Warum ich mich nicht als Mutter definiere(n mag)

Ich bin eine Frau. Ich bin eine Freundin. Ich bin eine Partnerin. Ich bin Studentin. Ich bin Mutter. Ich bin Journalistin. Ich bin Tochter. Ich bin Bloggerin [mit gerade eben aufgefrischter Blogroll🙂]. Ich bin Akademikerin. Ich bin Wienerin. Ich bin Musikerin. Ich bin Schwester. All das bin ich. In unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Intensität. Das ist die Wirklichkeit, in der ich lebe. Es sind meine Rollen in dieser Gesellschaft. Ich mag mich auf keine festlegen. Ich finde das meistens gut, aber manchmal kommt das Ausbrechen aus der dominanten Mutter-Rolle dem Sisyphoschen Steinwälzen gleich …

Kürzlich hat mich ein vorverlegter Uni-Termin vollkommen aus dem Konzept gebracht. So lange habe ich mich auf dieses spezielle Treffen gefreut, das ich dann schlussendlich im Zug sitzend verpasst habe. Es war und ist kein Weltuntergang. Eigentlich. Für mich hat es sich trotzdem so angefühlt. Es war eine verpasste Chance, einen Nachmittag lang aus der Mutter-Rolle auszubrechen. Entsprechend schlecht gelaunt verbrachte ich dann auch den Abend mit meiner Tochter. Und natürlich kam postwendend das schlechte Gewissen. Über einen verpassten Mama-Nachmittag habe ich mich noch nie so geärgert. Gut. Zugegeben. Die Gelegenheiten, das zu verpassen, sind – euphemistisch formuliert – enden wollend. Trotzdem. Die Identitätskrise sitzt bei mir ja nicht erst seit dem dem 30er mit am Tisch …

„Mutter-Sein“ ist keine Identität. Es ist eine Rolle. Und auch, wenn es schwer ist. Ich mag daran festhalten, mich über verschiedene Rollen zu definieren. Ich muss. In nur einer Rolle aufzugehen hat Konsequenzen. Menschen, die das tun, geben ihr Selbst auf und objektivieren so etwas höchst Subjektives. Sie „verdinglichen“.

Es waren Luckmann und Berger*, die Väter des Sozialkonstruktivismus, die diesen Vorgang für mich so schlüssig und prägnant – und wunderbar umzulegen auf die Mutterschaftsdebatte – beschrieben haben:

Verdinglichung ist „die Auffassung von menschlichen Produkten, als wären sie etwas anderes als menschliche Produkte: Naturgegebenheiten, Folgen kosmischer Gesetze oder Offenbarungen eines göttlichen Willens“. Der Mensch ist demnach paradoxerweise dazu fähig, eine Wirklichkeit hervorzubringen, die ihn verleugnet. Das heißt, wir leben in einer von Menschen erschaffenen Welt, aber durch die geschaffene institutionale Ordnung fühlt sich die Welt objektiviert an. So wird die Welt der Institutionen (Institutionalisierung = Typisierung von Verhalten, etwa in sozialen Rollen) „Notwendigkeit und Schicksal, Glück und Unglück“. Als Beispiel dafür nennen Luckmann und Berger die Institution der Ehe, die eben kein Naturgesetz darstellt.

So wie Institutionen können auch Rollen verdinglicht werden: „Das bedeutet, daß durch die Verdinglichung von Rollen die subjektive Distanz verringert wird, die der Mensch zwischen sich und sein Rollenspiel legen kann.“ Wird ein ganzes Selbst verdinglicht, kommt es „zur totalen Identifikation des Individuums mit den ihm gesellschaftlich zugeschriebenen Typisierungen“.

Verdinglichung – und diese Konsequenz ist wesentlich –, das ist das Moment, an dem wir Dinge nicht mehr anders denken können. Nicht, weil wir das so wollen, sondern weil unsere Fähigkeit dazu verloren gegangen ist. Knorr-Cetina definiert Objektivierung entsprechend als die „Abstraktion individueller Erfahrung durch deren Typisierung in der Sprache“ (dazu passen: die Debatte um den Mutterinstinkt).

Die Problematik [1] von Michelle Obamas im us-amerikanischen Wahlkampf getätigte Aussage, ihr “most important title is still ‘mom-in-chief’” wird damit übrigens schnell klar. Wunderschön zusammengefasst hat das Jessica Valenti in diesem Artikel: „Identifying as a mom first in a culture that pays lip service to parenthood without actually supporting it has consequences. It means that women are expected to be everything—and give up anything—for their children. (…) It’s understandable that some women would embrace motherhood as their primary and most important identity. When you have little power, you take it where you can. Trumpeting the supremacy of motherhood and domesticity is instant access to cultural approval. But the veneer of importance is not power. (…) When we tout ourselves mothers first, women give those who would enshrine their dehumanization more firepower and assure that their domestic work will only ever be paid in thanks, not in policy or power. Until that changes, I’m a mother second.“

Bild via christophejacrot.com/portfolio/paris-in-the-rain/ (c) Christophe Jacrot

* Zitate aus: Berger, Peter L./Luckmann, Thomas (200721). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt: Fischer.


[1] Nachtrag. Ich bin auch eine Lernende. Weiße und schwarze Frauen und Mütter, wir kämpfen mit unterschiedlichen und unterschiedlich schwer wiegenden Stereotypen. Valenti überträgt ihren white feminism an Obamas Aussage und übersieht dabei viel Kontext. Mehr dazu: A Black Mom-in-Chief is Revolutionary: What White Feminists Get Wrong about Michelle Obama (von Tami Winfrey Harris)

4 thoughts on “Warum ich mich nicht als Mutter definiere(n mag)

  1. “Mutter-Sein” ist keine Identität“, das ist ein wunderbarer Kommentar auch zu Louise Bourgeois und ihre M is for Mother. Und dann zitierst Du auch noch meine Helden der Studienzeit Berger/Luckmann. Das macht mich glatt ein bisschen glücklich heute vormittag.

  2. Das Problem drückt sich auch sprachlich aus: ich kann eine arbeitende Mutter sein, aber eine (be?)mutternde Arbeiterin lässt sich nicht so benennen. Das war mir kürzlich aufgefallen als ich überlegte meinen Bloguntertitel anzupassen. Ich weiß nicht, ob man im Englischen von einer „mothering worker“ (o.ä. sprechen kann? Habe ich zumindest noch nie gehört. Die Mutterrolle ist so zentral gesetzt, dass sie sich gar nicht sekundär denken lässt!

  3. Zustimmung. Mein Problem mit der Rolle als Mutter ist dasselbe, das ich mit meiner Rolle als Frau habe: Es erscheint mir in den Möglichkeiten diese auszufüllen klar abgesteckt und damit limitiert zu sein.Spürbar wird das immer dann, wenn ich aus dem mir viel zu engen Rahmen ausbreche…und das missfällt mir zutiefst. Die totale Identifikation mit diesen Rollen lassen den Menschen dahinter in seiner jeweiligen Vielfalt verschwinden. Für mich gehört zu den verschiedenen Rollen auch, dass ich sie nicht immer nur ernsthaft angehe, sondern auch spielerisch. Das schafft bisweilen eine fruchtbare Distanz und gibt neue Perspektiven.

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