Die Geburt als Trauma oder Vom (un)würdevollen Umgang mit Gebärenden

Eine von 13 Frauen leidet nach der Geburt an einer PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung). Und sogar ein Drittel aller Jungmütter entwickeln posttraumatische Symptome. Das sind die Ergebnisse aktueller Studien der McGill University in Montreal und der Tel Aviv Universität. Signifikante Faktoren: 80 Prozent der betroffenen Frauen hatten sich für eine Geburt ohne schmerzlindernde Mittel entschieden. Und: das jeweilige Körperbild bzw. die jeweilige Körperwahrnehmung. Letzteres beinhaltet das Unbehagen, über den langen Zeitraum der Wehen unbekleidet zu sein, sowie das Erleben eines Wahl-Kaiserschnitts. Außerdem: Angst während der Wehen und Komplikationen in der aktuellen oder einer vorangegangenen Schwangerschaft.

Die Symptome der unter einer PTBS leidenden Frauen beinhalten Schlaflosigkeit, wiederholte Flashbacks der Geburt und Albträume sowie ein Vermeidungsverhalten bezüglich Personen und Dingen, die an die Geburt erinnern – angefangen vom Weg ins Krankenhaus bis hin zum Neugeborenen selbst.

Nichtsdestotrotz gibt es eine Debatte darüber, ob das natürliche Ereignis der Geburt in den Pool medizinisch zertifizierter Traumata darf. Aber auch wenn eine Geburt kein plötzliches und unerwartetes Ereignis darstellt, wie etwa ein Unfall oder Kriegserlebnis, so wird sie begleitet von einer realen und gerechtfertigten Angst vor Gefahr um sich und das Baby.

There’s a perception that post-traumatic stress symptoms result from an event that’s unusual or outside the realm of normal human experience. But there are things that can happen in the birthing process that can make a woman feel like her life or her baby’s life are in jeopardy. She experiences helplessness, fear, horror. That’s enough for an experience to be traumatic.

(Deborah Da Costa | Psychologin McGill University)

Das Tel Aviver Forschungsteam empfiehlt als unmittelbar umsetzbare Konsequenzen aus den Ergebnissen, die Schwangeren besser über Möglichkeiten zur Schmerzlinderung aufzuklären und während der Geburt würdevoll mit den Frauen umzugehen – das meint auch, die Körper während der Wehen sorgsam zu bedecken (bzw. die Möglichkeit dazu zu geben).

Dignity is a factor that should be taken into account. It’s an issue of ethics and professionalism, and now we can see that it does have physical and psychological ramifications.

(Rael Strous | Associate Professor Tel Aviv University)

Die Ergebnisse aus diesen aktuellen PTBS-Forschungen sind ähnlich jenen Daten aus Studien zur postpartalen Depression – mit dem Unterschied, dass PTBS nach einer Geburt nur selten diagnostiziert wird. Die Wissenschafter_innen beider Universitäten fordern ein größeres Bewusstsein für die Möglichkeit von PTBS nach der Geburt.

Ältere Daten (Susan Ayers | London University) brachten folgende Ergebnisse:

  • 2,8% der Frauen, die schon zu einem ersten Befragungszeitpunkt vereinzelte Symptome einer PTBS oder einer Depression ausgebildet hatten, erfüllten sechs Wochen nach der Entbindung die diagnostischen PTBS-Kriterien.
  • 33% der Frauen erlebten die Geburt als ein traumatisches Ereignis
  • Zwischen 1 und 15% der Frauen zeigten Stresssymptome
  • Zwischen 1 und 15% der Frauen entwickelten eine PTBS

Quellen: www.news-medical.netsciencedaily.comtraumatherapie.de und nationalpost.com

(Bild via www.timetchells.com (c) Tim Etchells)

4 thoughts on “Die Geburt als Trauma oder Vom (un)würdevollen Umgang mit Gebärenden

  1. Wichtiges Thema, danke für den Artikel!
    Selbst wenn die Geburt sozusagen „komplikationslos“ verläuft, finde ich, dass sie jegliche Art von PTBS oder entsprechender Symptome rechtfertigt. Mich nervt diese „Das haben schon so viele Frauen überlebt“-Mentalität mancher Bekannter von mir tierisch.
    Abgesehen vom physischen Akt selbst (wer würde jemandem in jeder anderen Situation das „Recht“ auf ein Trauma absprechen, der/die über einen längeren Zeitraum so starke Schmerzen hat, dass er/sie schreien muss?!) ist die Situation, vor nicht immer sensiblem Krankenhauspersonal dermaßen entblößt zu sein, mit Körperflüssigkeiten konfrontiert zu sein, usw, usw meilenweit von dem „sicheren“ Normalzustand der meisten Leute entfernt.

  2. Danke für den aufschlussreichen Artikel. Wahrscheinlich kann nicht genug betont werden, dass die Geburt eine extrem verunsichernde Situation ist, in der immer noch viel zu wenig auf das Wohl der Gebärenden geschaut wird. Besonders die erste Geburt kommt mit völlig unbekannten Schmerzen und Arten, den eigenen Körper präsentieren zu müssen, daher.
    Mir sind noch zwei Ergänzungen eingefallen. Einerseits trägt zur traumatisierenden Wirkung von Geburten bei, wenn der Freund, der Ehemann dabei fehlen oder innerlich völlig abwesend sind – die Feundinnen werden wohl signifikant häufiger dabei sein. Vielleicht gehört auch eine Geburt zu den Situationen, in denen niemand wirklich ‚helfen‘ kann, aber unterstützen können nicht nur Pfleger_innen und Hebammen. Dazu kommt der Klassiker, dass die Geburt ja die erste Trennung von dem Kind ist und die erst Mal blutige und schreiende Realität doch die Vorstellungen ein wenig in den Schatten stellt. Ich würde jedenfalls behaupten, dass auch Trennungen traumatisieren können.

    Ergänzend zum unmöglichen Umgang mit Gebärenden auch: http://wp.me/p13Imq-H

  3. Wow, das ueberrascht mich. Man ist halt doch immer in seinem eigenen erfahrungshorizont gefangen und kriegt auch von anderen meistens nur gefilterte eindruecke. Danke fuer den artikel und die ganz andere sicht auf ’natuerliche‘ geburten. Ich hatte mir vor der geburt gedanken vor allem ueber das nacktsein gemacht und hatte angst davor. In der geburtssituation selbst war mir das dann voellig egal, und so schliesst man von sich auf andere…

  4. Empfange. Gebäre. Sei glücklich. « aufZehenspitzen

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