Als ich nach Melancholie suchte 1/4

Als ich in meiner neuen Wohnung saß, die sich noch ganz und gar nicht nach der meinigen anfühlen wollte, nach Farbe und Chlor roch, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es vielleicht doch ein Fehler war. Und für einen Moment hasste ich die Einsamkeit. Draußen vor meinem Fenster drehte sich die Stadt, es schien, als habe jeder eine Verabredung. Nur ich war alleine. Aber war ich einsam? Ich beschloss, der Frage vorerst nicht nachzugehen. Legte mich auf die Matratze am Boden, neben den Schachteln mit dem Wenigen, dem ich erlaubt hatte, mich zu begleiten. Ich stoppelte mir die Ohren mit Musik zu und versuchte in meinem Kopf Platz für das Neue zu schaffen. Die Gedanken an viele geführte und auch nicht mehr geführte Gespräche stolperten immer wieder in die neue Leere. Sätze pochten im Rhythmus der Musik. Manche traurig, manche auffordern, manche verletzend. „Du bist verrückt.“ „Auf welchen Selbstfindungstrip bist du denn?“ „Verlasse mich nicht.“ „Und was soll ich mit diesem Gefühl anfangen?“ Verdrängen, ergänzte ich selbst die Antwort. Dann so tun, als sei nie etwas gewesen. Ich spürte, wie meine Nachdenklichkeit ein bisschen in Wut umschlug. In meinem ganzen leben hatte ich nicht annähernd so viele Stehsätze gesagt bekommen, als kurz vor meiner Abreise. „Ich hoffe, du findest, was du suchst“, hatte mir eine Freundin zugeflüstert. Wenn ich an sie denke, werde ich trauriger. Sie war die erste, die ich hier vermisste. Plötzlich übermannte mich die Einsamkeit. Eine ebenso einsame wie zielstrebige Träne floss an meinem Gesicht herab. Ich überlegte kurz, noch in irgendeine Bar zu gehen. Mich an den Tresen zu setzen und ein paar Zigaretten zu rauchen. Verwarf die Idee gleich wieder. Zu platt, zu anstrengend, nur ein filmisches Déja-vu.

Glück wird eindeutig überbewertet. Ich weiß das. Habe ich doch die letzten drei Jahre meines Lebens damit verbracht, glücklich zu sein. ich hatte den Mann, den ich liebte, den Job, den ich wollte, und die Freunde, die ich brauchte. Das Glück ist nicht wie ein Schmetterling, den man behutsam fangen und behüten muss. Für mich war das Glück ein riesiger Elefant. Es war kein Vorbeikommen daran, keine Möglichkeit es zu Fall zu bringen. Zum Leben gehört doch noch mehr. Ich wollte intensive Gefühle, Obsessionen, Verrücktheiten, Leidenschaften. Nach und nach habe ich gelernt, dass dazu auch Schmerz gehört. Also bin ich vor einem Jahr aufgebrochen, um den Schmerz der Welt zu kosten. Es war leichter als gedacht, meinen Job zu kündigen und mich von Freunden und meiner Liebe zu verabschieden. Leider auch zu wenig schmerzhaft, wie ich feststellen musste. Unausweichlich musste ich mir die Frage stellen: War mein Leben bisher eine Lüge? Wie sonst konnte ich das, was mir vermeintlich wichtig war, sonst so einfach verlassen? Waren meine Gefühle bereits so abgetötet, dass ich nicht einmal gemerkt hatte, unglücklich zu sein. Doch ich war nicht unglücklich. Ich war nur leer und taub. Ich setzte mich in den Zug und fuhr weg. Jede Minute meines neuen Lebens kam mir vor wie ein falscher Traum. aber ich hatte mich entschieden. Ich hatte niemandem von meinem Plan erzählt, das Weinen wieder zu lernen. Ich wollte nicht nur mehr in Büchern von der Melancholie und dem Schmerz lesen, ich wollte sie selbst erleben.

(to be continued)

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