Und täglich grüßt der Männerhasserinnen-Vorwurf – und was Effi Briest und DSK damit zu tun haben

Gestern war Filmabend. Schon lange nicht mehr hat mich ein Film derart bewegt, wie Feo Aladags Die Fremde mit Sibel Kekilli in der Hauptrolle. Die Handlung spannt sich zwischen der Flucht der in Deutschland aufgewachsenen Umay vor ihrem gewalttätigen Ehemann in der Türkei und dem daraufhin geplanten Ehrenmord durch ihren Vater und ihre Brüder in Berlin. Aladag nähert sich dem wuchtigen Thema im Privaten an und zeichnet das Bild einer in gesellschaftlichen Zwängen gefangenen Familie. Diese Darstellung deutet so mancher Rezensent als Viktimisierung der Täter. Christian Buß schreibt im Spiegel etwa: „(…) selbst der ältere, fanatisierte Bruder wirkt am Ende am nur noch wie ein Vollstrecker mikro-gesellschaftlicher Zwänge“ und sieht sich durch „Die Fremde“ an klassische Frauendramen erinnert.

Bild: Screenshot (c) Independent Artists Filmproduktion

Einmal mehr muss Theodor Fontanes Effi Briest herhalten, wenn es um die Schuldfrage und gesellschaftliche Zwänge geht. Buß stellt auch die Frage, die nach der Uraufführung des Films auf der Berlinale 2010, kontrovers diskutiert wurde: „(…) darf man das archaische Verbrechen des Ehrenmords wie einen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte erzählen?“
Was für eine Frage! Natürlich. Wer diese Frage jedoch stellt, hat Effi Briest oder Sibel Kekillis Umay missverstanden. Die Geschichten der Frauen werben doch nicht für Verständnis für die Täter. Im Gegenteil – sie zeigen die Doppelmoral dieser auf, die ihr Handeln als gesellschaftlich unausweichlich rechtfertigen und doch das Messer selbst führen oder die Ächtung bis in die kleinste Zusammenkunft zelebrieren. Dass es auch die Täter nicht leicht haben, ändert an ihrer Täterschaft nichts.

Bild: Screenshot (c) Independent Artists Filmproduktion

Auch Amnesty International betont den Druck einer Gemeinschaft, der auf diesen lastet: „Vielfach ist der Druck der Gemeinschaft, des Dorfes oder des Clans auf die Familie so groß, dass sich die Angehörigen gezwungen sehen, die ‚Ehre wiederherzustellen‘, um nicht aus der Gemeinschaft ausgegrenzt zu werden. Häufig glauben die Familien, keine gesellschaftlich anerkannte Alternative zu haben, als zur ‚Selbstjustiz‘ zu greifen und die Schande durch die Ermordung der Frau zu tilgen.“ Die Menschenrechts-NGO definiert Täter und Opfer jedoch vollkommen klar und verweist zudem auf die Verantwortung der Politik: „Durch die Gleichgültigkeit vieler Staaten gegenüber den Ehrenmorden, die in ihren Ländern ausgeübt werden, unterstützen sie die Unterdrückung der Frauen und treiben diese in die Isolation.“

Männer unter Generalverdacht?
Die letzte international ausgiebig diskutiert und medial ausgeschlachtete Schuldfrage betraf die Affäre Dominique Strauss-Kahn. Interessanterweise wurde auch hier Effi Briest bemüht – und zwar von niemand Geringerem als Josef Joffe (Mitherausgeber der Zeit). Er schafft es in diesem Artikel gar von einer „historischen Kulturwende“ in Sachen Opfer-Täter zu sprechen. Denn: “ Der Generalverdacht traf früher die Frauen, jetzt die Männer.“ Jawohl, richtig gelesen: „Was hat Dominique Strauss-Kahn gemeinsam mit Effi Briest, Madame Bovary und Anna Karenina? Die schlichte Antwort: den sündigen Sex. Die interessantere Antwort hat mit der Schuldfrage zu tun. Seit Evas Zeiten hatte immer das Weib die Schuld, und so auch in diesen drei Klassikern des 19. Jahrhunderts. Doch nun dramatisiert der Fall DSK eine historische Kulturwende.“

Bild: Screenshot (c) Independent Artists Filmproduktion

Was war da noch einmal gleich mit den „Frühfeministinnen“?

Diese Ansage – auch in ihrer Wortwahl – lässt einen, also in dem Fall „mich“, erst einmal schlucken. Ist es nicht vielmehr so, dass die Unschuldsvermutung in derart gelagerten Fällen (DSK, Kachelmann) in der medialen Aufbereitung selten den Opfern, als vielmehr den (angeklagten) Männern gilt? Aber nein, findet Joffe. Es sei nämlich so, dass zwar früher „die Bürde der Wohlanständigkeit (..) auf den Schultern der Frauen“ lag. „Die Männer, eher die Verführten als die Verführer, leisteten allenfalls Beihilfe. Die gerechte Strafe ist Selbsttod oder Bannfluch. Wie nun der Fall DSK zeigt, hat sich die Schuldzuweisung um 180 Grad gedreht. Für Frühfeministinnen waren Väter sowieso Täter. In der Affäre DSK kriegte der Mann alsgleich das ‚A‘ auf die Stirn gebrannt. Um die Welt ging das Bild des elendigen Schurken, dem die Schuld aus jeder Pore quoll. Es fehlte nur noch der Strick, der einst dem Delinquenten um den Hals gelegt wurde, bevor sie ihn zum Galgen schleppten. Alles klar.“

Bild: Screenshot (c) Independent Artists Filmproduktion

Und plötzlich wird die Opfer-Täter-Frage wieder zu einer Anti-Feminismus-Debatte. Wie praktisch. Wer sich für die Opfer stark macht, ist gegen die Täter. Ja. Das heißt doch aber nicht, dass man die Augen vor den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verschließt, in der eine Tat stattfindet. Sind die Täter Männer, heißt es auch nicht, dass die die für die Opfer sind, gegen Männer sind. Die „Bürde der Wohlanständigkeit“, wie Josef Joffe schreibt, lag früher möglicherweise bei den Frauen. Im Film „Die Fremde“ und in streng patriarchalischen Gesellschaften tut sie das noch immer. Davon, dass Männer heute in westlichen Gesellschaften generell unter Tatverdacht stehen, sind wir meilenweit entfernt. Und das ist auch gut so. Herr Joffe kann offensichtlich nicht akzeptieren, dass zumindest die Zeiten vorbei sind, in denen Vorwürfen gegen „ehrenwerte“ Männer (siehe auch Berlusconi) völlig unter den Teppich gekehrt werden. Aber nur weil Frauen mittlerweile zumindest gehört werden, heißt das noch lange nicht, dass Männer heute unter Generalverdacht stehen. Und leider auch nicht, dass den Opfern automatisch Gerechtigkeit widerfährt.
Ach ja .. so viel zu dem Herren DSK: ihm droht noch im März ein Verfahren wegen Zuhälterei.

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