Zwei Menschen in zwei Städten 2/4

Hastig suchten ihre Augen den Mann vor ihr nach dem Mann ab, dem sie sich einem Kunstwerk gleich ausgestellt hatte. Dazu hatte eine einzige Begegnung gereicht. Und dann: Das Video-Rechteck am Bildschirm war über Tage, Wochen und Monate hinweg sein Weg zu ihr und ihr Weg zu ihm gewesen. London und Wien waren zu Nachbarstädten geworden. Der Schmerz über die räumliche Trennung war in dieser Zeit einfach Teil ihres Lebens geworden, eine Unannehmlichkeit, an die sie sich durchaus gewohnt hatte. Eine vertraute Wärme breitete sich tief unten in ihrem Körper aus, wenn sie an das erste Wochenende dachte, das sie so gemeinsam verbracht hatten. Sex war es gewesen, der sie aneinander gefesselt hatte. Eigenwilliger Sex, mit dem er sie berührte, ohne sie tatsächlich zu berühren. Ihre Hand war zu seinen Küssen und seinem Körper geworden. Und wieder. Und wieder. Er war es, der plötzlich Zuneigung und liebevolle Gefühle in das Rechteck gebracht hatte. Wenig engagiert hatte sie versucht, den Wandel in ihrer Beziehung aufzuhalten. Die Regeln waren in ihrem Kopf zuvor so klar formuliert gewesen. Nummer Eins: Kein gemeinsames Lachen. Sie waren nicht einmal betrunken gewesen in dieser Nacht, als sie von den Rückschlägen ihrer jeweiligen Leben zu pubertärem Gelächter gewechselt waren. Seither hat sie die Verbundenheit zu ihm nicht mehr abgelegt. Ein halbes Jahr lang hatten sie daraufhin versucht, sich zu vergessen – nach anfänglichen Fantasien über eine mögliche gemeinsame Zukunft. Schnell wurde klar: Einer von beiden hätte dafür sein Jetzt aufgeben müssen. Sie war verheiratet. Und doch, in dieser Zeit hätte sie ein One-Way-Ticket gekauft. Er hatte es ihr verboten. Niemals hatte sie diese Frage geklärt: War es Angst, Unwillen, Unsicherheit, ein Spiel gewesen. Lass uns zumindest ein Jahr warten. Seine Worte hatten sie nicht in Trauer, sondern in Trost gehüllt. Trost auf eine mögliche Zukunft, ein Plan B ihres Lebens, das sie gemocht, aber doch nur leidenschaftslos geliebt hatte.

Aus einem Jahr waren elf geworden. Elf. Die Zahl berührte sie heute voller Verzweiflung. In den elf Jahren hatte sie vor allem verloren. Die Neugier, die Jugend, die Leichtigkeit, die schon immer schwerer als die von anderen gewesen war. Die Toleranz, die Fröhlichkeit, die schöne Form ihrer Brüste. Ihren Mann hatte sie nicht verloren, aber er war zu ihrem Bruder geworden. Er liebte sie bedingungslos, so wie er es einst vor dem Priester versprochen hatte. Nur sie, sie liebte ihn immer noch nur leidenschaftslos. Liebevoll und zärtlich, ja. Aber unaufgeregt und schlicht. Die Gedanken und Gefühle, die ihr Geliebter – ja, so hatte sie ihn stets bei sich genannt – in ihr Leben gebracht hatte, hatten paradoxer-, oder doch passender- (?), -weise ihrer Karriere als Galeristin gut getan. Sie hatte ein Gespür für herausragende Neuheiten entwickelt, wie es in der Stadt fast beispiellos war. Zumindest hatten das die Kunden befunden und die Zeiten der Geldknappheit waren seither beendet. Plötzlich schämte sie sich, so wie sie jetzt vor ihm stand. Sie war Mitte vierzig, wie er. Aber ihr wurde klar, dass das Bild, das er von ihr hatte, an die sechs Jahre jünger sein musste. Lebhafter, weniger streng, liebenswerter. Begehrenswerter. Sie strich sich Haare, auch wenn sie ihr nicht in die Stirn gefallen waren, mit einer ihr eigenen Geste aus dem Gesicht. In dem Moment, in dem sie sich nun von ihm abwandte, weil sie wusste, es tun zu müssen, bereute sie es. Ich verstehe, flüsterte sie dabei. Es fiel ihr mit einem Mal schwer die Balance zu halten und so tapste sie wie auf einem Turnbalken Schritt für Schritt vorsichtig in Richtung Ausgang. Vielleicht, so der einzige Gedanke, der sie hielt, vielleicht erkennt er mich zumindest in meiner Rückenansicht. Den Arsch, dessen Backen er heftig hatte kneten wollen. Den Nacken, den er viele Male hatte küssen wollte. Den Rücken, den er ihr vor ihrem Aufwachen hatte streicheln wollen.

(to be continued)

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