Die drei Worte 1/4

Wenn er sich anstrengt, dann kann er den Tag des ersten Briefes fast nachzeichnen. Wie er den Umschlag mit den Werbeprospekten achtlos auf den Küchentisch geknallt hat. Sich dann die Zähne schlampig über der Spüle in der Küche geputzt hat. Er kann sich auch noch an den Fleck Zahnpasta erinnern, über den er sich ärgern musste. Es war kein guter Tag. Das hatte er beim Aufstehen gedacht. Und dann über sich selbst laut gelacht. Dafür wird er immer wieder genervt angeschaut. Dafür, laut aufzulachen. Über Dinge, die sich in seinem Kopf abspielen. Dinge, die meistens dann auch nur ihn betreffen. Erklären tut er nicht viel. Er ist es längst leid, sich zu erklären. Dieses Lachen hat er dann mit an den Tisch genommen. Es ist vielleicht doch ein guter Tag, hat er sich gedacht.

Der Radiomoderator bestätigt ihn. Er trinkt ein Glas Milch, isst dazu eine Scheibe Toast. Ja, es ist vielleicht doch ein guter Tag. Ein guter Tag, ein guter Tag, ein guter Tag. Der Rhythmus der Worte trägt ihn zur Tür. Bevor er sie öffnet, ein prüfender Blick in den Spiegel. Er mag meistens, was er sieht. Auch heute. Er fährt mit der Hand über den Kopf. Und nickt sich bestätigend zu. Ein guter Tag, ein guter Tag. Im Stiegenhaus trifft er die Nachbarin von gegenüber. Sie quält sich in den dritten Stock herauf. Sein Blick streift ihre Hüften. Die Fettpölster darauf. Abstoßend findet er das. Schönen guten Morgen, grüßt er. Gut schauen sie heute aus. Die Nachbarin grinst ihn mit ihrem schiefen Mund an. Das Kompliment tut seine Wirkung. Er muss lachen. Die breiten Hüften schieben sich an ihm vorbei. Angewidert wendet er den Blick ab, geht beschwingt ins Erdgeschoss. Die Post vom Vortag steckt noch im Briefkasten. Er nimmt den Packen und tritt einen Schritt vor die Tür. Raucht und betrachtet die vorbeifahrenden Autos. Die Luft riecht bereits nach Sommer, aber er merkt es nicht. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt der Frau im Kiosk. Sie hat ihn bereits bemerkt, auch wenn sich ihre Blicke noch nicht getroffen haben. Er merkt es an der Art, wie sie sich ständig an der Nase kratzt. Es ist nur eine leichte, vielleicht eine Sekunde dauernde Bewegung. Aber sie ist da. Immer wieder. Er registriert ihre Nervosität. Das gefällt ihm. Sie bedient Kunden, reicht Zigaretten und Zeitungen über die Theke und ist in Gedanken bei ihm. Stellt sich vermutlich vor, wie sie auf ihn wirkt. Er überlegt, ob er zu ihr rüber gehen soll. Als er merkt, wie ihr Kopf sich in seine Richtung bewegt, fixiert er sie. Sein Blick soll vor dem ihren da sein. Und dann. Dann treffen sich ihre Blicke. Sie lächelt, fährt sich wieder an den Nasenrücken, nickt ihm zu. Er macht nichts. Schaut sie nur eindringlich an. Irritiert wendet sie sich ab. Er wirft die Kippe seiner Zigarette in den Rinnstein. Es zischt, als sie in die kleine Wasserlache fällt. Er ist schon wieder auf dem Weg nach oben.

Der Brief liegt mehrere Stunden unbeachtet am Küchentisch.

to be continued

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