Zwei Menschen in zwei Städten 4/4

(…)

In ihrem Kopf hatte sie eine vierte Regel aufgestellt: Erzähle niemanden von ihm. So kam es dann, dass sie eine verlassene Frau war, der keine Freundin, kein Freund die Schulter zum Ausweinen reichte. Im Gegenteil. Stets bemüht ihre Gefühle hinter einer Tarnkappe aus Stress zu verstecken, merkte sie lange Zeit nicht, wie sie nach und nach verschlossener wurde. Einsilbiger. Die Probleme der anderen kamen ihr fremd vor. Sie kam sich fremd vor. Und jetzt stand er da. Nur so wenige Atemzüge von ihr entfernt. Und doch war er ihr um so Vieles fremder, als er es je in der vertrauten Trennung durch die Bildschirme war. Er war irrealer als er es jemals in der medialen Vermittlung gewesen war. Seine Augen waren die eines Unbekannten, seinem Mund entwichen Worte, die ihr fern waren. Mit einem Mal legte sich eine tiefe Trauer über sie. Trauer darüber, nie gewagt zu haben, den nächsten Schritt zu gehen. Nach einem Jahr war er bereit für ein Treffen. Sie hatte ihn von einer Gelegenheit auf die nächste vertröstet. „Ich bin da, wo bist du?“ Seine Worte in jenem E-Mail liefen ihr noch jetzt, Jahre später, kalt über den Rücken. Sie wollte nicht glauben, dass er einfach so, in ihre Nähe gereist war. Sie hätte nur ein Taxi nehmen müssen. Feigheit. Nein, Liebe. Ihr Mann. Sie erinnerte sich genau. Er hatte sie an diesem Abend mit einem stürmischen Kuss begrüßt, sie in den Flur gezogen und in seinen Armen gewiegt. Einfach so. Oft hatte sie über diesen Moment nachgedacht. War es eine Ahnung? Die Geste erwärmte sie und erlaubte ihr keine Antwort. Sie ließ den Laptop vier Tage zugeklappt. Solange, bis sie sicher sein konnte, dass er wieder abgereist war. Dann schrieb sie die geheuchelte Entschuldigung für ihre Online-Abwesenheit, die sie sich in den Nächten davor zurechtgelegt hatte, gespickt mit Bedauern und Unglauben. Warum war ihr Leben nur in so vielen Momenten aus den vorgesehenen Bahnen gelaufen? Das fragte sie sich in manchen Jahren fast jede Nacht vor dem Einschlafen. Dann fragte sie sich auch, warum er dieses Spiel mitspielte. Eine Antwort darauf hatte sie ebenfalls nie gefunden. Und er hatte ihr keine gegeben. Und jetzt will er fünf Jahre auf sie gewartet haben. Gewartet. Als sei sie die einzige Möglichkeit in seinem Leben gewesen. Sicher, er war für sie immer eine Option. Aber eine von mehreren. Eine obsessive, zugegeben, aber immer noch eine von mehreren. In diesem Zusammentreffen, diesem unglückselig-glückseligen Wiedersehen, in diesem Hotel, an diesem Tag, nach so vielen Jahren – ja, sie hätte diese Option gerne gewählt. Aber er zog es vor, sich nicht zu erkennen zu geben. Ihre Augen brannten vor Enttäuschung. Sie schämte sich.

Elena. Punkt. Er rief sie nicht zurück. Er formulierte nur ihren Namen. Elena. Punkt. In diesen fünf Buchstaben erkannte sie ihn. Sie schloss die Augen für einen kurzen Moment. Hielt – unmerklich – inne, bevor sie weiter den Ausgang anvisierte. Und sie lächelte. Noch im Taxi Richtung Flughafen zierte dieses eigenartig jugendliche Lächeln ihr Gesicht.

(end)

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