Revidierte Träume

T. wollte immer drei Kinder. Mindestens. Bis sie an meiner Mutterschaft teilhaben durfte. Jetzt besprechen wir die Vor- und Nachteile von und für Einzelkinder … Muss ich nun ein schlechtes Gewissen haben? Ich bin ja nicht die einzige Mutter in ihrem Umfeld. Bei weitem nicht. Scheinbar bin ich aber die einzige, die jammert. Nicht unbedingt in der bei Melancholie Modeste bemängelten Art (Hm … naja, die Anerkennungssache kommt mir bekannt vor …), aber doch hörbar. Meint T. Sie nennt es netterweise nicht „jammern“, sondern „offen und ehrlich reden“.

Und offen und ehrlich gibt es einfach viel zu sagen, finde ich.

(c) Elliott Erwitt

Bild via www.andrewward.com

Einen neuen Menschen in seinem Leben zu haben, der die gegenseitige Beziehung mit bedingungsloser Liebe und absolutem Vertrauen beginnt, dessen Weinen bis tief ins Herz schmerzt und dessen Lachen Glück in seiner ehrlichsten Form versprüht, ist etwas so Großes und Lebensveränderndes. So groß, dass es mich manchmal fast erdrückt, und so lebensverändernd ist, dass ich mein Leben manchmal fast nicht mehr wiedererkenne. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wer kann das schon sein?

Meine K. ist wunderbar. Ich habe noch nie so geliebt. Und trotzdem ist dieses überwältigende Gefühl nicht mein einziges.

Bild via www.brooklynstreetart.com

Ich bin auch verärgert. Über mein Dasein als öffentliche Person (Mutter), deren Handlungen von allen denkbaren und undenkbaren Stellen zumindest kommentiert werden. Und über die Rollenklischees, denen ich nun nicht mehr ausweichen kann, weil sie von vorne und hinten auf mich zurasen. Über die Ungerechtigkeiten, die nach wie vor zwischen Frauen und Männern bestehen und die besonders durch Elternschaft zum Vorschein kommen.

Ich bin auch gelangweilt. Wer 40 Stunden und mehr pro Woche arbeitet, lechzt vermutlich nach ein paar Stunden Tagesfreizeit im Park. Auf einer Decke. Mit einem Buch. Ja, das ist wunderbar. Wirklich. Aber irgendwann stellt sich ein Gefühl der Sättigung ein. Ich sehne mich nach den „Erwachsenengesprächen“ zwischen Tür und Angel im Büro. Auf Terminen. Bei Besprechungen. Und ich sehne mich nach den Autofahrten mit lauter Musik. Ich wünsche mir, tagsüber über eine deplacierte Bemerkung zu schmunzeln und mit meiner Ex-Chefin emotional und intensiv zu diskutieren. Ich würde wieder einmal gerne in einer der zahlreichen Mini-Mittagspause auf den Stufen sitzend ein Sandwich essen und dabei dem Kollegen von meiner neuen Musikentdeckung vorschwärmen.

Ich bin auch verunsichert. Darüber, wie ich nach der Karenz Wissenschaft und Job unter einen Hut bringen soll, wenn der schon von einem Kind fast ausgefüllt ist. Darüber, wie darunter auch noch Zeit für eine Beziehung und Freundschaften sein soll. Darüber, wie ich meinen Lebensstandard finanziell meistern soll. Darüber, ob ich meinem Kind alles geben kann, was es braucht.

Ich bin auch genervt. Von hysterischen Eltern in Arztpraxen. Von ungeduldigen Eltern in Straßenbahnen. Von übervorsorglichen Eltern in Spielgruppen. Von besserwisserischen Eltern im Bekanntenkreis. Von unachtsamen Eltern im Supermarkt. Von meiner eigenen Intoleranz.

Ich bin auch müde. Denn, nein, ich schlafe nicht, wenn das Baby tagsüber schläft. Dann schiebe ich es nämlich entweder im Kinderwagen spazieren oder ich mache mir etwas zu essen oder ich arbeite an meiner Diss (in dieser Reihenfolge).

Ich habe auch Angst. Davor, dass ich plötzlich nicht mehr aufstehen kann. Davor, dass ich von der Verantwortung erdrückt werde. Davor, dass ich ein Fenster offen lasse und das Kind rausfällt. Und davor, dass meine Fehler nicht mehr nur mich betreffen.

15 thoughts on “Revidierte Träume

  1. Lies das,… ! | BABYKRAM & KINDERKACKE

  2. oh ich kann das so gut verstehen – ob es auch ohne all diese Gedanken geht weiß ich nicht. Aber mit reichlich Abstand kann ich sagen, es hat sich sowas von gelohnt, diesen Tiefgang gibt’s nur da, leider nicht geschenkt – wie wohl immer im Leben. Meine Kinder waren und sind meine besten Lehrmeister. Es hat mir geholfen als ich begriff, dass ich zwar nicht alles gleichzeitig im Leben machen kann – aber hintereinander. Ich habe nach 17 Jahren Hausfrau und Mutter noch die tollsten Jobangebote bekommen und lustvollst durchgezogen. Ich drück die Daumen……

