Die drei Worte 2/4

Er hat keine Zeit für seine Post. Hose, Hemd, ein bisschen Gel. Er macht sich bereit für den Tag. Mittags muss er im Büro sein. Ein wichtiges Kundengespräch. Beim Hinausgehen wieder der Blick in den Spiegel. Er grinst. Ein guter Tag, denkt er. Rein ins Auto und in die Innenstadt. Der Verkehr nervt ihn. Vielleicht hätte er doch ein wenig früher losfahren sollen. Andererseits, wenn schon samstags arbeiten, dann zumindest gemütlich. Er denkt an den letzten Samstag. Das war auch ein guter Tag. Er blickt in den Rückspiegel, fährt sich durchs Haar. Er hat Linda, die Frau vom Kiosk, in einer Bar getroffen. Sie haben kurz geplaudert. Ihre Knie waren weich. Sowas merkt er sofort. Er hat gezahlt. Wie immer. Dann haben sie getanzt. Er hat ihr an den Arsch gefasst. Sie hat sich über ihre eigene Courage erschreckt, es geschehen zu lassen. Dann musste sie aber plötzlich heim. Er versteht das, man sollte sich nicht zu freizügig geben. Beim ersten Date. Bis bald, meinte sie. Er hat sich betont zurückhaltend gegeben. Kühl, aber fordernd. See you. Und dann ist er noch vor ihr gegangen. In sein Stammlokal. Die anderen waren schon da. Vom Bier getränkte Gespräche erfüllten den Raum. Er ließ sich dazu fallen.

Endlich im Büro. Es ist heiß, seine Chefin redet auf ihn ein. Er macht das schon. Was versteht die Alte noch davon. Die ist doch schon längst weg vom Fenster. Nur sagt es ihr keiner. Er breitet seine Präsentationsunterlagen aus. Sehr schön, ja, das wird was. Er nickt seinen eigenen Unterlagen zu. Ein guter Tag, ein guter Tag, hämmert es in seinem Kopf. Dann, ab ins Wochenende. Er ist zufrieden mit sich. Öffnet die oberen beiden Hemdknöpfe. Esther wartet bestimmt schon. Er hat gesagt, er würde sich am Nachmittag bei ihr melden. Die Gute. Sie wartet immer noch auf ihn. Auch wenn sie weiß, dass es immer sie sein wird, die wartet. Es scheint ihr nichts auszumachen. Er mag Esther. Auch wenn sie ein wenig langweilig ist. Manchmal sind es aber gerade die Langweiligen, die aufregend sind. Die nichts zu berichten haben, außer von ihren Gedanken. Ja, er mag Esthers Gedanken. Aber es missfällt ihm, sie wartend zu wissen. Das ist zu anstregend. Er ruft sie an. Ja, ein schneller Kaffee geht sich aus. Das Treffen ist wie gewohnt langweilig, aber Esther ist sehr schön. Während sie redet, beobachtet er ihr Gesicht im Detail. Die blonden Strähnen, die in ihre Stirn hängen. Die Sommersprossen, die gerade Nase und ihre Lippen. Ich bin dann weg. Heute Abend? Nein, ich weiß noch nicht. Mal sehen. Vielleicht trifft man sich. Er drückt ihren Arm. Jetzt heim unter die Dusche.

In der Küche fällt sein erster Blick schließlich auf den Brief. Ein Brief, der ungewöhnlich alt aussieht. Der Umschlag wirkt fast vergilbt, obwohl er eindeutig neu ist. Die Marke ist ihm unbekannt. Aufgegeben in der Stadt. Kein Absender. Sein Name in Blockbuchstaben schön säuberlich am rechten Rand gezeichnet. Der Brief macht ihn zum ersten Mal seit langem stutzig. Er öffnet das Fenster, lehnt sich ein wenig hinaus. Dann reißt er das Kuvert auf. Drinnen steckt eine kleine orange Karte. Die gleiche Handschrift wie am Umschlag.

Du bist wunderbar. Steht da geschrieben. Eine altmodische Liebeserklärung? Er überlegt kurz, zu wem dieser Satz passen könnte. Ohne Erfolg. Er wirft das Kuvert weg. Die Karte legt er in eine Schublade. Du bist wunderbar. Er grinst. In der Tat. Das ist ein guter Tag.

Ein paar Tage hat ihn die Botschaft noch für jeweils ein paar Minuten beschäftigt. Dann hat er den Brief vergessen. Erzählt hat er niemanden davon. Warum auch. Du bist wunderbar. Darüber musste er lächeln. Die Worte klingen sehr sanft. Ein wenig fordern. Aber sie streicheln seine Gedanken. Irgendwann hat er den Brief dann vergessen. Er ist sehr beschäftigt gewesen. Ein Projekt löst das andere ab. Er ist sehr beschäftigt. Aber es gefällt ihm. Er gefällt sich in dieser Rolle. Die Frau vom Kiosk beeindruckt das auch. Er kauft sich seine Zigaretten jetzt immer bei ihr. Sie sagt nicht viel, Manchmal kommt ein netter Scherz über die Lippen. Dann nur wieder die Finger zur Nase, gesenkter Blick. Er lächelt sie viel an. Einmal noch hat er sie berührt. Er hat ihr Kinn gehalten, um ihre Augen zu fangen. Es hat ihr gefallen, aber sie hat sich dennoch abgewendet. Sie hat vermutlich einen festen Freund, hat er gedacht. Dann benehmen sich die Frauen so. Kokett, auffordern und abweisend zugleich. Er bringt sie gern aus der Ruhe. Das ist ein Spiel. Ansonsten das Übliche.

Er telefoniert gerade mit Esther, als ihm der zweite Umschlag ohne Absender aus dem Postkasten durch die Hände rutscht. Im Wortsinn. Er fällt zu Boden. Beinahe hat er ihn übersehen. Esther lenkt ihn ab. Nein, ich kann jetzt nicht weiterreden. Wir sehen uns. Er schüttelt sie ab. Telefon in die Tasche. Draußen kläffen sich zwei Hunde an. Der eine besonders penetrant. Er schüttelt das Geräusch ab. Verdammte Köter. Er bückt sich um den Umschlag, der in seiner vergilbten Ausstrahlung auf den Bodenfliesen liegt wie hingemalt. Er betrachtet ihn genauer, noch während er vor seinen Füßen liegt. Wieder diese Blockbuchstaben. Feinsäuberlich rechtsbündig platziert. Bevor er die Treppen hochsteigt, steckt er den Brief in seine Hemdtasche. Er will sichergehen, ihn nicht noch einmal fallen zu lassen. Du bist wunderbar. Du bist wunderbar. Er kann seine Gedanken nun nicht befreien. Wie ein Kinderreim wiederholen sich die Worte selbstständig in seinem Kopf. Du bist wunderbar. Schnell, er reißt den Brief auf. Er braucht einen neuen Satz.

(to be continued)

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