Als ich nach Melancholie suchte 4/4

(…)

Schön, dass du da bist. Ich habe schon zu lange auf dich gewartet. Ich zuckte zusammen. Wieso klang offensichtliches Unwissen so weise? Was für eine dumme Idee von mir. Ich setzte mich trotzdem. Die Patientin krampfte ihre Finger fester um den Griff ihres grünen Gehstockes. Seltsam. Ich wunderte mich. Ich konnte mich nicht erinnern, in letzter Zeit eine Frau mit Gehstock gesehen zu haben. Als würde ich etwas erzählen, nickte sie mit ihrem Kopf immer wieder, während sie ihre Augen auf meine Knie fixiert hatte.

Unsere Ellenbogen berührten sich, während wir nebeneinander auf der Bank saßen. Den Blick geradeaus gerichtet. Schweigend. Ich roch einen Herbst, der das Feld nicht kampflos dem Winter überlassen wollte, und das Alter der Frau neben mir. Ich schluckte. Mein Mund war ausgetrocknet. Ich wollte mir erst eine Zigarette anzünden, konnte aber die Bewegungslosigkeit nicht unterbrechen. Bewegungslosigkeit. Seit Wochen zum ersten Mal fühlte ich wie sich eine Ruhe in mir breit machte. Dieses mich quälende Bedürfnis danach, etwas zu spüren, schien weitergezogen zu sein. Ich stellte mir das Gehirn der Frau neben mir wie einen leeren Ballsaal vor. Die großen Luster waren bereits finster, nur zwei, drei Wandleuchten spendeten etwas Licht. Auf den Tischen drängten sich geleerte Gläser, Tischkärtchen und Programmhefte. Auf der Tanzfläche Konfetti. Wenn man ganz genau hinhörte, die Augen zusammenkniff und tief einatmete, gelang es für einen Moment in das vergangene Fest einzutauchen. Außer mir, so dachte ich traurig, bemühte sich allerdings keiner darum. Die Gesellschaft war weitergezogen und bereitete das nächste Fest vor. Schön, dass du da bist. Die Frau atmete flach und gleichmäßig. Ich konnte sie neben mir sitzen sehen, auch wenn ich den Blick nicht herumschweifen ließ. Ob sie wollte, dass sich jemand an das Leben erinnerte, das ihr abhanden gekommen war? Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich das wollen würde. Ob es für sie nicht besser war, wenn man die leere Hülle nicht zwanghaft mit Vergangenem befüllen wollte. Ich schloss die Augen und spürte, wie sich meine Kehle zusammenkrampfte. War ich hier, um Abbitte zu leisten? Wollte ich mir Erlösung von einer Fremden erschleichen? War das eigene Glück aufgeben nicht genug Buße. Panik machte sich in mir breit. Wo war der Riegel, der diese Gedanken stets bewacht hatte. Ich schnappte nach Luft. Konzentrierte mich wieder auf den Druck, den der Ellenbogen der Frau gegen den meinen ausübte. Konzentrierte mich auf ihren Atem und auf das Bild vom leeren Ballsaal in ihrem Kopf. Es war nicht von Bedeutung. Die Frau klopfte mit dem Gehstock in den Kies. Sie tätschelte mein Knie und nickte wieder. In Zeitlupentempo bewegte sie unterschiedliche Körperteile. Schob den rechten Fuß ein Stück nach vorne. Drückte ihre Wirbelsäule unmerklich durch. Hob das Kinn. Erst verzögert merkte ich, dass sie sich nicht einfach bewegte. Sie erhob sich. Schön, dass du da warst. Sie sagte es, als sie bereits stand und den ersten Schritt weg von der Bank gemacht hatte. Sagte sie es zu mir? Sie drehte sich dazu nicht um. Ich blieb sitzen und beobachtete ihr mühsames Fortbewegen.

Plötzlich. Es schrie und tobte in mir, die Ruhe verwandelte sich in die verhasste Fratze. In die Traurigkeit, die gleichzeitig Wut und Hass war, die ich erst mit Glück vertreiben und dann mit Melancholie besänftigen wollte. Meine Augen folgten der gebückten alten Frau, wie sie mit ihrem Gehstock so langsam den Kiesweg entlang ging. So einsam. Wo war ihr Sohn, der Taxifahrer? Wo war er? Schrie es in mir. Oder verstand ich die Worte nur falsch? Und dann zwängten sich die jahrelang eingesperrten Tränen ans Licht. Es waren zu viele. Sie schrieben mir die verbotene Frage ins Gesicht: Wer war neben deiner Mutter gesessen, als du sie mit einem Riegel aus deinem Leben geschoben und Glück gespielt hast?

(end)

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