Die Sache mit den (kinderlosen) Freundinnen

Ich bin gerade zufällig über diesen Text einer Freundschaft zwischen Frau mit und Frau ohne Kind gestolpert – und nehme ihn zum Anlass, um endlich meine Gedanken zu diesem Thema in Worte zu fassen. Zu lange trage ich sie schon mit mir herum und ich denke, von der einen oder anderen Seite trifft es jede_n einmal.

Als eine sehr gute Freundin vor sieben Jahren Mutter wurde, habe ich die Veränderung unserer Freundschaft als sehr schmerzvollen Schnitt empfunden. Damals habe ich diesen Text geschrieben, in dem ich betrauerte, sie an ihr Kind verloren zu haben:

„Mit einem Schlag, der sie unvermutet mit überraschender Wucht mitten ins Gesicht traf, wurde es ihr bewusst. Es war nicht so, wie sie immer geglaubt hatte. Es war auch nicht so, wie sie es nie hatte glauben wollen. Es war nicht kompliziert. Es war nicht verworren. Es war nur unfassbar, dass sie es erst in diesem Moment erkannt hatte. Sie fragte sich, ob es den anderen auch so ginge. Das Leben rauscht dahin, man arbeitet, geht aus, trifft sich mit Bekannten, lacht und weint und wartet irgendwie immer auf etwas. Nun war es für sie vorbei – das Warten. Mit einem Knall wusste sie, was sie nicht wahrhaben wollte. Es ging nicht um Arbeiterin oder Akademiker, es ging nicht um Managerin oder Putzfrau, es ging auch nicht um Romantikerin oder Rockerin, um Busfahrer oder Politikerin. All diese Bedeutungszuschreibungen, Eigenschaften, Klassenzugehörigkeiten subsumierten sich unter einem großen, alles bedingenden Thema: Kinder. Die Menschen teilen sich in jene, die sie haben und jene, die sie nicht haben. So simpel, so einfach, so klar. Sie hatte sich nie große Gedanken darüber gemacht, ob sie Mutter sein wollte und deshalb ist es wohl auch nie passiert. Nicht dass es schon zu spät gewesen wäre. Es stand einfach nicht zur Debatte.“

Als ich die Zeilen heute hervorgesucht und gelesen habe, musste ich zwar ein bisschen lachen, aber es war ein traurig-erinnerndes Lachen. Jahre später hat besagte Freundin fast gleichzeitig mit meiner K. ihr 3. Kind bekommen. Und, nein, wir haben uns nicht gegenseitig verloren, auch wenn es Zeiten gab, in denen wir unser Leben wenig miteinander teilten. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, wie egoistisch ich ihr gegenüber manchmal gewesen bin. Aber es gab auch Situationen, die sie mir hätte ersparen können (Ich erinnere mich an einen Kindergeburtstag mit lauter stillenden Frauen, die über schmerzende Brustwarzen klagten – und verstehe heute, wie wichtig ein solcher Austausch ist. Allerdings hatte mich meine Freundin durch diese Einladung in eine Situation bugsiert, auf die ich nicht vorbereitet war). Ich habe ihr erst kürzlich gesagt, dass es mir leid tut, wenn ich in dieser Zeit vielleicht wenig verstehend für sie da gewesen bin. „Schwamm drüber“, meinte sie. Es ist Vergangenheit und wir haben es geschafft. Das war kein Glück. Es ist eine Qualität unserer Freundschaft.

Freundschaften waren und sind in meinem Leben ein großes Thema. Ich habe sehr intensive Freundschaften mit kinderlosen Frauen und hatte in meiner Schwangerschaft größte Angst davor, dass sich diese ändern würden. Ich hatte Angst, den Anschluss zu verlieren und plötzlich alleine zu sein. Das war mit ein Grund, warum ich schon schnell nach der Geburt, mein „altes“ Leben weiterlebte. Nach außen hin nur, natürlich. Im Nachhinein fühlte sich das manchmal falsch an. So habe ich meinen kinderlosen Freundinnen erst gar nicht die Möglichkeit gegeben, Einblicke in meinen neuen Alltag, meine neue Gefühlswelt mit all ihren Verwirrungen und in meine Probleme zu bekommen.

