Die ewige Kinderbetreuungsdebatte oder Von der Kunst die richtigen Fragen zu stellen

Ideologie schlägt seriös-neutrale Berichterstattung. Wieder einmal. Ich musste mich gerade über diesen Artikel auf zeit.de ärgern: Die Art der Fragestellung lässt der interviewten Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert wenig Spielraum, finde ich. Im Print würde ich ja sagen, der Inhalt wurde Opfer von Kürzungen, aber online …? Unabhängig davon, wie tendenziös schon die erste Frage daherkommt, passt die Antwort nicht wirklich dazu, auch wenn das suggeriert wird. Ein absichtliches Missverstehen?

DIE ZEIT: Frau Ahnert, wie schädlich ist es, Kleinkinder in einer Kita betreuen zu lassen?

Lieselotte Ahnert: Im ersten Lebensjahr, das zeigen die Untersuchungen der Bindungsforschung eindeutig, ist der intensive Kontakt zur Mutter oder zu einer anderen Bezugsperson entscheidend, damit Kinder sich gesund und normal entwickeln.

Don't leave me alone!

Bild via flickr.com (c) Henry Tantono

Lesenswert hingegen finde ich dieses Interview mit L. Ahnert von 2010 im Spiegel.

(…)

SPIEGEL: Ein Plädoyer für die Krippenbetreuung?

Ahnert: Nein, so will ich das nicht verstanden wissen. Ein Kind, das einzig bei Mama aufwächst, wird in der Regel keinen Schaden nehmen. Aber es ist auch wahr, dass ein Säugling oder Kleinkind nicht die Stunden ihrer An- oder Abwesenheit zählt. Es kommt auf die Qualität seiner Bindung zur Mutter an. Und dafür ist vor allem eines wichtig: dass sie seine wirklich wichtigen emotionalen Bedürfnisse wahrnimmt. Dies wiederum gelingt ihr oft sogar besser, wenn sie das Kind auch mal abgeben kann – wer über ein zuverlässiges Betreuungsnetz verfügt, ist eine bessere Mutter mit mehr Humor, mehr Spielideen, einem feinfühligeren Umgang.

(…)

SPIEGEL: Das heißt, eine frühe und intensive Krippenbetreuung wirkt sich nicht aufs Mutter-Kind-Verhältnis aus?

Ahnert: So ist es.

(…)

SPIEGEL: Was antworten Sie Krippengegnern, die es für widernatürlich halten, sein Kleinkind in den ersten drei Jahren fremdbetreuen zu lassen?

Ahnert: Dass das Unsinn ist. Es gibt kein naturgegebenes Betreuungssystem. Wenn wir uns ansehen, wie Naturvölker mit ihrem Nachwuchs umgehen, finden wir Systeme wie das der Efe in Zentralafrika, die ihre Säuglinge von Schoß zu Schoß weiterreichen. So ein Efe-Baby verbringt manchmal nur ein Fünftel der Zeit bei der leiblichen Mutter und hat im Schnitt 14 Betreuerinnen. Einige der Frauen stillen es sogar. Wir sehen aber auch Mütter wie die der !Kung in der Kalahari, die ihre Kleinen drei Jahre lang praktisch immerzu am Körper tragen. Was ist jetzt das Natürliche?

SPIEGEL: Einer amerikanischen Langzeitstudie zufolge haben Krippen durchaus Nachteile: Wer als Baby für viele Stunden täglich in die Krippe kam, war später ein aufsässiger Schüler.

Ahnert: Moment, das wird ganz unterschiedlich bewertet. Die einen sagen, die Kita-Kinder seien ungehorsam, die anderen behaupten, sie seien einfach selbstbewusst.

SPIEGEL: Wie politisch ist die Debatte?

Ahnert : Sehr. Deswegen mag ich mich nicht mehr einlassen auf die grundsätzliche Frage, ob wir die unter Dreijährigen aushäusig betreuen lassen sollten oder nicht. Das ist eine gestrige Debatte. Es ist doch so: Mütter möchten berufstätig sein und Kinder haben. Das geht nur mit Betreuungsnetzwerken. Also müssen wir Wissenschaftler herausfinden, welche Art von Betreuung am wenigsten Risiken fürs Kind mit sich bringt.

4 thoughts on “Die ewige Kinderbetreuungsdebatte oder Von der Kunst die richtigen Fragen zu stellen

  1. Diesen Artikel las ich auch und dachte, hmm, passt auffallend gut zum Pro-Lager der aktuellen Betreuungsgelddebatte. Wenn es die Debatte überhaupt noch gibt, ich bin nicht ganz auf dem Laufenden.
    Danke für das weitere Interview, die Frau wird ja ihre Meinung nicht so schnell geändert haben können…

  2. Ja, beim ZEIT-Artikel hab ich auch die Augen verdreht schon bei der Überschrift, „Das bedeutet für Kinder Stress“. Vorallem wenn man sich den Zusammenhang anguckt, aus dem diese Aussage destilliert wurde.

  3. Dr. Ahnert hat eine Studie zur Kleinkindbetreuung durchgeführt („Parenting & Co-Parenting“), die im Moment ausgewertet wird und ganz spannende Zwischenergebnisse hat.
    In die Richtung nämlich, dass ausserhäusliche Kleinkindbetreuung sich ganz positiv auf Kinder auswirken kann, wenn eine gute Bindung zur Betreuungsperson besteht. Ansich nix Neues, offenbar muss das aber noch stärker in der Öffentlichkeit ankommen.
    (Ich habe als Tagesmutter mit zweien meiner Tageskinder an der Studie teilgenommen.)

    Es ist verdammt ärgerlich, in welche Richtung dieses Interview gehen soll; die Fragestellungen sind teils einfach unmöglich!
    Schade, wenn man weiß, wie engagiert die Dr. Ahnert im Moment dabei ist, die tollen Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen.

  4. danke für diesen erleuchtenden vergleich! mich stört in diesem kontext immer besonders die verwendung des wortes „fremdbetreut“. alleine dieses wort empfinde ich als unheimlich wertend.

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