Bin ich feige?

Sie wurden verurteilt und sagen trotzdem Sachen wie „Zum Teufel mit der Gnade“. Das ist mutig und das ist Widerstand – und es ist mir fremd.

Jede_r (Deutsche oder Österreicher_in) hat sich (vermutlich?) im Laufe ihres/seines Lebens bereits die Frage gestellt, auf welcher Seite sie oder er in der Nazizeit gestanden hätte. Die Antwort ehrlich zu denken fällt schwer. Und es ist freilich auch unmöglich, weil die Ausnahmesituation fehlt, die es wohl als „Auslöser“ für Mut zum Widerstand braucht. Zumindest ich bin in meinem 30-jährigen Leben noch nicht einmal in die Nähe einer solchen Ausnahmesituation gekommen. Es ist also mehr als vermessen, mich romantisch-verklärten Widerstandsgedanken hinzugeben. Immerhin kostet es mich schon Überwindung, gegen Alltagsrassismen und Alltagssexismen Stellung zu beziehen. Wenn eine soziale Situation also mehr von mir abverlangen würde als ein paar (in Wirklichkeit konsequenzloser) Worte gegen Aussagen oder Handlungen anderer – würde ich couragiert sein? Die Frage ist umso quälender, als es keine Antwort gibt.

Feigheit, schreibt der Soziologe Wolfgang Sofsky sei kein Laster, sondern eine Untugend (In: Über die Feigheit) und weiter: „Feigheit ist ein Zustand tiefster Unfreiheit. Sie liefert den Menschen der Angst aus. Wer die Courage diffamiert, rechtfertigt das Zwangsgehäuse der Angst. Wie bescheiden die moralischen Ansprüche gegenwärtig sind, lässt sich schon daraus ersehen, dass Feigheit häufig zum Beweis von Klugheit umgedeutet wird. (…) Feigheit und Faulheit sind die Ursachen aller Unmündigkeit. Nicht bösartige gesellschaftliche Verhältnisse, nicht das marode Erziehungswesen, nicht die säkulare Entwertung christlicher Werte sind dafür verantwortlich, dass Menschen in den Dämmerschlaf des Konformismus sinken. Unmündigkeit ist selbstverschuldet. Viele Menschen bevorzugen die bequeme Unselbständigkeit. Sie sind zu faul, sich ihrer Verstandesgaben zu bedienen; und sie sind zu feige, einen eigenen Gedanken gegen Widerspruch zu verteidigen. (…) Demokratien können die Feigheit unmöglich eindämmen. Sie begünstigen die Anpassung an die Mehrheit.“

Das klingt wahrlich gut. Pathetisch und gut. Sofsky spricht Wahres, ja. Seine Aussage mag stimmen, wenn man keine Nachsicht gegenüber menschlichen Schwächen zeigt und einer hehren Moral huldigt. Es schmälert aber auch die Taten derer, die wahren Mut zeigen – zum Beispiel, indem sie sich gegen die Diktatoren dieser Welt stellen.

(George MacDonald zitiert via indulgy.com)

Der Mut von Pussy Riot, Woina und all den namenlosen Aktivist_innen in Russland ist für mich schwer fassbar. Er ist etwas Abstraktes, das in seiner leichtesten Essenz – heruntergebrochen auf ein Alltagsleben in der quasi-Idylle – Vorbild sein kann und soll. Aber er ist eben auch etwas sehr Reales im Leben jener Protagonist_innen, die für den Kampf für die Freiheit mit ihrer höchstpersönlichen Freiheit zahlen müssen.

Solidarität ist wichtig. Den Funken weitertragen, oder vielmehr, ihn weiterleben, ist noch viel wichtiger – jede_r auf seine Art und Weise. Das ist nicht vergleichbar mit dem Mut, den es braucht, um gegen Putin aufzubegehren. Aber es ist mutig. Und Mut kennt keine Hierarchie.

Eine Antwort auf die Frage, ob ich mutig sein würde, ist das keine. Aber es vielleicht so etwas wie eine Aufforderung dazu, auch im Kleinen Mut zu beweisen – und dafür gelten Sofskys Worte uneingeschränkt: „Feigheit ist kein Laster, sondern eine Untugend, ein Mangel an moralischer Willensstärke.“

(Be Brave. Write. via writingtime.typepad.com)

3 thoughts on “Bin ich feige?

  1. Free Riot | Nouniouce

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