Es hat Monate gedauert, bis wir gegenseitig verstanden haben, was sich verändert hat. Und dass das nicht mein Interesse an ihrem Leben ist! Eine Freundin dachte etwa, bei all dem Babyglück interessiere ich mich einfach jetzt nicht mehr, für die Bekanntschaft ihrer letzten Nacht oder die blöde Bemerkung der Chefin im Büro. Ich hingegen dachte nur, wen interessiert das schon, dass K. mich heute angelächelt hat. Und dann wollte ich dieses romantisch besetzte Glück auch niemanden vorführen. Aber auch ich habe mich verändert. Sehr sogar. Aber es ist etwas dazu gekommen und nichts verloren gegangen.

Wie blöd! Wie blöd von uns allen. Nachdem wir ein halbes Jahr so weitergelebt hatten wie eh und je, war es schließlich das Baby selbst, das uns half, ehrlich zueinander zu finden. Es war plötzlich hörbar da. Es fing an als Mensch wahrgenommen werden zu wollen: K. plapperte, deutete, lachte. Und wir alle merkten das Missverständnis. Ich redete, sie fragten. Sie redeten, ich fragte. Es war vermutlich einer der rührendsten Momente, als eine der Freundinnen plötzlich inmitten einer dieser wieder neu gewonnenen intensiven Gesprächsrunden, die einem Kraft für alles geben können, sagte: „Es tut mir leid, wir waren nach der Geburt eigentlich gar nicht richtig für dich da.“ Schwamm drüber.

13 thoughts on “Die Sache mit den (kinderlosen) Freundinnen

  1. Solche „Blödigkeit“ stelle ich auch fest an einer Freundin und mir, dabei ist das Baby noch gar nicht da (sie ist schwanger, ich habe keine Kinder). So das Gefühl, sie würde sich jetzt zurückhalten, mir von ihren Schwangerschaftsangelegenheiten zu erzählen, weil es mich evt langweilen könnte? Und dann aber auch meine Zweifel, dass ich dafür vielleicht auch nicht die richtige Ansprechpartnerin bin? Weiß nicht so recht, wie ich das auflösen soll. Ansprechen? „Liebe Freundin, bitte erzähle mir weiterhin alles, danke!“ Oder abwarten, Unsicherheiten aushalten und versuchen, konstantes Beiseitestehen zu praktizieren (das ist derzeit eher meine Schiene)? Hast Du / hat hier jemand einen Tipp?

  2. Ich habe das unglaubliche Glück, dass meine beste Freundin gut zwei Monate vor mir schwanger geworden ist. Wir erwischen uns heute dabei, dass wir tatsächlich über Kinderkacke reden. Das könnte alles wunderbar sein, wenn sich nicht plötzlich herausstellen würde, dass wir ganz unterschiedliche Meinungen zur Kinderversorgung und -betreuung haben.
    Andere Freundinnen ertragen das Quatschen über den Punkt mit großer Gelassenheit. Ich bemühe mich zwar das Thema nicht Überhand nehmen zu lassen, aber das gelingt nicht immer. Es ist der Wunsch, das alte Leben zu behalten und doch authentisch zu bleiben und mit Freundinnen das tatsächlich Gelebte, Gedachte, Gefühlte zu teilen. Ich denke, das wird für lange Zeit (mein/unser) Thema bleiben.

  3. @nv hmm … so richtige Tipps habe ich nicht, weil Freundschaften oft so ganz unterschiedlich funktionieren (und ich mich in der Rolle der großen „Beraterin“ nicht ganz wohl fühle). Aber einfach zu fragen, was ein Baby für die Freundschaft bedeutet, schadet vermutlich nie. Und auch wo und wie diese Freundschaft künftig weiterbestehen kann. Es ändern sich nämlich mit einem Kind oft auch die Räume. Gegenseitige Bedürfnisse formulieren ist dafür Voraussetzung. Nicht die richtige Ansprechpartnerin zu sein – oder glauben, diese nicht zu sein, ist, denke ich, auch so eine „Blödheit“. In allen anderen Lebensangelegenheiten gibt man doch auch überall seine Meinung ab, auch wenn man selber in einer ganz anderen Situation ist. Ich weiß allerdings, dass es schon auch Eltern gibt, die das anders sehen. Ich habe aber angefangen, einfach zu fragen: „Weißt du, bei dem und dem weiß ich grad nicht weiter. Sag, was würdest du tun.“ Wir haben ja früher auch ab und an über Kindererziehung geredet und wie wir was machen würden … Ich finde meine kinderlose Freund_innen für meinen Lebensbereich Mutter genauso wertvoll, wie meine Freundin mit Kindern.
    Hat sonst jemand Erfahrungen zu teilen? Wäre gespannt.

