Dorf essen Seele auf – Darf ich vorstellen: der Ort meiner Kindheit

Wenn E. ins Wirtshaus kommt, mahnen ihn die Kumpanen ab und an nachsichtig wie einen Lausbub ab. Er hat es vermutlich auch nicht leicht. Aber die schwangere Frau so gegen den Kasten schleudern, dass sie sich beide Arme bricht … das kann die Dorfgemeinschaft nur mehr tolerieren, wenn sie beide Augen zusammendrückt. Die mittlere Tochter vertraut sich am Heimweg der Tochter der Nachbarin an. E. schlägt sie nicht nur, er missbraucht sie auch. Weiter als bis zur Nachbarin kommt die Erzählung nicht. Wissen, Halbwissen, Schweigen. So sind die Regeln. E.s mittlere Tochter mag in der Schule ohnehin niemand so wirklich. Sie erzählt Schauergeschichten vom Teufel, der sie immer wieder heimsucht. Wenn niemand da ist, steht er vor der Tür. Oder er wartet auf der Toilette. Dann ist alles nass. Kindergeschichten eben. Drei Häuser weiter von E. wohnt die Verrückte. Sie rennt im Sommer mit Moonboots und im Schioverall herum. Ihr Vater säuft sich in der Zwischenzeit um den Verstand. Keiner kann mit postpartaler Depression etwas anfangen und Alkoholismus gehört im Dorf zum Standardrepertoire der Männer. Als E.s andere Tochter später gegen das Steinmarterl fährt, finden das schon viele eigenartig. Dass mit ihr auch etwas nicht stimmte, wird spätestens im nächsten Sommer klar. Ihre Mutter findet sie, erhängt am Dachboden. Die arme Familie. Erst rast der Onkel im Suff in der Dorf-Kurve in den Tod und dann das … Unglück sucht Unglück.

Bild via X-Verleih | Das weiße Band | Michael Haneke

Schlussendlich versaut der B. auch noch das Begräbnis. Er klettert auf die Friedhofsmauer und schwingt eine Strumpfhose. Eine Trophäe, von der Wäscheleine erbeutet. B. ist der Knecht beim Ortskaiser. Dafür gibt es sogar Pflegegeld. Gut nur, dass sich diese Familie um B. kümmert. Um den Trottel, den Deppaten, den Zurückgebliebenen. Da sieht jeder darüber hinweg, dass alle in der Ortskaiserfamilie alte Nazis sind. In Vergessenheit geraten. Alle vergessen schnell, wenn es sein muss. Nur einer im Dorf vergisst nicht. Der alte K. Er schleicht in der Nacht um die Häuser, späht ins Warme, ins Licht. Und manchmal klopft er. Bittet um einen Schlafplatz, um ein Nachtmahl. Weil er komisch, ja, fast unheimlich ist, gewährt es ihm ein jeder. Bis auf den L.-Bauern. Der hat ihn mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Den Taugenichts. Keine 24 Stunden später brannte der Vierkanter lichterloh. Das habt ihr davon. Keiner bemerkt, wie die Lippen der L.-Tochter schadenfreudig zu zucken scheinen. Sie sucht die Augen der Mutter, aber die weint in ihre Handflächen. Über das Feuer, den Verlust ihres Hab und Guts und die zwei in den Flammen verendeten Zuchtstiere. Oder vielleicht weint sie auch Tränen der Erleichterung. Das Wohnhaus ist ruiniert, darum zieht sie mit den Kindern eine Weile zurück ins Elternhaus, während der Mann sich um den Wiederaufbau kümmert. Dann muss sie wenigstens ein paar Samstagnächte keine Angst haben. Angst davor, wenn L. sturzbetrunken vom Wirtshaus heimkommt. Wenn sie im Bett liegt und auf jedes Geräusch hört. Hoffend, nicht das Klicken der alten Truhe zu hören, einem Hochzeitsgeschenk ihrer Eltern. Seit L. den Jagdschein verloren hat, hat L. dort seine Gewehre eingeschlossen. Meistens ist er zu betrunken, aber manchmal schafft er es noch die Truhe zu öffnen. Dann schreit er seine Familie zusammen, hält ihnen die Schrotflinte unters Kinn und schimpft sich das Leben vom Leib. Es dauert noch lange, bis der Brandgeruch das Dorf verlässt. Selbst ein Jahr nach dem Feuer am L-Hof – der alte K. sitzt längst im Gefängnis – meinen manche den Geruch noch ausmachen zu können. Aber die Zeit heilt alle Wunden. Auch diese.

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