Die drei Worte 4/4

Er grübelt, während er den Umschlag in die Schublade zu den anderen stopft. Wer ist der Absender? Er lehnt sich zum Fenster und beobachtet die Menschen, die vorbeitreiben. Sein Blick bleibt am Kiosk hängen. Wieder Linda. Aber sie hätte keinen Grund, ihm zu schmeicheln. Sie hat ihm unlängst recht klar gemacht, was sie von ihm hält. Er verzieht den Mund. Aber er hat gespürt, was sie für ihn empfindet. Er glaubt, es selbst jetzt zu spüren. Linda, wäre zu so etwas nicht fähig. Zu so etwas Feinem, Vorsichtigem, ja, fast Zärtlichem. Linda ist die Frau vom Kiosk. Linda ist selbst in ihrem Schweigen laut. Und Linda ist vulgär. Diese Gedanken besänftigten ihn im Gegenzug wieder mit dem Absender der Briefe. Du bist wunderbar auf Violett ist ein Fauxpas, aber er würde liebevoll darüber hinwegsehen.

Es ist Vernissage. Drüben im Hipbezirk. Ein Freund von Esther. Er geht einen Umweg über das Büro. Unterlagen abholen. Als er durch die schwere Metalltür auf die Straße zurückkommt, tritt er beinahe darauf. Golden drängt sich der Schriftzug aus dem Schwarz irgendeiner Suhrkamp-Sonderedition unter die Augen der Vorbeiziehenden. Narziß und Goldmund. Wer liest heute noch Hermann Hesse? Wer liest überhaupt noch Bücher? Er widersteht dem Drang, auf das Buch zu steigen und kickt es nur ein Stück zur Seite. Fast mitleidig hält er kurz inne, bevor das Schaufenster gegenüber nach seiner Aufmerksamkeit ruft. Mit gekonnten Handbewegungen fährt er sich durchs Haar und zupft den Hemdkragen zurecht. Ein Blick auf die Uhr. Ein bisschen spät ist gut, aber zu spät auch nicht. Er gibt sich einen Ruck und steuert zur Galerie. Durch die große Glasfront zur Straße hin macht er Esther ausfindig.

Sie steht in der Mitte des Raumes. In einem dunkelblauen Kleid. Nichts Auffälliges. Umso verwunderter stellt er fest, wie anziehend er sie heute findet. Vielleicht liegt es an ihren Gesprächspartnern. Ein Mann und eine Frau. Beide gut gekleidet. Etwas älter als Esther. Sie amüsieren sich gemeinsam. Lachen. Die Frau tätschelt immer wieder Esthers Arm. Groll steigt in ihm auf. Zielstrebig stellt er sich zu der Gruppe. Zieht Esther weg. Küsst sie auf die Lippen. Lässt sich von ihr die Bilder zeigen. Was sagst du? Er dreht den Kopf. Erstaunt. Der Künstler zwinkert ihm zu. Zwinkert ihm zu? Was ist das denn. Er nickt gönnerhaft. Ja, wunderbar. Die Bilder sind wunderbar. Du bist wunderbar. Die Worte treffen Esthers Freund dort, wo sie sollen. Geschmeichelt beginnt er über die Bilder zu reden. Esther zeigt auf ihr leeres Glas und entzieht sich der Konversation. Esther ist wunderbar, nicht wahr. Wunderbar. Er kann das Wort nicht überstrapazieren. Wartet er doch bereits wieder ungeduldig auf Nachschub. Die letzte Karte liegt bereits drei Tage zurück. Das verstimmt zunehmend. Ja, wunderbar. Der Künstler pflichtet ihm bei. Er betont dabei die letzte Silbe. Wieder dieses Zwinkern. Eine Mutter, die ich nie hatte. Er schluckt ob der Merkwürdigkeit dieser Aussage. Ein Vorbild in ihrer Reinheit. Ungeduldig nickt er jetzt. Ihm wird schlecht. Was denkt dieser Hampelmann sich eigentlich dabei? Mutter. Vorbild. Reinheit. Reicht eine Zuschreibung nicht aus. Ein Armutszeugnis. Er führt sich seine mit Karten überquellende Lade vor Augen. Du. bist. wunderbar. Für ihn genügen diese drei Worte. Es braucht nicht mehr, sie treffen seine Einzigartigkeit. Seine Vielfältigkeit.

Er setzt ein gewinnendes Lächeln auf. Esther lässt sich wieder zu ihm treiben. Erst jetzt fällt ihm auf. Sie kennt hier viele. Dort ein Nicken. Da ein Grußwort. Es dauert, bis sie mit ihrem neu gefüllten Glas zurück ist. Lass uns gehen. Ein Hauchen in ihr Ohr. Sie genießt die flüchtige Berührung seiner Lippen. Er hat sie wieder ganz bei sich. Seine Esther. Esther, die Schöne. Esther, die Langweilige. Esther, die Wartende. Schon? Seit wann sie plötzlich auf Künstlerisch-Intellektuell mache. Touché. Unsicherheit. Esther schiebt beleidigt ihr Kinn vor. Trink dein Glas noch aus. Trink nur. Er streicht über ihren Rücken. Ihre Laune ist dahin. Das Lächeln eine tapfere Fassade. Sie geht sich verabschieden. Brav. Noch ein Wort für sie. Er denkt es versöhnlich. Lässt Small-Talk und Bilder zurück. Drückt sich in den Waschraum. Die Tür zur Toilette steht offen. Er ist allein. Betrachtet sich im Spiegel. Nicht als Ganzes. Jeden Teil extra. Kantig. Schön. Müde. Seine Unterlagen fallen ihm ein. Wenn er sie jetzt schnell einkuvertiert… Der Umschlag hätte schon heute Früh zur Post sollen. Es fehlten nur noch ein paar Worte. Er ist nachlässig. Der Umweg sollte sich auch lohnen. Die Ablage neben der Marmorwaschschüssel ist trocken. Gut. Hastig lässt er seine Finger über die Papiere gleiten. Findet, was er sucht. Er nimmt seine Ledertasche als Unterlage, lässt den Kugelschreiber über den hellgelben Zettel gleiten. Zärtlich. Du. Gewissenhaft. Bist. Zielstrebig. Wunderbar. Ins Kuvert. Adresse darauf. Schon streift er Esther durchs Haar. Sie wendet sich zu ihm, nickt. Von mir aus. Sie winken dem Künstler zu. Flüchten sich in die Nachtluft hinaus. Warte kurz. Ich werfe das noch ein. Mit einem Satz ist er auf der anderen Straßenseite. Er greift nach dem Umschlag in der Tasche. Lässt ihn durch den Schlitz fallen. Hinein in das Finster. Gehen wir.

(end)

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