Liebe Mitfrauen oder: Das Frauen.Mütter.Körper.Dilemma

Liebe Mitfrauen, ich muss etwas Unschönes gestehen: Ich schaue auf eure Bäuche und ich schaue auf eure Brüste. Dick, dünn. Wie dick, wie dünn? Postpartum-Bauch? Groß, klein. Wie groß, wie klein? Stillbusen?

Immer wieder trifft es eine von euch. Ein kurzer Check. Unnötig häufig. So wie andere unnötig häufig auf die Uhr schauen. Oder ins Smartphone. Ich will das nicht. Weil es unsympathisch ist. Weil es reduzierend, taxierend, bewertend und was weiß ich noch alles ist. Und ich will es nicht, weil es unfair ist. Weil es falsche Schwerpunkte setzt. Auch deshalb natürlich nicht, weil es bemerkt werden (und etwas auslösen) kann. Weil es mir manchmal irrig und abseitig vorkommt.

Aber es ist ein Automatismus. Und: Ich bin nicht alleine damit. Es gibt da neben all den Mensch-trifft-Mensch-Blicken und den Männer-Bewertungs-Aufwertungs-Abwertungsblick jenen Blick, den Frauen anderen Frauen schenken. Ein unerwünschtes Geschenk. Ich weiß. Er bewertet sehr streng, weil er nicht nur das Normschöne zu erhaschen versucht, sondern im Gegenteil hineinzoomt, wo die Abweichung davon zu entdecken sein könnte. „Und was macht S. so“, frage ich. „Dick ist sie geworden“, sagt sie. Dick. Das Gewicht als Charakteristikum? Als Bewertungskategorie? Als Beschreibung eines Lebensverlaufs? Immer gerne. Also, wenn es um Frauen geht.

Gesucht werden die Fehler an anderen, die die eigenen abschwächen oder zumindest legitimieren. Steckt nicht das hinter all den Ahaaahs („Auch Berühmtheit XY hat Cellulite!“) oder den Uuuhs! („Ohne Make-up ist Model XY kaum wiederzuerkennen!“) in den Brigittes und Cosmopolitans dieser Welt? Andere abwerten=sich selbst aufwerten – das funktioniert auch beim Körpervergleich bestens.

(Bild via jezebel.com)

In einem Artikel (irgendwann irgendwo) habe ich sogar einmal unter dem Titel „Versteckte Dickmacher“ den Punkt „dicke Freundinnen“ gelesen. Das lässt den Atem fast stocken, ich weiß. Furchtbare Welt, in der ich auch ein bisschen furchtbar bin. Nicht weil ich ungewollt zum Teil davon gemacht werde, sondern weil ich andere ungewollt zum Teil davon mache. Weil ich meine Worte, aber nicht meine Gedanken (und auch nicht meinen Blick) kontrollieren kann.

Dieser abschätzende, manchmal abschätzige Blick ist vom Umfeld hart antrainiert worden. Ihn abzulegen gelingt mir schwer, weil er eigentlich – und das ist das Perfide daran – nicht den anderen Frauen, sondern schlussendlich doch nur mir gilt.

Slavenka Draculic schrieb in „Schlachtfeld Frauenkörper„: „Die meisten Feministinnen sind auch nur Frauen, die Männern gefallen und von ihnen begehrt werden wollen.“  Und trifft damit den wunden Punkt. Denn was Männern (oder Frauen) gefällt, ist längst keine Privatentscheidung mehr. Und war es vermutlich nie.

(Bild via farmhousemagazine.wordpress.com)

„Was hast du denn, du bist ja eh schlank.“ – Danke, das ist keine Hilfe. Ich weiß das. Und ich weiß aber auch genau, was an mir nicht so ist, wie ich (?) es gerne hätte. Einerseits ist das eigentliche Problem das ständige (nicht nur mediale) Thematisieren von Normschönheit in einer Art und Weise, die für manche zum Terror werden kann. Präsent ist dies wohl bei viel zu vielen Frauen. Und da wiederum besonders bei (werdenden und gerade gewordenen) Müttern. Weil sich der Körper plötzlich (ja, nach 29 Jahren sind 40 Wochen plötzlich) verändert und zudem noch mehr im öffentlichen Interesse steht als zuvor. Andererseits überschneiden sich Frauen- und Dickendiskriminierung, wie eine Vertreterin der „Arge dicke Weiber“ in einem Interview zusammenfasst: „Schlanke und dicke Frauen werden auf ihren Körper reduziert. Dickenfeindlichkeit wirkt sich also auch auf dünne aus, weil diese oft in Panik leben, einmal dick zu werden. Und damit wird ein großer Teil der Energie ans Schlankbleiben gebunden, die Frauen für Sinnvolleres nutzen könnten.“

Bei der vielerorts fehlenden Fat Acceptance beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass auch – oder gerade – die mitaufbegehren müssen, die nicht oder kaum aus besagter Norm fallen. Immer und immer wieder in Alltagsgesprächen betonen und darauf aufmerksam machen, was vielen Frauen ein negatives Körpergefühl verschafft (Um das tatsächliche Körpergewicht geht es meiner Meinung nach dabei erst in einer weiteren Stufe. Als Folge von ersterem sozusagen. Dann nämlich, wenn dicke Menschen aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden, oder Menschen unter Essstörungen leiden.). Was mir dafür leider meist fehlt, sind passende Entgegnungen auf beiläufige und häufig gut gemeinte Phrasen wie „Gut siehst du aus. Hast du abgenommen?“ oder „Noch ein Stück Kuchen? Heute ist sündigen ja ausnahmsweise erlaubt“. Vermutlich kommt es aber schlussendlich gar nicht so sehr auf die Schlagfertigkeit, sondern vielmehr auf den Inhalt an. Und wenn es nicht gleich sitzt, dann sickert es eben später … Und das hoffentlich dann nicht nur bei den anderen, sondern vielleicht irgendwann auch bei mir selbst.

