Ausgestellte Frauenkörper im Unparadies: Sex

Gut eingepackt in bitterem Sarkasmus und klarem Realismus präsentiert Ulrich Seidls „Paradies: Liebe“ die Sehnsuchtsreise von Teresa, der alleinerziehenden Mutter einer Teenager-Tochter, nach Kenia. Das Setting zwingt Querverweise zu Diskursen über Sextourismus*, Macht und Klassismus, Postkolonialismus, Rassismus und Tourismusindustrie, eurozentristische Fantasien, Paradieskonzeptionen und Exotismus auf. Zeit darüber nachzudenken haben die Zuseher_innen während des 120-Minuten-Films genug. Zahlreich sind die Szenen, in denen das Immergleiche passiert. Weiße** Frau sucht Schwarzen Mann, sucht Liebe, sucht Begehren. Begleitet von schmerzvoll-rassistischen Witzen unter den europäischen Touristinnen und ihren ebenso schmerzvollen Äußerungen über ihre eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten.

Die schmale Handlung (er)trägt die Themenschwere stoisch und bleibt bis zuletzt wertungsfrei. Die Protagonistin richtet sich selbst, indem sie in ihrer Not andere, ökonomisch Schwächere ausbeutet und erniedrigt. Mit einer (europäisch-Weißen) Arroganz, die in ihrer Unwissenheit ebenfalls schmerzvoll ist.

Abgearbeitet wird die Erzählung an der Physis der Hauptfigur, der dicken Teresa (Margarethe Tiesel). Es geht um den Marktwert dieses Körpers und den Wert, den er daheim nicht hat. Daheim, in Österreich, in Europa, wo der Wert eines Frauenkörpers anhand seiner Nähe zur Normschönheit gemessen wird. Um jenen Körper also, der daheim in der Behindertenbetreuung schwer arbeiten muss. Den Körper, der sich für jeden Mann zu verbiegen versucht hat, um perfekter zu werden und doch immer nur scheitern konnte. Den Körper, den Teresa dafür verantwortlich macht, nicht geliebt zu werden. Den Körper, den sie alt und schlaff und unschön bezeichnet.

Aber all dem zum Trotz. In Weißer* Überheblichkeit bietet Teresa das dar, was sie selbst als wertlos empfindet: „Do you want a White lady? Do you want to kiss a White lady?“ Erst versucht sich die Touristin zaghaft am anderen Geschlecht, dann – von anderen Frauen angestachelt oder anderen Frauen nacheifernd – überstürzt, einer romantischen Idee anhängend. Und wird enttäuscht. Sie war keine Geliebte, sie war Geldgeberin. Sie versucht erneut ihr Glück. Und wieder. Wenn sie schließlich – sogar ohne vorgeblich dem Konzept Liebe weiter hinterher zu laufen – scheitert, als sie einen Hotelangestellten für ihre Sehnsucht missbraucht, tut der Spagat zwischen Wut und Mitleid, zwischen Empathie und Ekel beim Zusehen fast schon physisch weh.

Wenn schon nicht geliebt, so will Teresa doch begehrt werden … Eine schiefe Freier_innen-Position. Sie zahlt für die Illusion – oder für die exotisch-erotische Kolonialfantasie Europas. Sie will eine andauernde Illusion. Keine flüchtige, sondern eine, die später ihre Erinnerung speisen kann. Aber diese will sich nicht einstellen. Da hilft auch die Fotodokumentation vom schlafenden nackten Mann (Peter Kazungu) nichts. Schläft die Frau, verhängt dieser den erstmals im Film beinahe ästhetisch drapierten Körper mit violettem Moskitonetz.

(Bild via festival-cannes.com)

Nicht der Film macht die kenianischen Männer darin zu Objekten. Die Frauen tun dies. Sie sind es auch, die sich schlussendlich selbst auf eine traurige Körperlichkeit reduzieren. Wenn die Männer ihnen durch die Augen in die Seele schauen sollen und sie doch immer nur von der eigenen Unschönheit, den hängenden Brüsten und dem alternden Gesicht reden. Dieser Körper will angefasst werden. Nicht ruppig, sondern gefühlvoll. „I am not an animal.“ Ich bin kein Tier, sagt die Touristin Teresa. Sie fordert Menschlichkeit, die sie selbst aber nur unter ihre Sehnsucht stillenden Bedingungen (ver)teilen will.

