Inkonsequent konsequent. Das Drama

Rote und rosa Regeln in der Erziehung. So ist das Leben. Wenn ich im Zusammensein mit meiner Tochter bedenke, dass nicht immer alles rot (also eine Muss-unbedingt-immer-sein-Regel) sein muss, hilft mir das ungemein. Ich bin ein Ausnahmetyp. Und nicht nur deswegen halte ich rosa Regeln (also solche, die manchmal auch gebrochen werden dürfen) für unschätzbar wertvoll – für beide Seiten. Die Idee dahinter hat mir so gefallen, dass ich sie gleich zu meinem neuen Lebenskonzept erklären wollte. So als Handlungsanleitung im weitesten Sinn. Das große Aber folgte schnell.

Wie halte ich es eigentlich mit dem Feminismus? Wie will ich es damit halten? Will ich Schönwetter-Feminismus leben? Das heißt manchmal auch den Weg des geringsten Widerstandes gehen?

Ja und nein. Das kommt mir ein bisschen wie ein Geständnis vor. Ja, weil ich gemerkt habe, dass ich nicht die Kraft und auch nicht den Antrieb habe, gegen jeden Sexismus, gegen jede Ungerechtigkeit und gegen jede Diskriminierung anzukämpfen. Nein, weil Schönwetter-Feminismus den Weg des geringsten Widerstandes (von außen) geht. Worauf ich aber hinaus will, ist eher ein Kräfte-an-richtiger-Stelle-Einsetzen.

(Bild via feministe.us)

Natürlich könnte ich an jedes Unternehmen, dessen Werbeplakate mir missfallen, einen Protestbrief schreiben. Ich könnte mich bei jedem Familientreffen unzählige Male kritisierend und auf sexistische Meldungen und stereotype Einstellungen äußern. Ich könnte vor dutzenden Kinderbekleidungsgeschäften Flyer gegen rosa Püppchen-Outfits verteilen. Ich könnte mich politisch engagieren. Ich könnte … aber ich habe weder die Zeit noch die Energie (dazu auch: Side-Glance über feministisches Burnout) dafür. Eine Richtung einschlagen, sich entscheiden. Ich denke, dass ist auch für Feministinnen wichtig. Dabei aber keinesfalls blind werden gegenüber den Anliegen der anderen Feministinnen. Und gegebenenfalls gerne auch einmal ausbrechen und sich anderweitig engagieren. Sicherlich. Ich schreibe hin und wieder Protestbriefe. Und ich führe auch Verwandtschaftsdiskussionen, jedoch zettel ich solche nicht bei jeder entsprechenden Bemerkung an. Aber: Mir ist klar geworden, dass ich mich nicht jedes Mal schlecht fühlen kann, wenn ich es nicht mache. Das sind meine rosa Regeln.

Die roten Regeln setzen in meinem eigenen Handeln, in meinem Alltag, in meiner Erziehung, in meiner Partnerschaft an. Das große verbindende Element, jenes, das über den privaten Bereich hinausgeht, ist bei mir die Mutterschaft. In diesem Bereich gibt es kein Dazwischen und keinen Erholungsraum. Feminismus hier konsequent zu leben, heißt, mich in meinem Leben wohl zu fühlen. Das ist die Entscheidung, die ich getroffen habe, der Feminismus, so wie ich ihn lebe. Dazu zähle ich auch das Bloggen hier und das Achtsam-sein (im Sinne von Awareness, also durchaus mit Betonung der aktiven Haltung). Gesellschaftliche Veränderungen wahrzunehmen, sich bei Petitionen u. ä. zu beteiligen und andere darauf hinzuweisen. Zusammenhänge zu studieren, mit Freund_innen darüber zu diskutieren und durch mein Alltagsleben ein bisschen Vorbild zu sein. Durch mein Vor-Leben anderen (Müttern) zu zeigen, was es für mich heißt, in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu leben, feministische Eltern zu sein und vor Sexismus im Alltag die Augen nicht zu verschließen. Wenn dieses Vorhaben scheitert, dann reflektiere ich dies und überlege warum und was ich das nächste Mal anders machen kann.

Vielleicht ist das zu wenig. Ich weiß es nicht.

12 thoughts on “Inkonsequent konsequent. Das Drama

  1. Im Bezug auf Erziehung habe ich da den schönen Satz „choose your battles“ gelesen. Passt bei „trotzenden“ Kleinkindern (mein Mantra) und auch bei vielen anderen Lebensthemen. Offenbar.

  2. Ich unterschreibe faul bei Cloudette.
    Bei mir zieht sich das politische Engagement zwar durch mein ganzes Leben hindurch (ich wurde mit etwa 8 Emanze🙂 ), die Schwerpunktthemen haben sich aber je nach Lebensabschnitt verändert. Momentan nehmen – alltagsbedingt – Themen wie Vereinbarkeit und Familienpolitik viel Raum ein, was nicht heisst, dass andere Themen ganz unwichtig wären.
    Fakt ist aber, dass Zeit und Ressourcen beschränkt sind und man auch als Emanze seine Kraft dorthin stecken darf, wo der Return of Investment am höchsten scheint.

  3. hm, ich finde das schon verdammt viel, ehrlich gesagt. es ist vielleicht das sinnvollste und alles, was ein mensch überhaupt tun kann.

  4. Tolle Texte über feministisches Mutter-Sein « fuckermothers

  5. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Wurzelbehandlung und Menstruation – Die Blogschau

  6. Es hat großen Spaß gemacht, diesen Post zu lesen. Ich bin absolut Deiner Meinung, wenn du sagst, für Deine Mutterschaft bedeutet konsequenter Feminismus, dass du dich immer wohl fühlst. Darum geht es meiner Ansicht nach im Kern, dass wir alle das Modell wählen dürfen, das für uns am Besten passt. Die eine rennt nach 8 Wochen zurück ins Büro während der Mann zu Hause bleibt, die andere nimmt sich drei Jahre Elternzeit- wichtig s Heinz mir, dass wir die Freiheit haben und uns die Freiheit nehmen, zu wählen!
    Herzliche Grüße
    Mia

  7. Aktivismus und Erschöpfung

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