Inkonsequent konsequent. Eine Art Prolog

Es gibt da dieses pädagogische Erziehungskonzept von rosa und roten Regeln. Ich habe mich ob seiner Einfachheit und Wirksamkeit sofort darin verliebt. Mein aktueller Schrein der Weisen sozusagen. Rote Regeln, so heißt es, gelten immer. In jedem Gemütszustand. Zu jeder Stunde. In jeder Ausnahmesituation. Immer immer immer. Angurten ist so eine rote Regel. Oder Haube-Handschuh-Overall-Pflicht bei Minusgraden. Bei rosa Regeln sind Ausnahmen erlaubt. Essensregeln sind ein klassisches Beispiel dafür (ein bewundernswert ehrlicher Elternbericht dazu ist auf dem Babykram-Blog nachzulesen: Fassung? Verloren!). Seine Meinung (also, die elterliche Meinung) ändern ist erlaubt. Muss erlaubt sein, weil Beziehungen brauchen einen Spielraum und kein starres Korsett. Zwischen Erwachsenen ist dies selbstverständlich. Wenn ich abends aus war und wenig geschlafen habe, dann reduziere ich am nächsten Tag meinen Teil der Hausarbeit auf das Notwendigste – und erwarte von meinem Freund, dass er darüber hinwegsieht. Wenn meine Freundin nach einem ausgelaugten Tag ihre Ruhe braucht, lassen wir das gemeinsame Yoga ausfallen, ohne dass ich groß einen Aufstand mache. Solche Situationen passieren andauernd. Und solange es sich um Ausnahmen handelt, ist es menschlich, sympathisch und wertschätzend, sich darauf einzustellen. Zwischen Eltern und Kind wird dieser Spielraum oft abschätzig Inkonsequenz genannt. Aber ein Laissez-faire-Einerlei hat nichts mit einer gesunden Knautschzone zu tun. Das ist für mich eine der wichtigsten Eltern-Lektionen, seit sich K. vom Baby zum Kleinkind entwickelt hat.

Ich habe eigentlich immer gedacht, was ich zu meinem Kind sage, muss gelten. Ich will und muss konsequent sein. Das ist das Wichtigste in der Erziehung … Und dann hat sich bei K. ein starker eigener Wille zu entwickeln begonnen (und entwickelt sich weiter und weiter und weiter). Manchmal äußert sich dieser dadurch, dass sie den ganzen Tag lang irgendetwas will, was ich ihr nicht geben mag. Weil es kaputt werden könnte, weil sie sich verletzen könnte, weil ich nicht andauernd von ihr durch den Raum gelotst werden mag, um ihr Dinge zu reichen. Sie will. Ich nicht. Eine fatale Mischung. Manchmal. Solche Tage sind selten, aber umso anstrengender und auslaugender für uns beide. Alles dreht sich plötzlich um Konsequenz und meine Angst, ein Fehler könnte die anbrechende Kleinkindzeit in eine unschöne Richtung lenken.

Im Gespräch mit einer Pädagogin wurde mir plötzlich klar: Das ist vollkommener Blödsinn. Erstens: Jeder Mensch macht Fehler. Auch Eltern. Eine nona-Erkenntnis? Ganz und gar nicht, wenn man in einem Konsequenz-Machtkampf mit dem Kind steckt. Zweitens: Kinder sind keine Verhaltensmustermaschinen. Es gilt viel öfter als gedacht: einmal ist keinmal. Drittens: Ein „Nein“, das ich nicht zu hundert Prozent ernst meine, hat keine Chance. Wenn ich im Durchsetzen des Neins draufkomme, dass es mir eigentlich egal ist bzw. der sich anbahnende Streit nicht dafür steht und ich nur aus Konsequenz darauf beharre, kommt es zu einem Machtkampf. Und nur dann. Wenn ich mir meiner Sache vollkommen sicher bin und klar und ruhig Nein sage, muss ich dieses Nein nicht mehr vor mir beweisen oder legitimieren. Es steht selbstbewusst im Raum und wirkt. Tut es dies nicht, darf man sich ruhig fragen: Vielleicht ist es ein unberechtigtes Nein? Und: Was ist so falsch an der Botschaft an sein Kind, wenn ich ihm erkläre, dass ich sehe, wie wichtig ihm die Sache ist und ich es mir nun noch einmal überlegt habe. Das Nein wird zum Ja. Und das Kind sieht: Seine Meinung ändern ist ok. Und das ist es doch auch. Bei rosa (!) Regeln. Und: Nicht sofort ja oder nein sagen ist auch ok. Die Chancen, dass ich mein Nein dann auch so meine, sind nach ein paar Sekunden des Überlegens meistens auch höher. Auch hier wieder: Eine schöne Lektion fürs Leben.

Soweit die Theorie. Wir lesen uns in der Praxis.

(Bild via tomassaraceno.com)

Nachtrag: Der Rest der Inkonsequent-konsequent-Trilogie zum Weiterlesen:

Inkonsequent konsequent. Das Drama

Inkonsequent konsequent. Nachspiel

11 thoughts on “Inkonsequent konsequent. Eine Art Prolog

  1. Hmm, klingt interessant, ich bin vom ganze Regeln und Konsequenzen einhalten manchmal total ermattet, das ist nämlich so gar nicht mein Ding. Wie du schreibst, fühlt sich nach einem Luft abschneidenden Korsett an. Und wenn ich dann REgeln auflöse oder aufweiche kriege ich leider die nächsten Male immer totale Diskutiererei mit meinem Sohn, das ist fast noch anstrengender….-Grauzonen sind nicht so seine Stärke😉
    Wirst du deinem Kind (wie alt denn?) das mit rosa und rot auch so erklären?

