Liebe ist kein Instinkt. Schon gar kein weiblicher.

Wir meinen, dass jede Frau, wenn sie Mutter wird, die Antworten auf alle Fragen, die ihr neuer Zustand aufwirft, in sich selbst findet. Die Mutterliebe ist so häufig als etwas Instinkthaftes bezeichnet worden, dass wir gern glauben, ein solches Verhalten sei unabhängig von Raum und Zeit in der Natur der Frau verankert.

(Élisabeth Badinter)

Die Sache mit dem Mutterinstinkt

Instinkt, das ist ein Verhaltensmuster, das genetisch vorgegeben ist. Das sagen die Lexika. Und Élisabeth Badinter fragt: „Was ist das für ein Instinkt, der bei den einen auftritt und bei den anderen nicht? Muss man alle Frauen, bei denen er sich nicht zeigt, als ‚anormal‘ betrachten?“

Das ist eine feministische Sichtweise. Sie wird wissenschaftlich untermauert. Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy verweist zwar auf biologisch vorgegebene hormonelle Veränderungen bei der „Mutter-Werdung“: So bildet eine Schwangere zum Beispiel Prolaktin. Und bei der Geburt wird Oxytocin ausgeschüttet. Das löse aber noch kein Instinktverhalten aus. „Nach der alten Sichtweise haben Frauen etwas, das sie dazu bringt, Mutter werden zu wollen. Dieser Instinkt mache sie selbstlos und hingebungsvoll ihren Kindern gegenüber. Tatsächlich ist das aber bei vielen Frauen gar nicht so eindeutig. Viele Frauen empfinden sehr gemischte Gefühle, wenn sie Kinder haben“, so Blaffer Hrdy, um eine Aussöhnung zwischen Evolutionsbiologie und Feminismus ringend. Die Natur habe der Frau keineswegs die Rolle der liebenden, aufopferungsvollen Ammen-Mama zugewiesen.

Badinter betont: „Die Mutterliebe ist nur ein menschliches Gefühl. Sie ist, wie jedes Gefühl, ungewiss, vergänglich und unvollkommen. Sie ist möglicherweise kein Grundbestandteil der weiblichen Natur.“ Mittlerweile ist zudem erwiesen, dass Väter wie Mütter eine hormonelle Umstellung durchmachen. Auch Väter produzieren das Hormon Oxytocin. Es gilt: Je mehr sie sich um das Neugeborene kümmern, je mehr Körperkontakt sie mit ihm haben, desto stärker ist diese Hormonausschüttung.

Als Illusion wissenschaftlich längst enttarnt feiert der „Mutterinstinkt“ in Medien und Köpfen nach wie vor fröhliche Urstände.

Manche sind überwältigt, manche nicht.

Manche fühlen sich lange vorher bereit, manche nicht.

Manche sind überfordert, manche nicht.

Manche lieben uneingeschränkt, manche nicht.

Manche erleben emotionale Höhen. Manche nicht.

Manche erleben emotionale Tiefen. Manche nicht.

Manche fühlen den einen Tag so. Manche den anderen.

Manche brauchen Zeit. Manche nicht.

Manche sind Frauen. Manche sind Männer.

(Bild via jared.smugmug.com (c) Jared S Brick)

6 thoughts on “Liebe ist kein Instinkt. Schon gar kein weiblicher.

  1. Nö, als Instinkt, als „naturgegeben“, sehe ich „Mama-Liebe“ sicher auch nicht. Gerade deswegen war bei mir der Zweifel so groß und war ich so erleichtert, dass ich die Kinder annehmen konnte. Die Liebe wächst bei mir mit den Tagen&Wochen&Jahren, sie ist mal stärker, mal schwächer, vielleicht kann sie auch vergehen, wer weiß das schon. Bei Kind 1 war ich sehr jung und nicht darauf vorbereitet, dass ich so wenig aus mir heraus wusste. Was das angeht, bin ich inzwischen ein bisschen erfahrener und suche die Antworten eben im Austausch mit anderen, im Netz oder sonstwo. Manchmal gibt es auch keine – oder mehrere.

    Ich hatte keinen der letzten Kommentare so verstanden, als würde da auf einen Instinkt referenziert. Eher auf eine große Veränderung, die durch die Geburt eines Kindes ausgelöst werden kann + das in den folgenden Wochen subjektiv erfahrene Glück.
    Aber du hast natürlich recht, dass einem das überall begegnet und wichtig finde ich den Hinweis, dass es den Vätern ebenso ergehen kann. Und anderen Menschen im Übrigen ebenso, auch ohne biologische Verbindung: auf http://gemeinsameltern.blogsport.de/ berichten (Co-)Eltern davon, für ein Kind gemeinsam zu sorgen (das Baby ist gerade erst geboren worden).

  2. Bei Männern soll ja nach der Geburt des Kindes der Testosteronspiegel sinken. U.a. so werden auch Männer biologisch mit einbezogen.
    Die Kommunikation zwischen biologischen und emanzipatorischen Theorien ist spannend und auch wichtig. Evolution ist meiner Ansicht nach nicht tauglich als Argument für eine einseitige Weltsicht. Und erst recht nicht als Begründung für vergangene Herrschaftsformen. Und Emazipation kann durchaus u.a. auch biologische Theorien mit einbeziehen.

    „Natur“ als in uns und um uns und gegenüber uns ist interessant und kann als eine wesentliche Sphäre modelliert werden.
    „Die Natur“, als Ver-Abstrahierung und Pauschalierung des „Weiblichen“ oder als eine subjektive Interpretation der „Natur“ als soziales Modell ist nicht intersubjektiv verbindend, sondern die Projektion einer Ideologie auf das Allgemeine.

    Zu dem Thema hat Stephen Jay Gould schön formulierte (für mich optimistische) nihilistisch-konstruktive Sachen geschrieben.

  3. Ich habe eine Freundin mit sieben Kindern und muss sagen, dass die Gespräche mit ihr sehr befreiend waren. Nicht nur hat sie ganz offen gesagt, dass sie nach der Geburt ganz unterschiedlich auf ihre Kinder reagiert hat, die ganze Bandbreite zwischen sofortiger Zuneigung und initialer Ablehnung, sie hat mir auch schnelle den Zahn gezogen, dass man seine Kinder immer alle und zu jedem Moment gleich stark und innig liebt. Alles ist im Fluß und nichts bleibt konstant und „normal“ gibt es sowieso nicht.

  4. Das erinnert mich an das Buch „Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus“ von Gaby Gschwend, in dem es auch darum geht, dass nicht jede* Frau Mutter werden will und auch, dass bei dem ganzen Themenkomplex weniger „die Natur“ als vielmehr gesellschaftliche Mythen am Werke sind. Sehr interessant, wie ich finde. (Für alle Menschen, egal ob mit Kindern oder -wie meine eine- glücklich kinderlos.)

    PS: Schöner Blog!

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