Als ich nach Melancholie suchte 2/4

Ich hielt Ausschau nach einer Bank. Nur sitzen und rauchen. Den Moment ein bisschen wirken lassen. Ein Mann mit unappetitlichem grauen Mantel und eigenartig geformten Stock belegte die einzige Sitzgelegenheit in der Herbstsonne. Grimmig drehte ich mich um, setze mich ein wenig entfernt auf eine Steinmauer. Sie war ein wenig feucht, aber ich ignorierte die Kälte unter mir. Ich beobachtete die vorüber schlendernden und hetzenden Passanten. Ich hatte mir selbst eine dreiwöchige Auszeit für die neue stadt gegeben. Bis dahin, so sah mein Plan aus, sollte ich mich soweit eingelebt haben, um mit meinem neuen Job zu starten. Vielleicht sollte ich nun doch irgendwann damit beginnen, Leute kennenzulernen. Ich hängte mir ein freundliches Lächeln um und hoffte, angesprochen zu werden. Der Versuch scheiterte. Natürlich. Ich wurde noch nicht einmal angemacht. Wieder begannen die Menschen aus meiner alten Umgebung in meinem Kopf zu sprechen. Selbst jene, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Auch mein Vater tauchte mit ein paar strengen Worten auf. Ich glitt von der Mauer und eilte los. Es gab nur keinen Ort, den ich anpeilen konnte, also stieg ich die Treppen zur Metro hinab. Und fuhr irgendwo hin.

„Ich hasse dich“, das Mädchen mit den eigenartig verformten Haaren schrie beinahe und ließ die letzte Silbe zischend von sich abprallen. Der Angesprochene hatte die Autotür schon längst zugeschlagen. Er startete, während ich die Wütende  genauer betrachtete. „Kann ich dir helfen?“ „Verpiss dich!“ Also trat ich meine Zigarette aus und ging ich zurück in die Bar, setzte mich zu meiner neuen Bekanntschaft und bestellte noch ein Bier. Die frische Luft hatte mich benommen gemacht. Ich unterhielt mich weiter über die Vorzüge von Flachbildfernsehern und lachte dabei ein paar Mal zu oft zu laut. Mein Gegenüber schien angetan und nahm mich schließlich mit zu sich. Nachdem ich in seinen Flur gekotzt hatte, gab er sich zurückhaltender und rief mir schließlich ein Taxi. nicht ohne mir eine gute Nacht zu wünschen. Immerhin. Verwirrt und ein bisschen verärgert darüber, die Kontrolle verloren zu haben, landete ich schließlich auf meiner Matratze. bei meinen Gedanken. Während ich diese noch zu vertreiben versuchte, war ich eingeschlafen.  Ich träumte von einem Apfelbaum, der Drehpunkt des öffentlichen Verkehrs war. Bus und Straßenbahn hielten vor ihm und die Fahrgäste stürzten sich von den Ästen in die geöffneten Türen. Ich hatte Aufsicht über die Vorgänge und traf dabei einige Bekannte: eine Freundin, den Kassier vom Billa, meine Uniprofessorin und meinen früheren Freund. Am Morgen wunderte ich mich einige Minuten über diese Konstellation. Dann begann das Pochen in meinem Kopf und ich beschloss, den Rest des Tages nicht von meiner Matratze aufzustehen.

Meine eigenen Schritte machten mir Angst. Der Regen durchdrang langsam meine Haube. Dennoch verlangsamte ich mein Tempo ein bisschen, als ich endlich aus dem Gassengewirr auf einen größeren Straßenzug trat. Die Lichter der Schaufenster und Autos spiegelten sich im dunklen Asphalt. Und ich kam mir vor wie in einem Musikvideo. Dieser Gedanke brachte mich zum Lachen. Und ich genoss das Verlorensein ein bisschen. Schließlich winkte ich sogar nach einem Taxi. Eine Verkühlung konnte ich nicht gebrauchen. Der Fahrer erzählte mir von seiner kranken Mutter. Ich schaute ihn mitleidig von der Seite an.

(to be continued)

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