    • Meine Tochter ist 14 Monate alt, also beim Diskutieren sind wir hier noch länger nicht🙂 Ich habe aber gemerkt, dass es mir besser tut, wenn ich die Dinge nicht so todernst und verkrampft nehme (und mir nicht andauernd denke: scheiße, wenn ich jetzt nicht konsequent bleibe, dann haben wir später den Salat bzw. ein „Tyrannen“-Kind*). Und ich habe auch gemerkt, dass ein klares und zielgerichtetes, nicht inflationär eingesetztes Nein das Jammern von K. verkürzt. Es ist dann auch nicht mehr so intensiv als Handlungsanweisung an mich gerichtet.
      Erklären würde ich das mit den Regeln dem Kind später eher nicht, weil ich denke, dass es so und so klar ist. Also, dass es Dinge gibt, über die wird nicht diskutiert. Und je klarer man sich selbst darüber ist, welche das sind, umso mehr verhilft man seinem Kind dabei, das zu akzeptieren bzw. die Frustration zu vermindern. Ob das in der Praxis dann tatsächlich funktioniert? Ich weiß es nicht (und ich fürchte, dass es später möglicherweise dann zu aufreibenden Grauzonen-Diskussionen kommt, wie du schreibst. Es ist mir aber lieber ich diskutiere als ich kämpfe mit dem Kind …) Bis jetzt läuft es hier aber bestens. Die Pädagogin, von der ich die Anregung habe, folgt der Lehre von Emmi Pikler und Anna Tardos (für Kinder von 0-3).
      * das entsprechende Buch von Michael Winterhoff dazu bzw den Ansatz generell finde ich übrigens wenig ansprechend. Im Gegenteil! (siehe auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/kinder-als-tyrannen-eine-liebevolle-erziehung-kostet-mehr-zeit-1817563.html)

    • Ich erlebe auch, dass ein ernstgemeintes nein wirkungsvoller ist, als ein halbgares, bei hesper juuls schwingt dabei die persoenliche autoritaet mit, die meiner ansicht nach hauptsaechlich aus sowas wie authentizitaet entspringt. Wer authentisch ist, kommt in kontakt mit dem kind und ist keine regelwiederholungsmaschine. Die tatsache, dass man seine meinung auch aendern kann und dinge zu verschiedenen zeiten unterschiedlich bewertet, passt dazu auch gut, zeigt es dem kind doch, wie entscgeidungsfindung eben auch manchmal funktioniert.

  2. Das spricht mir aus der Seele, ist genau das, was ich drüben bei Babykram meinte und vielleicht nicht genug verständlich machen konnte. Ich darf behaupten, dass es bei meinen Kindern bislang gut funktioniert hat (die schon 2, 6 und 8 sind). Ich bin sogar überzeugt davon, dass es mit rosa Regeln besser klappt, weil nur durch diese Ausnahmen die Regel bestätigt wird, dass rote Regeln unumstößlich sind. Will sagen, das Kind lernt, dass Eltern keine Prinzipienreiter sind, sondern dass in verschiedenen Siuationen manche Regeln biegsam sind, weil Eltern denkende Wesen sind und es gut mit dem Kind meinen. Und um Machtkämpfe zu vermeiden, kann ein Nachgeben mal die Lösung sein, oder eben auch mal, gar nicht erst die Versuchung aufkommen zu lassen (indem Dinge außer Reichweite aufbewahrt werden). Dass eben dies alles nicht für immer und für jede Situation zutrifft und hilft – genau das wollte ich ausdrücken. Ich glaube, viele starten mit dem Gefühl, ganz konsequent sein zu müssen und dem Kind alle Regeln sofort und für immer erklären und auszudiskutieren müssen, aber der Alltag schleift das ab und spätestens beim dritten Kind wird man gelassen und weiß, dass Fehler passieren und das Leben trotzdem weiter geht.

  3. Inkonsequent konsequent. Das Drama « aufZehenspitzen

  4. Feedreaderperlen I | cloudette

  5. Winterhoff fnde ich grässlich.
    Besser, freundlicher, netter – und genau so effektiv! – Jesper Juul. Konsistenz statt Konsequenz, d.h. sagen, was man meint und meinen, was man sagt. Und statt einem halbherzigen „nein“ und nach möglichst rationalen Erklärungen suchen (die bei Dreijährigen sowieso nicht ankommen), sich als Eltern hinstellen und sagen: „ICH WILL NICHT“. Denn das verstehen die Kurzen und akzeptieren sie meistens (nach einer +/- kurzen, oft lauten, Trauerphase *hüstel*). Und wenn es einem grad mal nicht wichtig ist auf eine Regel zu pochen, kann man auch sagen „machen wir mal eine Ausnahme zur Regel“.
    Die gute Nachricht: Das wird nicht dazu führen, dass unsere Kinder zu Tyrannen werden. Die „Angst vor dem Tyrann“ steuert viel zu viele Eltern und ist ein ganz schlechter Ratgeber. Man kann doch nicht 20 Jahre lang in Angst vor seinem Kind verbringen und fürchten, dass es, sobald man den Daumen mal runternimmt, gleich die Weltherrschaft übernehmen wird. Kinder sind grundsätzlich nette Menschen und sie wollen dazu gehören, darauf kann man vertrauen und aufbauen.

  6. P.S. Nachtrag zum „Tyrannenkind“. Aldort hat irgendwo geschrieben, und das hat mir sehr zu denken gegeben: „Wie würde ich entscheiden, wenn ich diese Angst [vor dem tyrannischen Kind] nicht hätte?“

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