Und der Film? Er stellt all dies aus. Stellt es zur Schau. Hält die Kamera drauf, wenn die Geschichte wie beschrieben schmerzvoll wird. Wenn die in ihrer Heimat zur Randfigur diskriminierte Teresa mit ihren Urlaubsfreundinnen dort erniedrigt, wo sie es sich (finanziell) leisten kann. Und wenn sie zurückbleibt, weil sie nicht bekommt, was sie sucht. Weinend im Bett. Allein. Der traurige Geburtstag einer traurigen Figur.

* „Gisela Wuttke schreibt in Kinderprostitution, Kinderpornographie, Tourismus. Eine Bestandsaufnahme: „Im Hinblick auf das Geschlecht lässt sich sagen, dass der Prostitutionstourismus eine überwiegend männliche Domäne ist. […] Insgesamt kann man aber wohl feststellen, dass der weibliche Prostitutionstourismus in den Medien eine (im Vergleich zum realen Stellenwert) eher überproportionale Beachtung gefunden hat.“ (Quelle)

** Weiß und Schwarz werden in dem Text groß geschrieben, um dadurch hervorzuheben, dass damit auf gesellschaftlich wirkungsvolle Kategorien referriert wird.

Postskriptum: Shehadistan kritisiert den Film an sich und vor allem, dass der Regisseur Ulrich Seidl in bestimmten Szenen nichts aufzeige, sondern nur Rassismus reproduziere – und das unnötigerweise, „weil man sich diesen Scheiß dramaturgisch (…) sparen kann“. Ich stimme ihr teilweise zu (z. B. wenn es um die Verwendung des N-Wortes geht). Aber gerade die von ihr beschriebene Szene, in der Teresa und eine weitere österreichische Touristin auf einen Schwarzen Barkeeper rassistische Sprüche und Witze in Endlosschleife niederprasseln lassen, ist meiner Meinung nach von Relevanz. Es folgt nämlich gleich darauf eine Szene, in der die Frauen das Ressort verlassen und dort von jungen Männern auf Rädern und Mopeds, die Kontakt mit den zahlungsfähigen Frauen anbahnen wollen, bedrängt werden. Diese Situation hinterließe bei den Zuseher_innen eine ganz andere Wirkung, wenn ihre Rahmenbedingungen bzw. die vom Massentourismus ausgelösten Wechselwirkungen ausgeblendet würden. Shehadistans zweiter Einwand, dass „bei den anderen Kinobesuchern sowieso keine der subtilen Botschaften ankommen“ würde, kann ich hingegen gut nachvollziehen. Problematisch macht den Film vermutlich letztendlich, dass er dokumentarisch daherkommt und auf Realismus pocht, allerdings trotz teilweiser Drehbuchlosigkeit einem Skript folgt. Ebenso befremdlich: Für die männliche Hauptrolle wurde ein Laiendarsteller gecastet, der sich (laut Pressekit) seinen Lebensunterhalt mit (unprofessionalisierter) Sexarbeit verdient. Insofern könnte resümiert werden, dass der Regisseur die ökonomische Schieflage und die Ausbeutung der Tourist_innen fortsetzt. Und so benutzt Seidl die kenianische Urlaubskulisse, um eine zutiefst österreichische Figur in der Erbärmlichkeit ihres Tuns und Wollens zu produzieren. Oder, positiv formuliert, er borgt sie sich, da sich die Diskrepanz der diskriminiert-diskriminierenden Teresa erst hier, weit weg von daheim, offenbart.

5 thoughts on “Ausgestellte Frauenkörper im Unparadies: Sex

  1. Danke für die gelungene Rezension.

    Sehr bemerkenswert fand ich auch die Szene, in der Teresa und Munga zum ersten Mal Sex haben und sie ihm ganz klare Anweisungen gibt, wie er sie anfassen soll. Mir scheint, es ist überhaupt das erste Mal in ihrem Leben, dass sie einem Mann beim Sex ihre Wünsche mitteilt. Während das ja durchaus als emanzipativer Akt gesehen werden kann, ruft die „bossy“ Art, in der sie ihre Anweisungen gibt, sofort wieder ins Bewusstsein, dass diese „Emanzipation“ nur deshalb funktioniert, weil zwischen ihr und Munga das Machtverhältnis so ungleich ist.

    Ziemlich beschämend und zum Teil schwer erträglich fand ich den, wie du schreibst, ausstellenden Blick der Kamera, der meinen eigenen Weißen patriarchalen Blick quasi verstärkt hat: erbarmungslos urteilend in Bezug auf die Physis der Weißen Frauen („dick“, „alt“, „hässlich“) und abschätzend in Bezug auf die der Schwarzen Männer (Haut, Muskeln, Schwänze).

  2. Paradies Liebe | Heckenrosental

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