Liebe Flüchtlingsmama,

heute denke ich an dich. Heute ist Weltflüchtlingstag. Ich denke an dich, aber ich habe das Mitleidsgetue satt. Ich ertrage deine traurigen schwarzen Augen und die deiner Kinder, die pickig verschmiert und wässrig sind, nicht mehr. Kennst du das Bild, mit dem sie für dich Geld sammeln, überhaupt? Du bist eine Frau. Wie ich. Du bist eine Mutter. Wie ich. Du hast ein Kind. Oder zwei. Oder mehr. Du hast sie wahrscheinlich unter hygienischen Umständen geboren, die für mich – von meinem bequemen Kreißsaalbett aus, den Freund neben mir, mit PDA-betäubten Wehenschmerzen, den zusprechenden Worten „meiner“ Hebamme im Ohr – denkunmöglich sind. Es fällt mir schwer, über dein Leben nachzudenken und das nicht aus dieser Scheiß-Perspektive zu tun. Du hast mein Mitleid nicht verdient, denn du brauchst kein Mitleid.

Liebe Flüchtlingsmama,

du bist keine Bettlerin, sondern hast Anspruch auf Hilfe. Nicht aus Mitleid, sondern weil Hilfe das ist, was du verdienst. Das zu verstehen, dafür habe ich zu lange gebraucht. Du lebst wie ich auf dieser Welt. Du hast dieselben Menschenrechte wie ich. Dazu gehört auch Artikel 25 – das Recht auf Ernährung. Es läge in der völkerrechtlichen Pflicht wohlhabender Staaten, deinen Staat zu unterstützen. Präventiv. Dafür Sorge zu tragen, dass mit den Ressourcen deines Staates nicht Raubbau betrieben wird. Ich bin Teil eines Systems, das dich zu einem Objekt macht. Ich schäme mich deswegen. Ich schäme mich auch deswegen, weil ich in einem Land lebe, in dem deine traurigen Augen neben Politikeraugen hängen, die gegen dich mobil machen, wenn du hier angekommen bist. Ich schäme mich dafür, dass wir in einer Welt leben, in der es immer noch um die Trennung des Anderen vom Eigenen geht. Und dafür, dass du immer zur Anderen gemacht wirst.

Liebe Flüchtlingsmama,

es tut mir leid, dass ich – trotz allem – immer wieder Mitleid mit dir habe.

Es gibt nur noch die Welt hier und anderswo, so wie die Welt eben ist, und niemand kommt irgendwo an.

Giorgos Seferis via ISVC

42 Millionen.
42 Millionen Menschen.
42 Millionen Menschen auf der Flucht.
Was wir, Europäer_innen, sehen: Männer.
Was wir nicht sehen: Frauen.

Nach Schätzungen der UN sind 80 Prozent der Flüchtlinge weltweit Frauen und Kinder. Flüchtlinge, die nach Europa (sehenswerter Film dazu | online-streaming: Nowhere in Europe von Kerstin Nickig) kommen, sind zu 75 Prozent Männer.

Die Aktion Boats4People macht auf das Schicksal der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam. Spenden werden u.a. dazu verwendet, dass auch (nord)afrikanische Aktivist_innen dabei sein können (Anm.: Die teilnehmenden Wiener_innen veranstalten übrigens morgen eine Soliparty – 21. Juni 2012, Campus AKH-Hof 2, 19 Uhr: Filmvorführung, ab 22 Uhr: Live-Konzert und Party – Event auf Facebook).

Tipp: Ein Online-„Spiel“ zum Perspektivenwechsel entwickelte die österreichische Künstlergruppe Goldextra mit Frontiers.

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