problem der Haftung: Mit einem Kaiserschnitt ist der Geburtshelfer haftungsmäßig auf der sicheren Seite, die vaginale Geburt ist in Haftungsfragen für den Mediziner und die Hebamme weit riskanter. Das Haftungsrisiko als Entscheidungsgrundlage führt aber natürlich zu anderen Entscheidungen, als alleine die Wünsche der Mutter oder die Betrachtung des medizinischen/gesundheitlichen Risikos.

    Zu kritisieren ist, wie so oft, nicht unbedingt die Frau, sondern die Struktur.
    Frauen gegen ihre Überzeugung zur „natürlichen Geburt“ zu drängen kann übel nach hinten los gehen. Da ist allen Beteiligten mit dem ungeliebten und gewünschten Kaiserschnitt gedient. Es hilft nur Information, sich-bewusst-machen, was frau möchte, und sich eine gute Geburtshilfe zu suchen. Und dann das tun, was für einem selbst richtig erscheint.

  2. Je mehr Stimmen ich zu diesem Thema höre, desto mehr fällt mir auf, dass eigentlich niemand offen die Wahlfreiheit für Frauen abschaffen will. Alle treten für Aufklärung, Ideologieverzicht und Freiheit ein. Dabei kommen aber immer ganz unterschiedliche Standpunkte zu tage. Weder die in diesem Bereich doch ziemlich von der Hebammenkultur übernommene Medizin, noch die Hebammen selbst oder auch die radikal-feministische Seite scheinen in meinen Augen zu bedenken, wie groß der Wunsch ist, den Vorgang der Geburt möglichst engmaschig kontrollieren zu können. Ich glaube, dass sowohl die männliche Medizin wegen ihres womb envy’s das wollte, aber berechtigter Weise wollen viele Frauen diese Kontrolle zurück haben. Das macht Aufklärung natürlich kompliziert.
    Ich selbst stand und stehe hinter der Entscheidung, dass mein Kind per Wunschkaiserschnitt geboren wird – fürs Kind ist es allemal das Sicherste. Dennoch haben ‚wir‘ auch die schlechten Seiten des Kaiserschnittes kennen gelernt, besonders in den Tagen und Wochen danach. Es ist einfach gemein, dass eine Geburt fast immer für die Gebärende eine gefährliche, einschränkende und sehr schmerzhafte Sache ist und vor dem Hintergrund des großartigen Ereignisses, dass ein Kind zur Welt kommt, oft die Schutzbedürftigkeit der Mutter vergessen wird.

    Mein Text von damals dazu: http://wp.me/p13Imq-H

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