12 thoughts on “Liebe Mitfrauen oder: Das Frauen.Mütter.Körper.Dilemma

  1. „gut siehst DU aus, bist du glücklich?“ – ist nicht ganz so spitz, und auch wenn schönheit nicht nur von innen kommt, so wäre DAS jedenfalls ein nettes kompliment. ich nehme mir jetzt ganz fest vor, dass auf die auch grad regelmäßig gehörte frage ‚hast du abgenommen gut siehst du aus“ zu antworten (nicht um das gesagte zu relativieren, aber: seit mein pony wieder eher lang ist, wirkt mein gesicht wohl schmaler = ich insgesamt dünner. muss man den leuten die fragen ja aber nicht verraten, gel?)

  2. Neujahrsvorsätze – weg mit den bösen Über-Ichs « fuckermothers

  3. ich wurde mal gefragt, ob ich schwanger sei – ich würde soviel energie ausstrahlen. der kommentar hat mich maßlos irritiert und am ende auch geärgert, denn frau hätte mich einfach fragen können, wie das komme, dass ich soviel energie ausstrahle bzw. mir einfach das kompliment machen könne, ich strahle usw. da ist viel uneigentliche rede dabei, ich beobachte das an mir auch, dass es mir oft schwerfällt, muster der uneigentlichen rede zu verlassen.

  4. Hach, dieser Artikel kommt gerade zur rechten Zeit, wo einem allüberall Abnehmen!Abnehmen! als guter Vorsatz präsentiert wird. Ich bin mit dem Nachdenken über das Thema noch längst nicht fertig und mit meinen Versuchen, mit Menschen, die dafür nicht offen sind, über Body Acceptance zu sprechen, bisher immer gescheitert. Ja, und auch der Kampf mit der eigenen Wahrnehmung geht weiter. Frohes neues Jahr!

  5. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Von Depressionen und Subversionen – die Blogschau

  6. Körper « mädchenblog

  7. worth reading I « Riots And Diets!

  8. Aber wir sind doch nur MENSCHEN, Leute! Wir sind doch nicht in erster Linie Intellektuelle.

    Es ist VÖLLIG IN ORDNUNG, dick oder dünn zu sein; und es ist völlig in Ordnung, über Dicke oder Dünne abzulästern. Menschen machen das so. Wir betrachten andere mal wohlwollend, mal kritisch anhand ihrer inneren oder äußeren Merkmale.

    Bitte schämt euch nicht, wenn ihr jemanden seht und denkt: „Boah, ist der/die fett geworden!“ Das ist okay!

    Und: Eine Welt, in der alle ein gutes Körpergefühl haben, wird es niemals geben! Es wird auch nie eine Welt geben, in der alle Kinder in der Schule immer eine Eins haben und in der alle Menschen lieb zueinander sind.

  9. Mir ist ebenfalls aufgefallen, dass ich andere Frauen, vor allem (junge) Mütter genau anseh oder sehr aufmerksam hinseh. Aber weniger um sie in ein Schönheitsgefüge einzuordnen, sondern um mich in der Realtität abzusichern. Zu sehen, dass andere rund sind und Dellen haben oder breite Beine. Dass das in echt so aussieht und nicht wie auf glatten Bildern mit photogeshopten Babybäuchen*. So wie auch ich Risse und runde Hängestellen habe. Ein kurzes Zur-Kenntnis-nehmen, das erleichtert.

    *(Ob ich in meinem Leben jemals so einen prallen, glatten Hautcremebauch in echt sehen werde? Hb ihr sowas schon mal gesehen? Gibt es das?)

    @Suri
    Nein, es ist nicht okay, über die Körperformen anderer Leute zu lästern, es ist scheiße. Es macht Menschen krank. Nur weil die Welt nicht perfekt sein kann und niemand ein Leben ohne Schmerz führen wird, ist das kein Freibrief dafür, alle Sitzplätze der Welt mit Reißzwecken zu bestücken. Oder ihnen mit Absicht ins Gesicht zu husten. Weder metaphorisch noch in echt.

  10. oh, das kenne ich so gut diese Stimme in meinem Kopf, die mich mit anderen Frauen vergleicht. Ich versuche seit einiger Zeit, diese Stimme bewusst auszuschalten. Lieber will ich aufmerksam sein, wenn etwas bei einer Frau gut aussieht (Frisur, Kleidung…). Danke daher für diesen Beitrag.

    Vielleicht liegt es daran, dass ich keine „Mädelsrunde“ kenne, aber ich kenne auch nicht das gemeinsame Lästern über Körperformen. Lieber unterhalte ich mich mit meinem Freund*kreis über etwas anderes.

    Allerdings kenne ich das Körperthema aus dem Büro. Da nervt es mich sehr, weil ich nur in Ruhe arbeiten möchte mit meinen Kolleginnen und mich nicht mit ihren Körpern beschäftigen will.

    Auch Zuhause bei meinen Eltern kommt es vor, dass insbesondere meine Mutter negativ gestimmt auf dicker gewordene Männer im Freundes/Bekanntenkreis hinweist („he hät sech kömt“). Überhaupt weist gerade meine Mutter eher darauf hin, wenn etwas an einer anderen Person „unmöglich“ aussieht, weil zu dick, zu klein, zu eng, zu weit, … Auch bei mir. Noch so ein Punkt, der mich nervt.

  11. Das Figur- & Shopping-Dilemma | cloudette

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