    • Ich bin noch kinderlos. Als meine Freundin schwanger wurde – die erste im Freundeskreis und ziemlich jung – habe ich ihr Löcher in den Bauch gefragt, wie das denn jetzt so ist. Und sie fand es glücklicherweise gut, jemanden zu haben, mit der sie ausführlich über das Schwangersein und später über das Kind reden konnte.
      Das Einzige, worauf ich gegenüber befreundeten Müttern peinlich achte, ist dass ich Ratschläge und Besserwissereien komplett vermeide. Die kommen schon von genug anderen Seiten.
      Allerdings leben wir 600 Kilometer auseinander, so dass unsere gemeinsame Zeit sich auf Besuche und gelegentliche, dann aber stundenlange Telefonate beschränkt.
      Ich dachte eigentlich das wäre eher die normale Reaktion. So wie als Teenager die ganze Mädchengruppe stundenlang der einen mit dem ersten richtigen Freund zuhören konnte …

      • Ähh, bitte streicht das mit der „normalen Reaktion“, der Satz ist so natürlich Quatsch, wenn ich über nur meine Erfahrungen schreibe.

        Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte, ist dass ich es unheimlich spannend fand, von jemandem auf Augenhöhe Informationen übers Kinderkriegen zu bekommen. Ansonsten konnte ich nur Frauen aus meiner Muttergeneration und älter danach fragen und dort waren die Umstände komplett anders.

  4. ich hätte mir von meiner freundin mit kind oft mehr verständnis gewünscht, dafür dass ich keine lust auf spielplatz (nicht nur) habe und lieber auf bar hatte. ist das egoistisch? aber irgendwann wurden auch ihr kinder groß und wir haben es überstanden:)

  5. Schönes Thema! Ich kenne das auch, vor lauter Angst jetzt wie die Obermutti zu wirken, habe ich das Thema Kind viel zu oft ausgeklammert, wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen war (so doll, dass sie mich tatsächlich irgendwann darauf angesprochen haben). Ich wollte dass meine Mädels nicht dachten, ich hätte mich jetzt verändert. Was Blödsinn ist, denn natürlich verändern wir uns und dass man darüber redet – in Maßen natürlich – sollte einer Freundschaft nicht schaden, sondern sie festigen.

    [Ich habe nach drei Jahren Kindhaben jetzt meine erste richtige Muttifreundin und ich merke, wie sehr mir das gefehlt hat auch mal über die verschiedenen Farben von Kacke zu lachen oder darüber, was die Kinder so sagen und machen. Aber damit meine alten Schulfreundinnen zu bombardieren – ähm, nein. Das haben sie wirklich nicht verdient.:]

  6. Frauen. Mit und ohne Kind(er). | aufZehenspitzen

  7. Es gibt eine Arbeitskollegin, mit der ich mich gerade anfreunde. Sie ist genauso alt wie ich und Single. Ich hingegen habe einen Mann und eine dreijährige Tochter. Wenn wir über unsere „Freizeit“ sprechen, ist es, als lebten wir in parallelen Dimensionen. Sie geht ständig in Bars, Theater und auf Konzerte, fährt alle paar Wochen in Kurzurlaub und ich schaffe es kaum, mal einen Film im KIno zu sehen, weil ich meistnes von Job und Kind so erschöpft bin. Oft werde ich bei ihren Erzählungen neidisch oder eher nostalgisch und denke an meinem Vor-Kind-Leben: einfach nur für sich sorgen müssen! Dann aber denke ich mir, dass sie all diese Aktivitäten auslebt, weil sie innerlich ruhelos ist und ihr etwas Wesentliches fehlt, was sie ausfüllt. Ist das patriarchalisch, wenn ich so über sie denke?

