Geliebt-gehasste Freundin

Die Antibabypille war Anlass mehrerer persönlicher Gespräche in den letzten Tagen. Über die Vor- und Nachteile habe ich mit Freundinnen diskutiert, die unabhängig voneinander und aus unterschiedlichen Gründen beschlossen haben, künftig ausschließlich natürlich bzw. hormonlos zu verhüten (Temperaturmessen, Billingsmethode, Kupferspirale usw.), ebenso mit meinem Gynäkologen. Wobei es im Gespräch mit letzterem auch über verbreitete Unwahrheiten ging – Aha-Erlebnis inklusive.

Mein Resümee: Am Ende des Tages bleibt auch für Pille(für sich selbst)-Befürworterinnen ein bitterer Nachgeschmack. Dass man bei der Einführung der Pille ein Lügenkonstrukt darum aufbauen musste, ist Geschichte. Warum Mädchen und Frauen bis heute in Unklarheit darüber gelassen werden, was die Pille mit ihrem Körper macht und was nicht (z. B.: Abbruchblutung), ist meiner Meinung nach mehr als nachlässig. Auch hat sich der Mythos, dass „die Pille danach“ so etwas wie eine Früh-Abtreibung sei, erstaunlich festgesetzt. Gründe dafür sind vor allem Unsicherheit und Unwissenheit über die Vorgänge im eigenen Körper. Bei mir waren Schwangerschaft und Geburt Gründe, den weiblichen Körper zu studieren. Bildungslücken zu schließen, ohne zu wissen, welcher Informationsquelle man trauen kann, ist mühsam und führt teilweise zu irritierend-erschreckenden Ergebnissen, musste ich feststellen. Zu viel ideologisch beladener Müll kursiert im Internet. Wie wenig Gynäkolog_innen ihre Patient_innen vor Verschreibung der Antibabypille (und auch der „Stillpille“ oder „Minipille“, also von Gestagenpillen ohne Östrogen) und ihre Nebenwirkungen aufklären, ist schauderhaft.

(Bild via curvygirlguide.com)

Ebenso schauderhaft sind die Diskussionen rund um Hormone im Trinkwasser, die immer wieder in Horrorgeschichten von „verweiblichten“ Männern münden – die wiederum nach wie vor unter dem Deckmantel der Seriosität weiterverbreitet werden. Schuld an allem: die Antibabypille. Auch das war jüngst Anlass für ein Pille-Gespräch: Eine Bekannte, die derzeit die Schulung zur Abfallbeauftragten macht, zitierte einen Vortragenden entsprechend.

Dass Reaktionen von hormonwirksamen Stoffen im Wasser bislang nur bei Fischen – und auch hier ohne Auswirkungen auf die Fortpflanzung – festgestellt werden konnten, eine Abminderung dieser Stoffe in Kläranlagen technisch möglich wäre und eine möglicherweise viel größere Problematik all die anderen Stoffe betrifft, die über ausgeschiedene Medikamente ins Grundwasser gelangen, wird immer wieder verschwiegen. Mit dem Resultat, dass Frauen, die die Pille nehmen, verunsichert zurückbleiben und „Schuld“ am „Hormon-Wasser“ an Einzelpersonen festgemacht wird. Stattdessen sollten die Debatten meiner Meinung nach eher in die Richtung gehen, die als Forderung vereinzelt auftaucht, dass doch bereits bei der Herstellung von Medikamente auf schwer abbaubare Stoffe verzichtet werden soll. Nichtsdestotrotz gibt es kein Wissen zu Langzeitauswirkungen von hormonwirksamen Stoffen im Trinkwasser (nur kleinere Einzelstudien, die zum Beispiel die Abbauresistenz von Östrogen belegen). Aber auch hier wieder: Die Debatten werden selten ideologiefrei geführt.

Was bleibt also? Der Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen und die Gewissheit, dass es keine Gewissheit über den Pearl-Index hinaus geben kann.

(Bild via zeldalily.com)

5 thoughts on “Geliebt-gehasste Freundin

  1. Ich finde, dass es schon noch was gibt: Das eigene Empfinden.
    Passt das zu mir, will ich meinen Zyklus aufgeben bzw. möchte ich für mich einen Langzyklus…und wie fühle ich mich dabei? Gehts mir mit Pille besser als ohne? Einfach ausprobiert, mal ganz weg von irgendwelchen Mythen?
    Gegen das Ausprobieren spricht in meinen Augen (sofern der verschreibende Arzt keine Kontraindikation sieht) gar nichts, ein Quartal Pille wird weder das Wasser verseuchen noch den Zyklus auf alle Ewigkeit durcheinanderwürfeln.
    Und dann weiss Frau, wovon sie spricht und auf was sie sich mit dem Kram einlässt. Nach allem, was ich bisher mitbekommen habe ist doch für die Mehrheit der Frauen die erste Frage, wie individuell verträglich eine Verhütungsmaßnahme ist. Dann erst kommen ggf. Überlegungen zur „Fremdwirkung“. Und wie gut ich eine Methode vertrage oder wie komfortabel sie für mich ist lerne ich beim Tun.
    Und von einem schlecht beratenden Gynäkologen sollte man eh Abstand halten. Einen ausreichend großen imho sogar.

  2. ja, die pille…jahrelang war mir gar nicht klar, welcher eingriff in den körperlichen ablauf das ist – bis ich das erste mal auf eine andere wechselte (depressive episoden!) und dann absetzte (juhu, lebensfreude)… nicht allgemein verteufeln, aber ich bleib auch erstmal da wech!

  3. ich habe auch das gefühl, dass ich (wir) zu einer generation gehören, die einen zumindest anfangs recht unbedarften umgang mit der pille hatte. sie wurde ja als ich noch in der schule war, jeder mit 16, 17 jahren, wenn sie nur laut darüber nachdachte, ohne großartiger beratung verschrieben. das war so normal wie sonst was. die gedanken dazu fingen sich viele, das ist zumindest meine erfahrung, erst im erwachsenenalter zu machen – und/oder eben wenn die pille probleme machte bzw an ein kind gedacht wurde. zu dem zeitpunkt haben dann viele bestimmte nebenwirkungen der pille als teil des frauseins oder als normalität akzeptiert. ich hoffe, die heutige verschreibungspraxis für teenager ist eine andere. die bedeutung des eigenen empfindens ist, denke ich, auch ein lernprozess, der eben durch den manchmal vielleicht zu naiv oder legeren umgang mit medikamenten unterdrückt wird …

  4. Das mit dem unbedarften Pillenzugang in jungen Jahren habe ich auch so erlebt. Ich habe mit 19 wieder aufgehört die Pille zu nehmen, nachdem ich sie drei Jahre lang genommen hatte. Mein damaliger Gynäkologe teilte mir daraufhin mit, dass einer Schwangerschaft nichts im Wege stünde. Er konnte sich keinen anderen Grund vorstellen die Pille abzusetzen.
    Ich empfand es unter anderem als positiv, dass ohne Pille (oder andere hormonelle Verhütung bzw. Kupferspirale) das Thema Verhütung nicht mehr (fast) ausschließlich meines war, ich nicht mehr alleine verantwortlich war und die Männer viel mehr involviert waren.

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