Ein Warum und eine Folgefrage

„Wenig legt die patriarchale Struktur dieser Gesellschaft so offen, wie das Muttersein“, schreibt Glücklichscheitern und fragt sich, warum eigentlich nicht alle Mütter Feministinnen sind. Das frage ich mich in letzter Zeit auch immer öfter.

Ja, warum denn nicht?

Diese Frage baut sich aus Realitäten rund um Mutterschaft auf. Jener zum Beispiel, dass sich in meinem weit gefassten Umfeld viele Frauen nach der Geburt eines Kindes aus freien Stücken dazu entscheiden, beruflich dem Mann den Vortritt zu lassen (mit allen Konsequenzen angefangen vom erschwerten Wiedereinstieg über die Minijobfalle und der lückenhaften Pensionsvorsorge bis hin zu der Verdoppelung dieser Problematiken im Fall einer Trennung). Daran ist freilich im Einzelfall nichts per se schlecht oder gar falsch. Und es ist auch nichts Verwerfliches daran, sich dafür zu entscheiden, weil man strukturell bedingt dazu gezwungen wird. Sich die Frage nach diesem Unterschied jedoch erst gar nicht zu stellen, ist ein Versäumnis. Es ist eine unnötige Loyalität dem Partner gegenüber, ihn nicht als Nutznießer dieser Gesellschaftsstruktur zu deklarieren. Manchmal hege ich den Verdacht, dass aber darin die Krux begraben liegt. Feministin zu sein wird womöglich nach wie vor von vielen Frauen als Kampf gegen (die eigenen) Männer, Freunde, Partner verstanden. Als Brandmarkung des Geliebten zum „Feind im Bett“ sozusagen. Oder vielleicht ist es der Versuch, Ungleichheit durch Ignorieren unsichtbar zu machen? Möglicherweise weil keine gerne Unterdrückte sein mag? Nach dem Motto: Ich bin keineswegs eine Benachteiligte der Gesellschaft, sondern ich bin doch stark und selbstbewusst und ein gleich- und vollwertiges Mitglied.

Nein, das bist du nicht, möchte ich dann rufen – und eine Liste der Gründe anhängen, warum der Feminismus noch lange nicht ausgedient hat. Aber wie ruft man das möglichst diplomatisch, ohne konkrete Lebensentwürfe anzugreifen? Wie zerplatzt man Illusionsbläschen und -blasen, ohne das Los des Überbringers der schlechten Botschaft zu erleiden?

(Bild via thinkagain.theatlantic.com)

7 thoughts on “Ein Warum und eine Folgefrage

  1. Da gibt es wohl wenig Spielraum für Diplomatie.
    Fakten sind nicht diplomatisch.
    Man kann sie nur möglichst verständlich aufbereitet immer wieder vortragen.
    Und versuchen, dabei keine Angriffshaltung einzunehmen weil einem die Wut hochkommt.

      • Hm. Vielleicht haben wir eine unterschiedliche Vorstellung von Diplomatie, für mich hat das Wort einen Beigeschmack von über-den-Tisch ziehen, aber das ist der aktuellen Politik gedankt^^
        Ich sagte ja, dass das Vortragen von Fakten nicht in Angriffshaltung passieren soll, dann ist es nämlich imho zum Scheitern verurteilt. Aber ab und an (zum Beispiel beim Thema Erwerbstätigkeit) fällt mir Diplomatie einfach sauschwer. Weil alle Beteiligten die Fakten kennen und trotzdem nichts unternommen wird. Es ist nämlich wirklich so, wie glücklichscheitern schreibt: Vom Möchten und Wollen passiert nix.

  2. Diplomatisch rufen – schwierig, schwierig. Diejenigen, die ihren Lebensentwurf infrage gestellt sehen, werden sich immer angegriffen fühlen, und ums Infragestellen gehts ja beim Feminismus auch ganz grundsätzlich – also in dem Sinne von: Soll das so?, warum?, und wer, wenn nicht nur ich, bestimmt eigentlich, wie ich lebe? – heikle Fragen, wenn man sie sich alleine selber schon stellt. Dann berühren deine Gedanken auch eins meiner momentanen Reizthemen, nämlich: Für Feminismus „werben“, ja oder nein. Muss demnächst bei mir mal ausführlicher darüber sinnieren, warum mir Slogans wie „Feminismus ist für alle da!“ so auf den Senkel gehen. Wenn man sich mal anguckt, mit wie harten Kämpfen alles, was frühere feministische Bewegungen erreicht haben, verbunden war. War ja nie so, als hätte „die Gesellschaft“ gesagt: Stimmt, dass Frauen in diesem Punkt benachteiligt sind, ist ja eigentlich voll ungerecht, lasst uns das schnell ändern! Und ist ja meist immernoch nicht so. Deswegen weiterkämpfen, auch wenns um sowas geht wie: Wer putzt das Klo. Aber wem sag ich das. Liebe Grüße

  3. Tolle Texte über feministisches Mutter-Sein « fuckermothers

  4. Feminismus = Feminismus ≠ Feminismus « aufZehenspitzen

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