    • naja, es ist auf jeden Fall vorauseilend bewertend. meinst du nicht? und natürlich gibt es die Norm, die besagt, dass eine FrauTM nur glücklich werden kann und nur erfüllt leben kann, wenn sie eine Familie hat und Mutter ist … was nicht heißt, dass sich die Arbeitskollegin nicht trotzdem (oder auch genau deswegen) genauso fühlt (oder auch spürt, dass das von ihr angenommen wird?), aber ich finde, davon auszugehen ist ihr gegenüber nicht besonders wertschätzend. (auch wenn es nicht so gemeint ist) … und ja sicher, als ich noch kein Kind hatte, hatte ich andere Aktivitäten, aber nicht, um das Fehlen eines Kindes zu kompensieren. … würdest du das von einem Mann, der so ähnlich lebt auch denken?

      • Danke für Deine Antwort! Ich habe die Frage durchaus ernst gemeint, weil ich mich oft dabei ertappe, in stereotypen Mustern zu denken (und auch Personen, die mich eigentlich beeindrucken, aus meinen eigenen Minderwertigkeitsgefühlen abzuwerten).
        Ich würde allerdings bei einem Mann, der sich so ausgiebig im Kultur- und Partyleben tümmelt und darüber so viel und gern spricht, genau den gleichen Eindruck haben – das da etwas kompensiert wird.
        Was die besagte Kollegin angeht, bin ich mir unsicher, ob mich wirklich nur die Tatsache, dass sie viel unterwegs ist, dazu bringt, ihr ein gewisses Vakuum in ihrem Leben zu unterstellen, oder mich noch andere Hinweise zu dieser Vermutung leiten. Auf jeden Fall war es gut, meine Eindrücke zu überdenken und Dein Text hat mich dazu angeregt!

  8. Ich bin gerade ganz traurig, weil ich merke, dass meine Freundschaften zu einer sehr guten Freundin und auch zu anderen alten Freundinnen ohne Kinder bröckeln. Sie sind eigentlich interessiert an meinem kleinen Sohn und auch sonst haben sie Interesse sich mit mir zu treffen, aber es fühlt sich einfach nicht mehr so innig und verbindlich an, wie es mal war. Ich fühle mich so weit weg von ihnen und dem, was sie erleben und erzählen und ich kann einfach nicht so viel zu ihren Geschichten sagen. Es geht um Partys, Typen und andere Leute und alles ist immer so witzig. Ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht so ganz verstehen bzw. kann ich mein Mama-sein und was das alles bedeutet selbst noch nicht so gut in Worte fassen, dass ich Freude daran hätte, mit ihnen darüber zu reden. Wenn ich mir mal Zeit freischaufle und mit den alten Mädels Zeit verbringe, denke ich oft, dass es mir nicht mehr so viel gibt, ich fühle mich fehl am Platz und bin selbst darüber ganz traurig. Dann wünsche ich mir, ich hätte mich mit einer anderen Mama getroffen, mit der ich über Gott und die Welt reden kann (vielleicht auch mal über das Thema Mama-sein) und würde mich mehr als ich selbst fühlen. Aber eigenltich wünsche ich mir dieses Gefühl mit meinen alten Freundinnen, die sich nun auch langsam an anderen orientieren und mich nicht mehr ganz als verlässliche Freundin wahr nehmen. Voll doof, dass, obwohl ich es mir wünsche, nicht hinbekomme mit meinen kinderlosen Freundinnen frei und verstanden fühle. Geht euch das auch so?

    • danke für deinen offenen kommentar. vielleicht muss man es einfach eine weile akzeptieren, dass sich die gefühlswelten und leben vorübergehend sehr sehr ändern. dadurch fehlt es vielleicht automatisch an früherer innigkeit? ich kann nur berichten, wie es bei mir war und dass das reden über eigene gefühle (auch wenn es schwierig ist, weil oft selbst die worte dafür fehlen) am wichtigsten ist. immer wieder und unaufhörlich. und ich finde es auch wichtig, zu thematisieren, dass da jetzt eben ein graben zwischen einander ist, aber dass man den überwinden will. es geht❤ mein kind ist mittlerweile 4,5 jahre alt und tatsächlich bespreche ich viele eltern-bezogene sachen auch ganz gerne mit kinderlosen freundinnen. weil es eben meine freundinnen sind und sie mir durch die eigene kinderlosigkeit und distanz zu manchen themen sehr oft weiterhelfen können.

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