Wann hast du dich verloren?

>Mein Kind<, fragt die alte Frau, >mein Kind, wann hast du dich verloren?<

Dabei rührt sie mit einem Silberlöffel in ihrem schwarzen Kaffee, in dem es nichts zu verrühren gibt. Ich starre in die Tasse. Die alte Frau, die meine Urgroßmutter ist, ebenfalls. Sie ist so alt, dass ich Angst habe, die Haut ihrer faltigen Hände könnte sich jeden Augenblick pulverisieren. Genau so, wie ich mir das bei vergilbten Dokumenten längst vergangener Jahrhunderte vorstelle, die man deshalb besser wohl temperiert in Glaskuben aufbewahrt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die alte Frau außer an ihren Händen nirgends sonst berührt. Wir begrüßen uns stets, seit ich denken kann, sehr formell. Mit Händedruck. Darauf legt sie Wert. Sie ist eigentlich meine Stief-Urgroßmutter. Mein Urgroßvater, der in meiner Erinnerung nicht mehr ist als eine Schwarz-Weiß-Fotografie, hat sie nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet. Sie war siebzehn. Siebzehn. Mit Ausrufezeichen. Mit siebzehn habe ich Lateinvokabeln gelernt und bin im Sommer mit viel zu schwerem Gepäck am Rücken durch staubige Städte gelaufen. Mit siebzehn ist sie zu seiner Frau geworden und ist mit ihrer Schwester Ruth auf seinen Hof gezogen. Ruth, die alte Jungfer. Sie hat als böse gegolten. Auf einem Foto posiert sie neben einer Reihe blühender Sonnenblumen. Dahinter die niedrige Holztüre auf der Rückseite des Hauses. Sie schaut darauf schön aus. Traurig. Aber nicht böse. Meine Oma hat von ihr nur Schlechtes erzählt. Sie hat die Kinder mit einem Holzlöffel geschlagen und mit ihrem Gezeter meinen Urgroßvater zum Schweigen gebracht. Er hat aber auch zuvor nie viel geredet. Ruth ist vor zwanzig Jahren gestorben. Auf ihrem Begräbnis habe ich Hans getroffen. Sein dunkelblauer Anzug hat ihn aufrecht gehalten. Als er zum Grab getreten ist und eine Rose in das Loch zu Ruth geworfen hat, ist neben mir ein Gezische und Geflüster losgegangen. Ich habe das traurig gefunden und dabei an das Bild mit der jungen Ruth neben den Sonnenblumen gedacht. Dann habe ich geweint, obwohl ich Ruth eigentlich nicht gekannt habe. Und meine Mutter hat meine Hand fest gedrückt und mich irritiert angeschaut, bevor sie mich an den Rand der Umstehenden gezogen hat. Zu meiner Mutter war Ruth immer freundlich. Im Alter sei sie sanft geworden. Vielleicht hat sie auch nur aufgehört zu hadern. Mit sich und den anderen. Trotzdem hat meine Mutter auf ihrem Begräbnis nicht geweint. Sie hat überhaupt nur einmal geweint. Nach einem Telefonat. Als ihre Schwester Sieglinde sich von ihr verabschiedet hat. Sie hat den Kontakt zur Familie abgebrochen und hat sich einem Guru in Indien angeschlossen. Sagt meine Mutter. Neben meiner Oma dürfen wir seitdem nicht mehr von Sieglinde reden. Sieglinde hat schöne lange schwarze Haare. Sie hat mir manchmal Gänseblümchen in meine Zöpfe geflochten. Manchmal vermisse ich sie. Und dann vermisse ich auch Ruth. Dann fühle ich mich verloren.

>Was hast du mich gefragt?<

Apropos „verlieren“: In den Fotografien von Francesca Woodman könnte ich mich wieder und wieder verlieren.

Written opinions abound, both for and against the feminist reading, the Lacanian interpretations, the categorisation of the atmospheres created by Woodman with the ,American Gothic‘ label, the temptation to read her work as autobiographical, her relationship with Surrealism, Woodman as a narcissist, or as the opposite of narcissism, or her challenging the idea of the photographic image as a certainty.

Isabel Tejeda: Portrait of the artist as an adolescent. Francesca Woodman, strategies of the imperceptible. (zit. n. Wikipedia)

Mehr von Francesca Woodman: hier zum Anschauen, hier zum Nachlesen und viel zu weit weg hier im Museum.

Bilder (c) Woodman via www.berk-edu.comguggenheim.org und LastDollStanding

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