Solidarität! Ein Aufruf – durchaus als Anrufung an Feministinnen gemeint

N. ist Ende 20. Sie hat zwei Kinder und eine befristete Stelle an einer österreichischen Universität. E. ist Anfang 20. Sie hat ein Kind und eine befristete Stelle an derselben österreichischen Universität. Beide, das liegt aus irgendeinem Grunde nahe, sollten doch ein ähnliches Verständnis von Mutterschaft haben. Haben sie nicht. Ich kann und will nicht näher auf die Lebensumstände der beiden Frauen eingehen. Eines eint die zwei im Kolleg_innengespräch allerdings: Sie machen es falsch.

Während die Kinder der einen Begründungen für deren andauernden Verspätungen (ihrer selbst bzw. ihrer Anteile an Gemeinschaftsprojekten) liefern bzw. der Organisationsalltag der Familie rauf und runter erzählt wird, ist das Neugeborene der anderen auf andere Art und Weise präsent: dessen Mutter stieg wenige Wochen nach der Geburt wieder voll ins Arbeitsleben ein und verlässt den Schreibtisch regelmäßig, um Muttermilch abzupumpen. Beides finden alle „irgendwie arg“. Soweit so verallgemeinernd.

Ja, auch ich habe eine Meinung dazu. Dazu, ob und wie Kinder im Arbeitsalltag präsent sein sollen. Und ja, ich habe eine Entscheidung getroffen, wann ich meine Prioritäten nach der Geburt wie setze. Aber nein, ich werde mich davor hüten, damit hausieren zu gehen (wenn es über die reine Information eines Ist-Zustandes hinausgeht). Es ist manchmal schwierig, die Lebenskonzepte anderer nicht zu bewerten. Viele Gedanken dazu liegen mir oft im Gespräch auf der Zunge. Aber ich zwinge mich (oder versuche mich zu zwingen), diese für mich zu behalten und sie, wenn, dann erst im differenzierten Gespräch mit meinem Freund oder guten Freund_innen zu besprechen (oder zumindest in einem Umfeld, in dem bestimmte Grundhaltungen klar sind). Besonders schwierig ist das Schweigen oder der Hinweis darauf, dass ich (Lebens-)Entscheidungen anderer Mütter nicht beurteilen will, wenn ich sozusagen als „Expertin“ (sprich: ebenfalls Mutter) – vorzugsweise per Suggestivfrage – im Gespräch eingeladen werde, mich doch dazu zu äußern: „Würdest du das etwa so wollen?“ „Das hättest du doch niemals gemacht, oder?“

Nicht über andere Mütter lästern.

Das ist ein wichtiger Teilaspekt, den Feminismus für mich leisten muss. Strukturen kritisieren und Zwänge. Ja ja ja. In einem dafür geeigneten Setting. Aber bitte nicht im Small-Talk auf dem Rücken einzelner Mütter.

Mothers unite, don’t fight! (und Väter auch. Und Kinderlose-Menschen-Unterstützung ist sowieso immer hilfreich.)

(Bild via zazzle.com)

7 thoughts on “Solidarität! Ein Aufruf – durchaus als Anrufung an Feministinnen gemeint

  1. Wie wahr! Egal, wie man’s macht, man wird mit Sicherheit von einer anderen Mutter ‚diskret und freundlich‘ darauf hingewiesen, dass es falsch ist. Schrecklich!
    Ist mir auch so passiert.
    Allerdings finde ich auch, dass die Kinder im Arbeitsalltag ruhig im Gedächtnis bleiben dürfen. Gerade Arbeitgeber sollten Raum lassen, damit jede Mutter das individuell regeln kann. Es muss ok sein, wenn sie alle 2 Stunden abpumpen geht, es muss ok sein, wenn ein Elternteil bei kranken Kindern zu Hause bleibt und es muss ok sein, wenn eine Frau beim Wiedereinstieg etwas Eingewöhnungszeit braucht, bis sich alles eingespielt hat. Bei einigen geht das schnell, bei anderen langsamer. Und der Arbeitgeber sollte auch unter den Kollegen klar machen, dass diese besondere Situation ok ist. Flexibilität ist in diesem Fall wirklich ein/das Zauberwort!
    Und jedem geht es so, dass sich mit Kind alles ändert. DAS ist ja Sinn der Sache.
    Meine Erfahrung zeigt aber auch, dass die Grabenkämpfe (gerade an der Uni) häufig dem Neid geschuldet sind. Gebrannte Kinder neigen nicht zu Solidarität, sondern sagen sich häufig: Für mich war’s damals auch nicht einfach, ich musste mich auch durchbeissen, also soll XY das auch…
    Aber vor Neid sind auch die besten Menschen nicht gefeit. Nur sehr schade ist das.

  2. Ich finde, man darf ruhig Neid empfinden. Aber man muss es nicht ausleben. Sprich man sollte ihn beherrschen. Die Beherrschung solcher Gefühle macht uns zu Menschen. Nicht das „Nichtvorhandensein“ derselben.

  3. Einen wichtigen Artikel finde ich das! Und es kann gar nicht oft genug betont werden, dass es ohnehin kein richtig und kein falsch gibt, beim Muttersein. Nur Strukturen, die gemeinsam verändert werden können und sollten.

  4. Danke für diesen Text, sehr bereichernd für mein Nachdenken! Die Haltung die du beschreibst kann ich sehr gut nachvollziehen und zu Solidarität kann nicht oft genug aufgerufen werden. Ich fühle mich selbst oft mit (mir unangenehmen) Bewertungen meines Lebenskonzeptes konfrontiert und neige dazu Fragen aus dem Weg zu gehen, oder sie nur oberflächlich zu beantworten. Dabei bin ich grundsätzlich der Meinung, dass wir Erfahrungen und Gedanken austauschen sollten, auch und besonders mit Menschen die es „anders“ machen. Die Frage ist ja, wie wir das tun. Mit der angebrachten Wertschätzung und Offenheit, oder mit Vorverurteilung und Abwertung? Ich versuche allen Müttern und Vätern mit Offenheit zu begegnen, egal wie sie das Elternsein leben und organisieren und hoffe, das mir dadurch auch Offenheit entgegengebracht wird. Funktioniert nicht immer….aber ist ein Lernen….

  5. Man muss aber auch sagen, dass es doch einige Muttis da draußen gibt, die auch einiges falsch machen. Diese Muttis haben jedoch meist nicht mal einen Job und daher würde ich immer sagen: Wer beides unter einen Hut bekommt, der soll das auch so machen, wie es für ihn (oder besser gesagt sie) am besten klappt! Ich hatte bislang eher das Problem mit den Nicht-Muttis. Die lassen sich doch, wie ich finde, wesentlich häufiger zu irgendwelchen wertenden Äußerungen und „Tips“ hinreißen, was ich nun widerum nicht wirklich oder nur schwer annehmen kann, weil die Nicht-Muttis einfach keine Vergleichsgrundlage haben.

    Aber, wer welcche hat, solls auch so machen, wie er meint. Schöner Artikel🙂

  6. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Aufregen, Solidarität und tolle Projekte – Die Blogschau

  7. Ja!! Kinder/Erziehung ist so ein Thema, bei dem jede/r mitreden kann oder meint es zu können. Ungefragte Ratschläge, Be- und Abwertungen, Verurteilungen, daran mangelt es wirklich nicht. Es geht mir manchmal sowas von auf den Keks. Um so wichtiger: Unite – don’t fight. Ja. Danke!

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