12 Monate – 12 Erkenntnisse

September. Ich brauche meinen Geist zum Körper-Sein.

Irgendwann im Laufe meiner Schwangerschaft habe ich von explodierenden Wassermelonen im Osten Chinas gelesen. Und irgendwann im Laufe meiner Schwangerschaft habe ich mich dann gefühlt wie die personifizierte Meldung davon. Der Umfang des Bauches und die Beschwerlichkeiten, die dieser mit sich brachte, haben mich immer wieder gezwungen inne zu halten. Anfangs nur des Nächtens. Zuletzt schon nach jedem Treppenabsatz. Die Gedanken gingen damals mit mir durch, eilten mir mal Tage, mal Jahre voraus. Die körperlichen Einschränkungen zwangen mich, sie wieder zurück zu mir, zu meinem Körper, zu meinem Baby zu bringen. Bei mir sein. Achtsam sein. Nicht nur Geist sein, auch Körper sein. Körper sein müssen.

Oktober. Ein neuer Mensch bringt neue Regeln.

Ein noch nicht aufgebautes Babybettchen verhindert keine Geburt.

November. Auch die, deren Meinung ich nicht hören will, erzählen mir davon. Und „die“ sind nicht nur Einzelpersonen. 

Zusammentreffen mit Anderen = Einladung, das (mein) Elternsein zu kommentieren, zu bewerten, zu bestimmen (= Mutter und Feministin zu sein wird für mich untrennbar verbunden)

Dezember. Das Leben (der anderen) geht weiter.

Routine stellt sich ein. Füttern, wickeln, anziehen, in den Schlaf singen, spazierengehen.  Das Rad dreht sich immer weiter. Mittlerweile haben so ziemlich alle, die das Baby sehen wollten, das Baby gesehen. Ich habe Dinge erzählt, über die ich nie reden wollte. Ich habe sie sooft erzählt, dass ich fähig bin, Abweichungen in einzelnen Konjunktionen zu bemerken. Ich bin immer noch müde. Das Mutter-Sein ist immer noch neu. Es gibt immer noch viele Fragen. Es gibt neue Fragen. Neue Probleme. Neue Decken fallen mir auf den Kopf. In meinem Kopf ist nach der geschaffenen Routine Platz für neue Gedankenspiele. Aber die Gedanken galoppieren wieder einmal davon. Der Mutterschutz ist vorbei. Das Wochenbett verlassen. Erst jetzt fallen mir viele Dinge ein, die ich nicht erzählt habe und erzählen hätte sollen. Ich habe Angst, es will keiner hören. Denn die Schonfrist ist vorüber. Das Babythema abgehakt.

Für mich nicht.

Jänner. Alles ist eine Phase.

  • Das Baby schläft durch ist eine Phase.
  • Ich fühle mich schlecht ist eine Phase.
  • Wir schupfen das mit links ist eine Phase.
  • Das Baby will nur getragen werden ist eine Phase.
  • Ich will arbeiten ist eine Phase.
  • Du verstehst mich nicht ist eine Phase.
  • Morgen wird alles anders ist eine Phase.
  • Ich brauche mehr Luft ist eine Phase.
  • Unser Haushalt braucht keinen Plan ist eine Phase.
  • Das Baby treibt mich in den Wahnsinn ist eine Phase.

Februar. Es gibt immer eine Ausnahme.

  • Ich liebe dich jeden Tag mehr ist keine Phase.

März. Ich bin nicht mehr die neueste unter den Müttern.

Ungewohnt ist das. Plötzlich steht da jemand anderer mit dem Baby am Arm und alle schwirren herum. Ungewohnt, aber schön, daran erinnert zu werden, dass man schon ein paar Schritte des Weges Eltern-Sein hinter sich gelegt hat.

April. Mamalos geht auch.

Erster Urlaub. Ohne Baby. Der Abschied fällt mir schwer. Sehr schwer. Der Schmerz ist groß. Überraschenderweise löst er sich über den Wolken auf, um mich jede Nacht wieder mit voller Wucht zu treffen. Aber die Tage sind super.

Mai. Das Außergewöhnliche wird gewöhnlich.

Alles ist wie immer. Nichts ist wie immer.

Juni. Ich bin eifersüchtig.

Der Urlaub bringt dem Kind einen Vater mit viel viel viel Zeit. Es zelebriert dies, indem es sich keinen Zentimeter von ihm entfernen mag. Wenn ich es halte, schreit es. Das tut mir sehr weh.

Juli. Die richtige Einstellung ist alles.

Mein Freund (nach einem Post-Baby-Streit): „Puh, ich dachte, die das-Kind-bringt-alles-ja-auch-das-Paarleben-aus-dem-Gleichgewicht-Phase endet nach einem halben Jahr. Das liegt jetzt schon eine Weile zurück. Aber ein Ende ist hier bei uns noch nicht in Sicht.“

Ich: „Nein, nein. Das dauert mindestens ein Jahr, hab ich gehört.“

Er: „Es lebe die Schonfrist. Yeah!“

August. Ich ist ein anderer.

Mutter-Sein hat mich zu keinem besseren Menschen gemacht. Ich habe Seiten an mir kennen gelernt, von denen ich nichts wusste. Gute. Viele gute. Aber auch Abgründe, die sich lieber nicht aufgetan hätten. Ich habe Menschen Unrecht getan, weil ich mich unverstanden gefühlt habe. Aber ich konnte auch für Menschen besser da sein, weil ich mich besser verstanden habe. Wenn ich, so wie jetzt, den Mittagsschlaf meiner Tochter nutze, um mich im Internet zu verlieren, und dann das Babyfon losrauscht, ärgere ich mich. Wenn ich aber die Türe zu K.s Zimmer vorsichtig öffne und sie mich bereits am Gitter stehend mit großen lachenden Augen empfängt, dann möchte ich das Glück dieses Augenblicks am liebsten konservieren und einfrieren, weil es so groß ist, dass es in Scheiben genossen für viele Jahre reichen würde.

Gestern habe ich von dem Moment direkt nach der Geburt geträumt, als mir die Hebamme K. auf die Brust gelegt hat. Es war ein unschuldiger Moment, der alles Schwere und Schwierige, alle vorangegangenen und auch alle folgenden Kämpfe, die Gefühlsunsicherheiten und die Niedergeschlagenheiten ausgeblendet ließ. Ich war im Traum so glücklich, dass ich davon aufgewacht bin. Das ist mir nie zuvor passiert.

7 thoughts on “12 Monate – 12 Erkenntnisse

  1. „Wenn ich, so wie jetzt, den Mittagsschlaf meiner Tochter nutze, um mich im Internet zu verlieren, und dann das Babyfon losrauscht, ärgere ich mich. Wenn ich aber die Türe zu K.s Zimmer vorsichtig öffne und sie mich bereits am Gitter stehend mit großen lachenden Augen empfängt, dann möchte ich das Glück dieses Augenblicks am liebsten konservieren und einfrieren, weil es so groß ist, dass es in Scheiben genossen für viele Jahre reichen würde.“

    Ja. Ja. Und nochmals: Ja. So ist das.

  2. « Ich war im Traum so glücklich, dass ich davon aufgewacht bin. Das ist mir nie zuvor passiert.»

    Solche Träume sind selten, zumindest bei mir. Ich versuche sie festzuhalten. Mich immer wieder daran zu erinnern.

    Mögest Du noch viele Träume davon und noch mehr Erlebnisse davon haben!

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