Die drei Worte 3/4

Er zittert fast als er die Karte herausnimmt. Blau ist die Farbe. Die Schriftzeichen kann er vor Aufregung in den ersten Sekunden nicht lesen. Kneift die Augen zusammen. Du bist wunderbar. Du bist wunderbar? Wieder der gleiche Satz? Er ist enttäuscht. Ist er nur wunderbar? Dutzende Attribute schießen ihm durch den Kopf. Nur wunderbar? Das ist verrückt. Er steckt die Karte zurück ins Kuvert und legt es zu der ersten Botschaft in die Lade. Schlägt mit der offenen Handfläche auf den Tisch. Er ist so Vieles. Wer spielt mit ihm? Ist es ein Freund, ein Feind? Eine Freundin? Feindin? Eine Zigarette. Rauchen. Beruhigen. Wütende Rauchgebilde treiben auf die Straße hinaus. Verächtlich zischt seine Camel bei jedem Zug.

Du bist wunderbar. Es ist seine Stimme, die diese Worte Esther ins Ohr haucht. Esther wirft den Kopf zurück. Du Charmeur. Sie lacht. Sie kann und kann ein Kompliment nicht annehmen. Er ärgert sich, die Worte an sie verschwendet zu haben. Du bist wunderbar, er wiederholt sie trotzdem. Esther prostet ihm zu. Du auch. Ich weiß. Sein Blick streift durch den Raum. Lass uns tanzen. Er hat keine Lust mehr zu reden. – Am Morgen will sie weiterreden. Hast du das ernst gemeint? Er dreht sich weg. Ja. Er nickt. Wieder einschlafen. Er versucht wieder in den tranceähnlichen Zustand zwischen Schlafen und Wachen zu gelangen. Aber Esthers Stimme lässt es nicht zu. Er springt auf. Wo sind die guten Tage geblieben? Er geht aufs Klo, ohne die Augen richtig zu öffnen. Dann in die Küche. Nur nicht zurück zu den Fragen, den Worten. Im Radio spaßen zwei Moderatoren. Die Stimme der Frau ist ihm unerträglich. Er hat sie schon einmal auf einer Party gesehen. Sie schaut viel hübscher aus, als sie klingt. Findet er. Und sie wirkt arrogant. Das hat ihm gefallen. Er hat eigentlich mit ihr ins Gespräch kommen wollen, aber dann war der Abend plötzlich vorbei. Geblieben ist ein flüchtiger Blickkontakt. Ein Augenzwinkern. Er dreht das Radio ab.

Nachdem er den dritten Umschlag bekommen hat, beginnt er auf die Botschaften zu warten. Sie treffen unregelmäßig und sporadisch ein. Manchmal liegen zwischen dem einen und dem nächsten Du-bist-wunderbar nur vierundzwanzig Stunden, manchmal fast eine Woche. Die Lade, in denen er sie verstaut, wird immer voller. Einmal war Esther bei ihm, als er mit der Post hochkam. Was ist denn das? Sie hat den Umschlag an sich genommen. Was für ein bescheuertes Spiel. Auf und ab hat sie mit dem Brief vor ihm gewedelt. Hol‘ ihn dir, wenn du magst. Sag‘ schon, was ist das? Nichts. Esther riss die Karte, wieder einmal eine blaue, aus dem Kuvert. Du. bist. wunderbar. Aha? Es machte ihn wütend, wie achtlos sie ihm, die Worte entgegen schleuderte. Grob entriss er ihr die Karte. Er wollte ihr wehtun, aber die Situation hatte ihn sprachlos gemacht. Er rang sich ein Lächeln ab. Ich habe eine Stalkerin, wie du nun weißt. Esther kicherte.

Eigenartig. Je mehr Briefe er bekommt, desto weniger fragt er sich nach dem Absender. Du bist wunderbar. Diese drei Worte begleiten ihn wie ein Lieblingsduft oder Ohrwurm durch seine Stunden und Tage. Wer sie ihm schenkt, ist fast zur Nebensache geworden. Die bunten Karten sind Streicheleinheiten. Die nötige Portion Selbstbewusstsein, die er jetzt braucht, um sich vorwärts zu bewegen. Wenn mehrere Tage hinereinander kein Kuvert im Postkasten liegt, beginnt er ruppig zu werden. Und gemein. Dreimal hat er an solchen Tagen nicht Esthers Mund, sondern den einer anderen geküsst. Nicht, dass sie sich gegenseitig irgendein Versprechen gegeben hätten. Er weiß jedoch, wie Esther das sieht. Trotzdem hat er ihr davon erzählt. Später hat sie in seinem Badezimmer geweint. Wie unpassend. Er streicht ihr verzeihend durch das schöne Haar. Gehen wir schlafen, gut?

Dieses Mal ist die Karte violett. Er hasst diese Farbe. Welcher Mensch mit welchen geschmacklosen Vorlieben hat dieses Violett ausgesucht? Er fühlt sich beschmutzt.

(to be continued)

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