  3. Wirklich, Danke! Ich bewundere dann immer die Mütter, die kaum Luft holen und gleich weitermachen mit allem. Warum kann ich das nicht? Warum denk ich immer so oft – wenn ich Zeit zum Denken finde, vorausgesetzt – boah, wenn das vorbei ist, leb ich erst noch mal richtig.
    Ich will auch, dass meine Tochter Geschwister hat. Ich muss nur noch irgendjemanden finden, der das für mich erledigt …

  4. Du sprichst mir aus der Seele – ich kann alles unterschreiben, was du in diesem Artikel gesagt hast! Und auch ich mache mir zunehmend Gedanken, ob meine Tochter allen Plänen zum Trotz nicht vielleicht doch ein Einzelkind bleiben wird…

  5. ich muss die lobeshymne mitanstimmen. ein super Beitrag. Vor allem das Dasein als öffentliche Person finde ich grenzwertig, aber auch den Druck, dass alle Leute einem sagen, wie glücklich man doch sicher ist mit dem Kind. Klar, es ist ganz ausgezeichnet, dass der Löwe da ist und ich würde ihn niemals hergeben, aber man kann soviel falsch machen, hat so wenig Geld, noch ein paar eigene Vorhaben und schon lange keinen Sex mehr gehabt, und es wäre cool, wenn man Zeit hätte, sich auch mal um all die Sachen zu kümmern.
    Ich sitze seit knapp zwei Wochen wieder an der Diss weil Vortrag am Samstag und so von zu Hause aus mit Zeit selbst einteilen ist das durchaus eine Organisationsleistung. Und Spaß bringen sollte es ja eigentlich auch…
    liebe Grüße!

  6. Toll beschrieben… Mir ging es bei meiner ersten Tochter komplett genauso. Und dennoch: nein, gerade deshalb: ich habe jetzt drei Kinder. Und es wurde immer besser und einfacher. Jedenfalls insgesamt und generell😉. Das genauer zu erklären ist hier nicht der Platz. Ich bin wiss. MA, ich habe Platz für die Kinder, den Mann, meine Arbeit, meine Bücher und massenweise Glück. Vor allem, weil ich die Kinder nicht bespaßen muss. Sie tun es untereinander, perfekt, besser könnte ich es nicht. Und mir tun bei beobachteten Einzelkindern (gern: mit Eltern im Urlaub oder im Restaurant) immer am meisten die Eltern Leid, weil sie nicht aufhören, allein in der Verantwortung zu stehen. Geschwisterkinder sind das beste, was man einem Kind geben kann (und damit auch sich selbst)!! Was mich die Kinder übrigens am meisten gelehrt haben: mich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen und dennoch gut und effektiv auf meine Bedürfnisse zu achten. Das ist sehr entlastend…und freie Zeit ist wertvoll, kostbar und wird sinnvoll genutzt.

  7. Verärgert bin ich auch, totmüde -check, unsicher – check … nur gelangweilt bin ich nicht. Lebe auf der anderen Seite der Medaille, dort, wo man nach insgesamt 16 Wochen Mutterschutz wieder arbeiten muss. Kein Kinder-, Erziehungs- oder sonstiges Geld, keine Karenz. In einem Land, in dem mein Freund pro Kind genau auf 2 – in Worten ZWEI – Tage frei bekommen hat. Keine Väterkarenz, kein gar nix. Kein Recht auf Teilzeit oder auf einen Krippenplatz. Das einzige Recht das ich habe ist auf einen garantieren Nervenzusammenbruch – aufgerieben zwischen meinem Job an einer FH und meinem Privatleben. Meine Diss liegt in der Lade. Hat den Hobbystatus erreicht. Ein Buch habe ich seit den Weihnachtsferien nicht mehr gelesen. Freunde treffen, Babygymnastik, Mutter-Kind-Turnen, Frisörbesuche, AUSSCHLAFEN!!! – geht nicht, weil wir – auch mein Freund sitzt nicht faul zu Hause rum – immer arbeiten oder uns in der spärlichen Freizeit um die Kinder kümmern, kochen, waschen, putzen, das Haus irgendwie in Ordnung zu halten versuchen. Dass ich von den Hausfrau-Müttern (ich nenne sie Schulhofmafia) schief angeschaut werde, weil ich keinen Kuchen für’s Schulfest backe, es nur zur Kenntnis nehme, wenn mein Sohn ohne Socken und ungekämmt mit mir eine Minute bevor die Schulglocke läutet durch die Schultür sprintet und viele andere Mamatodsünden begehe, das ist mir schon lange egal. Ich tu was ich kann. Ungefähr im Schwiergkeitsgrad von Jonglieren mit 10 Bällen 24/7. Gelegentlich fallen eben ein paar Bälle auf den Boden. Meine Kinder sind glücklich und zufrieden – und wenn die „Tropenjahre“ (so nennt man hier die Zeit, bis die Kinder alle in die Schule gehen) vorbei sind, wird’s angeblich leichter.
    Gruß aus NL!

  8. In der Tat ist es unglaublich nervig, dass jeder, wirklich jeder, glaubt, einem in die Erziehung seines Kindes reinreden zu dürfen. Was man alles mache sollte. Was auf keinen Fall. Anstrengend ist auch der allgemeine Konsens, dass eine Mutter sich aufzuopfern habe, und zwar völlig egal, ob Aufwand und Ertrag in einem irgendwie angemessenen Verhältnis stehen.

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