Führt euch nicht so auf! Oder: Vom Schauplatz weiblicher Körper

„Führ‘ dich nicht so auf!“ Diesen Satz bekommen wohl alle Mädchen und Frauen im Laufe ihres Lebens einmal zu hören. „Dabei können wir gar nicht anders als uns aufzuführen“, konstatierte Bettina Zehetner nicht ironiefrei gestern bei der Vorstellung ihres Buches „Krankheit und Geschlecht. Feministische Philosophie und psychosoziale Beratung“. Die Autorin verknüpft darin die Theorie von der Performativität der Geschlechter von Judith Butler mit psychosozialer Beratungspraxis am Beispiel von Bulimie/Anorexie, dissoziativer Identität und selbstverletzendem Verhalten. Butlers Verständnis von einer weiblich bzw. männlich Identität, die fortwährend durch Sprechakte und Zeichen entsprechend markiert wird (also, das bekannte Beispiel vom Ausruf der Hebamme „Es ist ein Mädchen“, der eigentlich Imperativ und somit direktiver Sprechakt ist: „Werde ein Mädchen!“ „Verhalte dich wie ein Mädchen!“, Zieh‘ dich wie ein Mädchen an!“ usw), stellt Zehetner in Gleichklang mit psychosomatischen Krankheitsphänomenen und deren Verständnis als „Frauenkrankheiten“ (dazu auch: Das wandelbare Gesicht der Hysterie/Christina v. Braun) – nicht ohne auf die politischen Implikationen rückzuverweisen. „Die Frau“ als Ordnungskategorie auflösen, aber als Analysekategorie anwenden, so Zehetners eigener Zugang, um heutige Normen und Diskurse diskutieren zu können. Die Philosophin und psychosoziale Beraterin führt anschaulich vor, wie Geschlechterdifferenz auch in der Gestaltung von Krankheit hergestellt wird.

Hysterikerinnen (c) Eva Schwab

(Bild via www.evaschwab.de)

Krankheit erweist sich ebenso wie Gesundheit als soziokulturell hervorgebrachte und geschlechterpolitisch wirksame Konstruktion und Deutung körperlicher und psychischer Zustände. In der Ausformung von Krankheitsbildern sowie ihrer Interpretation und Behandlung werden geschlechtlich markierte Körper inszeniert. Geschlechterspezifische Krankheiten beinhalten gesellschaftskritisches Potenzial, indem sie das Leiden an hegemonialen Geschlechternormen sichtbar machen. In der überzeichneten Verkörperung von Weiblichkeitsstereotypen in so genannten ‚Frauenkrankheiten‘ wird das Kontinuum zwischen ’normaler‘ Frau und ‚pathologischer‘ Weiblichkeit deutlich.

(Bettina Zehetner)

In einer Buchrezension schreibt Gerlinde Mauerer: „Zehetner zeigt eindrücklich, dass mit der Aufgabe traditioneller geschlechtsspezifischer (Zu)Ordnungsmuster auch Zuschreibungen von Gesundheit und Krankheit ins Wanken geraten: Eindimensionale Bilder von Geschlechtlichkeit (’schwache‘ respektive ‚kranke Weiblichkeit‘, ’starke‘ Männlichkeit) werden in ihrem krankmachenden und kränkenden Potenzial enttarnt.“ Sie resümiert: „Ausgehend vom Körper als Oberfläche von Zeichen bis zu inneren (Vor)’Einstellungen‘ in patriarchaler Entwicklungslogik bleibt in ihrer profunden Analyse kein traditioneller Markstein auf dem anderen: In dieser konsequenten Aufgabe von geschlechterkonstanten Tradierungen liegt die Überzeugungskraft ihrer Arbeit: Bettina Zehetner liefert hiermit über ’state of the art‘ in der feministische Theoriebildung hinaus ein wichtiges Grundlagenwerk für Beratung, Psychotherapie und Medizin.“

In der an die Buchpräsentation anschließenden Diskussion wurde auch der Diskurs zu „Krankheit und männliches Geschlecht“ gestreift, als etwa über das subversive Potenzial der Geschlechterparodie in der hysterischen Konversion z. B. der Anorexie diskutiert wurde. Die Autorin erwies sich als angenehmes Bindeglied zwischen feministischer Theorie und Beratungspraxis, die das „What about teh menz?“ gemeinsam mit einer Mitdiskutantin ernst nahm, nicht ohne dennoch auf die Problematik eines solchen Schwenks hinzuweisen (und weil’s dazu passt: 30+ Examples of Male Privilege).

Eine feministische Perspektive und das Einbeziehen von Gendersensibilität (Bewusstsein) und Genderkompetenz (Wissen) in psychosozialer Beratung, Psychotherapie und Medizin ermöglicht die Realisierung emanzipatorischen Potenzials. Darüber hinaus fordert ein feministisches Verständnis von Geschlecht und Krankheit die politische Transformation krank machender hegemonialer Geschlechterverhältnisse, eine Überschreitung der binären Polarisierung hin zu vielfältigen Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten von Geschlecht.

(Bettina Zehetner)

2 thoughts on “Führt euch nicht so auf! Oder: Vom Schauplatz weiblicher Körper

  1. Passend dazu das Buch, das ich gerade lese: die „Tapetentür“ von Haushofer. Da wird auch die Divergenz kranke, schwächliche, selbstentfremdete Frau vs. gesunder, anpackender, urtümlicher Mann aufgemacht. Ich weiß allerdings noch nicht, wie das ganze aufgelöst wird.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s