Als ich nach Melancholie suchte 3/4

(…)

Anderer Menschen Familienleidensgeschichten waren noch nie zu mir durchgedrungen. Nicht weil ich nicht mitfühlen konnte. Das eigene Glück hatte sich dann nur immer noch schaler und abgeschmackter angefühlt. Der Taxifahrer zeigte sich von meinem Desinteresse wenig ergriffen und erzählte seine Geschichte in verbrauchten Worten, denen ich anhören konnte, wie oft sie bereits in dieser Reihenfolge aneinandergekettet worden waren. Wer sein Leben, seine Probleme, seine Einbahnstraßen einmal ausformuliert hatte, bemühte sich selten nachzufühlen, ob die Worte ewig gültig waren. Und so trugen die Wörter Geschichten in das Leben der Zuhörer, die oft schon längst nicht mehr mit Menschen gefüllt waren. Mutter. Alzheimer. Vergessen. Teures Wohnheim. Alternative Therapie gescheitert. Vergessen. Besuche. Nicht-Besuche. Vergessen. Nicht-Besuche. Wie oft waren diese Worte in diesem Taxi schon in die Leere geschmissen worden? Hier das Heim. Schritttempo. Dafür zahlte ich nicht. Verzeihung.

Zurück auf meiner Matratze breitete sich die Geschichte noch einmal vor mir aus. Und wieder. Verärgert über die unbekannten Leben in meinem Kopf sprang ich ruckartig auf. Fluchte dabei und merkte erst jetzt, dass die Einsamkeit schon längst mein Bettgefährte geworden war. Keine abenteuerlichen Streifzüge durch die Stadt, keine schillernden Trinkgenossen, keine heftige Affäre. Ich war ich geblieben. Eine Sackgasse. Fröstelnd leerte ich zwei Gläser eiskaltes Wasser. Ich dachte über meinen Plan nach, mich vom Glück wegtreiben zu lassen. Wann war ich ins Fahrwasser geraten? Wo waren die Wasserfälle und reißenden Ströme? Wieso klebte mein Leben derart hartnäckig an mir?

Der Weg in das Wohnheim am nächsten Morgen war so vorgezeichnet wie selbstverständlich. Der Gedanke hatte sich mir nach einer weiteren schlaflosen Stunde in den Kopf gesetzt. Ich schaffte es alleine nicht. Und es lag an mir. An meiner Geschichte und an den Geschichten der anderen. Ich brauchte kein neues Buch, das das verhasste vorherige vergessen machte. Ich brauchte ein leeres Buch.

Gelangweilt nickte die Schwester zum Fenster hinaus. Dort sitzt sie, ihre … Tante? Ich lächelte gewinnend. Genau.

(to be continued)

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