Erlesene Mutterschaft VII

Gegen drei Uhr musste sie auf die Toilette. Sie urinierte in ein geeignetes Gefäß und hielt das Stäbchen hinein. Es verfärbte sich zusehends, bis es leuchtend blau war. Es war eine elegante Farbe, wie man sie für ein Auto verwenden würde. Ein kleines blaues Cabrio mit einem hellbraunen Verdeck. Es musste herrlich sein, in einem solchen Wagen bei frühsommerlichen Wind eine Küstenstraße entlangzufahren. Aber an jenem herbstlichen Nachmittag im Badezimmer einer Wohnung mitten in Tokio zeigte ihr dieses Blau lediglich an, dass sie schwanger war – oder dass sie zu fünfundneunzig Prozent schwanger war.

(…)

„Dennoch willst du dieses Kind auf die Welt bringen. Auf diese brutale Welt voller Widersprüche.“ „Weil ich mich nach Liebe sehne“, sagte Aomame. „Nicht unbedingt nach der Liebe zwischen mir und dem Kind. Dieses Stadium habe ich noch nicht erreicht.“ „Aber das Kind hat etwas mit dieser Liebe zu tun.“ „Wahrscheinlich. In gewisser Weise.“ „Aber wenn du dich irrst und das Kind gar nichts mit der Liebe zu tun hat, nach der du dich sehnst, wird es verletzt werden. Genau wie wir.“

Haruki Murakami – 1Q84

2 thoughts on “Erlesene Mutterschaft VII

  1. Kinder bekommen könnte etwas existenzialistisches haben. Hinein in die Welt, die so unsinnig ist. Und doch in Vielem so mustergültig abläuft und für jeden Einzelnen fremdbestimmt ist. Aber das Quentchen Chaos und das potenzielle (denkbare, fantasierbare) Potenzial des Individuums auf Erden, macht es vielleicht und manchmal auch wieder interessant.

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