Zwei Menschen in zwei Städten 3/4

Regel Nummer Zwei: Keine Online-Treffen ohne Sex. Sie hatte gedacht, die exzessive Nähe würde eine wirkliche verhindern. So war es dann auch gewesen. Vier Tage lang. Vier Tage, in denen seine Verwicklungen unübersehbar wurden und sie ihre Gefühlsdistanz zentimeterweise aufgegeben hatte. Es folgten: Stundenlange Gespräche, die sie ihr Leben und ihre Sicht auf die Dinge fast fundamental anders betrachten hatte lassen. Gemeinsam hatten sie sich einem Erkenntnisrausch hingegeben. Noch nie hatte ein Mann nach so kurzer Zeit ‚Ich liebe dich’ zu ihr gesagt und sie es uneingeschränkt geglaubt. Ja, die Wahrheit dahinter gefühlt. Es hatte ihr gefallen, wie sie zu einem besonderen Menschen gemacht wurde. Einem Menschen, der sie nie gewesen war und sich in seiner Gegenwart doch lange so gefühlt hatte. Die Enttäuschung, auf die sie in diesen ersten Monaten gewartet hatte, war nicht gekommen. Stattdessen: immer mehr Nähe. Nähe, deretwegen sie ihn mehr an ihrem Leben teilhaben gelassen hatte, als die Menschen, die ihr bislang nahe gewesen waren. Sie hatten über Galeriekonzepte (zum Teil verwirklichte), Lebensentwürfe, Weltpolitik, Kinofilme, französische Weine, Alzheimer (sein Vater) und Glück (er fand es überbewertet) diskutiert. Sie hatten gemeinsam Pläne für seine wissenschaftliche Karriere geschmiedet und wieder verworfen. Er hatte ihr Fotos von seinem Frühstück und seinem neuen Fahrrad und sie ihm von ihren neuesten Kunstwerken geschickt. Und sie hatten gelacht. Sie hatte mit ihm geweint, als sein Vater gestorben war. Er hatte mit ihr ihre Freundin verabschiedet, deren elf Hirntumore aus einem Menschen in nur einem Sommer eine farblose Hülle gemacht hatten. Wir hatten ein gemeinsames Leben, sie drehte sich noch einmal zu ihm um. Er schüttelte den Kopf. Wir hatten eine Fantasie und wir waren zu feige uns einzugestehen, dass es eine Fantasie war. Nicht mehr. Die Worte hämmerten als Migräne gegen ihre Schläfen. Obwohl sie bewegungslos verharrte, fühlte sie sich hyperventilieren.

Regel Nummer Drei: Kein Nicht-mehr-Melden. Eine Verabschiedung, so hatten sie bald beschlossen, sei das Mindeste. Keine von ihnen hatte Lust Stunden vor dem Computer auf ein Lebenszeichen des anderen zu warten. Oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, wenn der Schmerz seiner Abwesenheit nicht mehr auszuhalten war, einfach alle Informationen über ihn zu löschen. Es könnte so einfach sein. Kurz heftig, sicher. Aber dann: die Erlösung. Geschafft hatte sie das nie. Er schon. Plötzlich war er einfach nicht mehr greifbar. Wut. Angst um ihn. Wieder Wut. Trauer. Hass. Erleichterung. Wut. Enttäuschung. Schmerz. Ihre Gefühle tobten. Sie stritt mit Menschen in ihrem Umfeld und verletzte sie, weil sie verletzt worden war. Immer wieder, stundenlang, saß sie vor ihrem Computer und hoffte, so ein Lebenszeichen von ihm heraufbeschwören zu können. Sie schickte ihm ein halbes Jahr lang regelmäßig Nachrichten. Nicht eine beantwortete er. Kannst du nicht wenigstens ‚Auf Wiedersehen’ sagen? Die Frage stellte sie ihm wieder und wieder. Eines Nachts war sie aufgewacht. Wie sooft in dieser Zeit. Sie streifte die entblößte Schulter ihres Mannes, während sie sich vorsichtig über ihn beugte. Er schlief. Tief. Leise verließ sie das gemeinsame Bett, um in der Küche zwei Gläser eiskaltes Wasser zu trinken. Ihre Gedanken waren bei ihm. Plötzlich sah sie klar. Sie jagte einer Fantasie hinterher, die nur mehr in ihrem Kopf existierte. Als es noch zwei Menschen waren, die diese Fantasie lebten, war es verrückt, vielleicht dumm. Aber jetzt, da sie alleine war, jetzt war es besessen. Sie öffnete das Fenster und obwohl die herbstliche Nacht fordernd in die Küche drang, fror sie nicht. In dem Haus gegenüber war es dunkel hinter allen Fenstern. Die Straße war menschenleer. Alle Autos eingeparkt. Stille. Dort hinein: ihre Klarheit. Sie fühlte sich befreit oder, besser, geheilt. Zum ersten Mal seit langem verbrachte sie diese Nacht traumlos. In den Tagen und Wochen danach gaben sich die entferntesten Pole auf der Gefühlsskala die Hand. Nur manchmal gelang es ihr, ihn einfach zu vergessen. Dann immer ein bisschen länger. Doch selbst zuletzt: Sie hatte in regelmäßigen, länger werdenden Abständen immer wieder den Namen, den sie für ihn erfunden hatte, als E-Mail-Adresse vervollständigt in das dafür vorgesehene Feld eingeschrieben. Dazu das Passwort, das sie nie zuvor und nie zu einem anderen Zweck verwendet hatte. Eine Nachricht hatte sie schon bald nicht mehr erwartet. Dennoch. War es Hoffnung oder Routine, sie wollte, nein, sie konnte nicht damit aufhören, in Erwartung einiger Zeilen von ihm zu sein. Seine Worte waren daran ebenso schuld wie sein Wesen. Mit ihm lief sie über Tau-nasses Gras und versank in poetischen Meeren. Kitsch, Liebesschnulzen, Romanze – das war nie ihre Welt gewesen. In der fremden Sprache und aus dem Mund dieses Mannes, der vorgegeben hatte, sich nur ihr zu öffnen, war sie empfänglich dafür wie die Protagonistin einer Telenovela. Er beschrieb sie als empfindsam, doch er war es, der sie erst dazu machte. Sie folgte seinen Worten wie Straßenschildern, deren Ziel sie zwar nicht kannte, jedoch eines Tages erreichen wollte.

(to be continued)

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