Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor

Letzte Woche. Freundinnentreffen. Eine beklagte sich über die ewig entflammende Haushaltsdebatte. Die anderen stimmten mit ein. Wie ist das möglich? Wie sooft blieben wir am Ende rat- und fassungslos. Wie konnte das passieren? Wir sind doch selbstbewusst. Wir sind emanzipiert. Wir leben individuelle Beziehungen mit individuellen Ansprüchen. Wir erfüllen keine Muster. Wir sind doch nicht unsere Eltern! Einen Ausweg fanden wir auch in dieser Nacht keinen – weder die von der traditionellen Rollenverteilung Betroffenen, noch die (noch? vermeintlich?) davor Gefeiten.

Passenderweise kam dann heute der Hinweis auf eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema vom Freund: Die Soziologin Cornelia Koppetsch zeigt darin (ein Bericht und ausgewählte Beispiele dazu finden sich hier), wie wenig modern moderne Paarbeziehungen tatsächlich sind: Im Haushalt herrschen oftmals noch traditionelle Rollenaufteilungen zu – mit der Einschränkung, dass sich die Partner_innen gleichberechtigt fühlen. Durch Koppetsch‘ Untersuchung wurde offenkundig, dass die Wirkungsweisen von Geschlechtsnormen heimlich unser Alltagsleben (Stichwort: Haushalt) lenken.

Die Paare vermeiden, zu genau hinzusehen, denn die Existenz von Ungleichheiten ist in Anbetracht der Wichtigkeit der Gleichheitsidee für die Paarbeziehung gefährlich.

(Cornelia Koppetsch via science.orf.at)

Die Selbsttäuschung, so die Wissenschafterin, funktioniere durch die Uminterpretation von Wirklichkeit und auf der Ausblendung von Indizien, die der Partnerschaftsidee widersprechen. Am Ende stehen Gleichheitsfiktionen, die sich viele Paare für sich adaptiert zurechtlegen.

(Bild via rojaksite.com)

Zementiert wird diese Ungleichheit paradoxerweise durch vermeintliche Individualisierung. Die Studie von Koppetsch entlarvt, was vermutlich vielen aus eigener Erfahrung oder Gesprächen bekannt vorkommt: „Für ihn ist es einfach nicht notwendig, dass jede Woche gesaugt wird.“ „Er würde sonst nicht jeden Tag kochen, aber ich mag das so.“ „Ich wasche, weil ich mir meine teuren Kleider sicher nicht ruinieren lasse.“ „Er kümmert sich dafür um andere Sachen.“

Warum das alles?

Es sind wiederkehrende Ablaufmuster und Regelmäßigkeiten scheinbar unbedeutender Handlungen, die dem Paar Stabilität verleihen und durch die zugleich Geschlechterdifferenzen hervorgebracht werden. Geschlechtsnormen existieren nicht zufällig, sie erfüllen häufig wichtige Ordnungsfunktionen für den Zusammenhalt des Paares, weshalb die Barrieren, die der Gleichstellung der Geschlechter in der Paarbeziehung entgegenstehen, unter Umständen sogar höher sind als in den öffentlichen, konkurrenzbestimmten Lebenssphären.

(Cornelia Koppetsch via science.orf.at)

Das Fatale, so Koppetsch‘ Erkenntnis, sei, dass durch die Verleugnung der traditionellen Rollenverteilung die Geschlechterungleichheit noch verschärft werde: Indem sie beide Partner_innen negieren, kann Mehr-Arbeit im Haushalt auch nicht als solche honoriert werden. Im Gegenteil: Schnell ist die Frau – so die Studienautorin – dann die Pingelige, die dem Mann das Recht auf persönlichen (unordentlichen) Lebensstil abspricht: „Wenn die Frau mehr Hausarbeit erledigt, so die gemeinsame Annahme, ist das ihr Problem, sie hat eben andere Ansprüche an Sauberkeit und Ordnung. Da die meisten modernen Paare auf die Idee der Gleichheit dennoch nicht verzichten wollen, bleibt ihnen letztlich nur die Möglichkeit, die fortbestehenden Ungleichheiten zu leugnen oder so zu tun, als seien sie das Ergebnis einer bewussten Entscheidung.“

Wie gleichberechtigt sind wir, die so darum kämpfen, also wirklich? Und wie gleichberechtigt kann eine Beziehung, in der z.B. ein_e Partner_in in Karenz ist, überhaupt sein? „Ich übernehme deinen Part der Kinderbetreuung und nicht den Haushalt“, das war meine „Bedingung“ vor zehn Monaten.

Und heute? Bin es nicht ich, die fast immer einkaufen geht? Bin es nicht ich, die fast immer kocht? Bin es nicht ich, die immer wieder darauf hinweist, dass geputzt oder dieses und jenes besorgt gehört? Bin nicht ich still und leise zur Haushaltsmanagerin geworden? Nein, nein, nein. Ich bin gleichberechtigt. Wir sind gleichberechtigt!

Cornelia Koppetsch würde mir zustimmen – oder würde sie nachsichtig lächeln?

(Bild via freshdads.com)

 

Nachtrag: Auch Feministmum hat sich mit der Studie bzw. dem Artikel auseinandergesetzt. Sie kritisiert, dass das Problem kollektiviert und politisiert werden müsste statt nur wieder privatisiert dargestellt zu werden. Damit bringt sie einen wesentlichen (neuen!) Aspekt in die Diskussion (? – es sollte zumindest eine sein) ein. Danke!

3 thoughts on “Wir täuschen unsere Gleichberechtigung vor

  1. Mh, ein heikles Thema. Ich habe wesentlich weniger Ordnungsliebe als mein Mann, was ein großes Streitpotential ist. Denn: entweder

    – ich mache es nicht und habe ein schlechtes Gewissen, weil er es dann nicht lassen kann und es selbst macht (und somit 90% der Hausarbeit erledigt -> umgekehrte Ausbeutung ist ja auch nichts)

    – ich mache es, aber widerwillig, und mit den Gedanken, wie es dazu kam, dass aus meinem unbeschwerten Leben plötzlich regelmäßige Auseinandersetzung mit Klogeschrubbe wurde

    – ich schlage eine Haushaltshilfe vor und mir wird in Erinnerung gerufen, dass Frauen nicht nur durch Männer ausgebeutet werden, sondern genauso durch andere Frauen und dass ich ja wohl nicht wirklich eine „Putzfrau“ haben will

    – ich bekomme von Freundinnen zu hören, dass ich ja wohl wirklich auf hohem Niveau jammere und sie sich meinen Mann gerne mal ausborgen würden.

    Viele Fragen, keine Lösung. Scheiß Haushalt.

  2. Gleichheitsfiktion, ein hartes Wort. Bascha Mika thematisiert das auch in „Die Feigheit der Frauen“, wenn ich mich richtig erinnere: Viele Paare betrachten die Art, wie sie leben, als Ergebnis einer gemeinsamen, freien Entscheidung, abgestimmt auf ihre individuelle Situation. Diese Entscheidungen (z.B.: sie bleibt für die Kinder zu Hause, weil er eben mehr verdient) führen aber sehr oft dazu, dass die uralten Rollentraditionen fortgesetzt werden. Das war natürlich nie Anliegen des jeweiligen Paares – nein, sie haben immer nur die individuell beste Lösung gesucht. Schwierig, schwierig.

  3. Ich bin Mutter geworden und nicht Putzfrau! | the only thing constant in the world is change

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